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    Würzburg / Schweinfurt

    Krankenhausabfall: Was passiert mit Organen und Gliedmaßen?

    Krankenhausabfall: Was passiert mit Organen und Gliedmaßen?
    Bei Operationen fällt nicht nur "normaler" Müll an. Auch entnommene Körperteile müssen entsorgt werden. Foto: dpa

    Dass eine Bananenschale in der Biotonne oder eine alte Zeitung im Papierkorb landet, ist weitgehend bekannt. Doch wohin mit einem amputierten Arm oder einer menschlichen Gewebeprobe? Für Krankenhäuser gehört diese Frage zum Alltag. Denn bei Operationen oder medizinischen Eingriffen müssen nicht nur Kanülen oder Tupfer entsorgt werden. Dabei fällt auch der sogenannte "ethische Abfall" an. Zu ihm gehören beispielsweise Organe, Gewebeentnahmen, Mutterkuchen, Gliedmaßen oder menschliches Blut. Doch landen "ethische Abfälle" einfach in einem normalen Mülleimer?

    "Theoretisch gehört jedes Körperteil dem Menschen, von dem es stammt."
    Andrea Gerstner, Bayerische Krankenhausgesellschaft

    "Theoretisch gehört jedes Körperteil dem Menschen, von dem es stammt", sagt Andrea Gerstner, zuständig für Medizin und Qualitätsmanagement bei der Bayerischen Krankenhausgesellschaft. Theoretisch könne ein Patient also auch seinen amputierten Arm mit nach Hause nehmen. Dies passiere aber bei Gliedmaßen oder Menisken nicht. Anders sei es mit Plazenten. "Es kommt schon vor, dass manche Frauen nach der Geburt ihres Kindes den Mutterkuchen haben wollen", so Gerstner. Im Normalfall kümmere sich aber das Krankenhaus um die ordentliche Entsorgung der "Abfälle".

    "Fast jedes Krankenhaus hat einen Abfallbeauftragten", sagt Andrea Gerstner. Sie trifft sich regelmäßig mit Vertretern der Einrichtungen, um über die rechtlichen Müllregelungen zu informieren. Das sei wichtig, da die Müllthematik gerade im Gesundheitsbereich komplex ist. Auskunft darüber gibt die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Abfall, kurz "Laga".

    Verpacken, kühlen, verbrennen

    Laut Laga gibt es für unterschiedliche Müllarten verschiedene Abfallschlüssel. Festgelegt im Europäischen Abfallverzeichnis ist der Abfallschlüssel 18. Er betrifft Abfälle aus humanmedizinischer Versorgung. "Entnommene Dinge kommen in eigene Behältnisse, werden gekühlt und dann wegtransportiert", sagt Gerstner. Die schon im Operationsraum bereitstehenden Behältnisse werden gekennzeichnet, verschlossen und dürfen aus Infektionsgründen nicht mehr geöffnet werden. Bei einer Temperatur unter 15 Grad lagern sie maximal eine Woche lang, bevor sie zu einer Sondermüllverbrennungsanlage gebracht und dort mit Verpackung verbrannt werden, so die Vorgaben.

    Neben Körperteilen müssen auch gefährliche und infektiöse Gegenstände sowie giftige Arzneimittel zur Verbrennungsanlage gelangen. Insgesamt will man dadurch die Infektionsgefahr durch Krankenhausabfälle verhindern. Früher, sagt Gerstner, hätten einige Krankenhäuser noch eigene Krematorien gehabt. Heute nähmen die meisten Häuser Transportunternehmen in Anspruch.

    Keine Entsorgung bei Untersuchungsbedarf

    "Wenn etwas rausgeschnitten wird – meist ein Tumor – dann kommt es direkt in ein steriles Behältnis", erklärt auch Reiner Labisch, Abfallbeauftragter vom Klinikum Main-Spessart. Allerdings müsse er sich anschließend nicht um die Entsorgung kümmern. "Bei uns kommt fast alles erstmal zur Untersuchung in eine Pathologie", sagt Labisch. Fast acht Jahre sei es her, dass man etwas selbst entsorgen musste, erinnert er sich: Durch den Wegfall der Geburtshilfe falle in der Einrichtung fast kein "ethischer Abfall" mehr an.

    Krankenhausabfall: Was passiert mit Organen und Gliedmaßen?
    In der Pathologie werden häufig Körperteile von Lebenden untersucht. Nicht nur wie hier, das Herz eines Verstorbenen. Foto: dpa

    Professor Andreas Rosenwald leitet das Institut für Pathologie der Universität Würzburg. Dort landen überwiegend Körperteile und Gewebeentnahmen aus der Uniklinik, dem Klinikum Würzburg Mitte und Arztpraxen aus der Region. "Unser Haus führt pro Jahr 50 Obduktionen durch. Im Vergleich dazu sind es 50 000 Diagnosen an lebenden Patienten", so Rosenwald. Demnach kämen viele Proben aus dem Magen-Darm-Bereich, der Gallenblase und dem Blinddarm zur Untersuchung. Einen Großteil machten Krebs-Präparate aus. "In der Regel brauchen alle Körperteile und Organe eine pathologische Diagnose", so Rosenwald. Entsorgt ein Krankenhaus den "ethischen Abfall" ohne Untersuchung, trage es dafür das Risiko.

    Was passiert in der Pathologie?

    Wenn ein Patient anhaltende Magenschmerzen hat, erklärt Rosenwald, kommt es gelegentlich zu einer Probeentnahme. In drei Millimeter großen Probegefäßen landet diese Entnahme dann in der Pathologie. Dort wird sie in einen Wachsblock eingebettet und dünne eingefärbte Schnitte daraus anschließend unterm Mikroskop untersucht. In Würzburg können diese Proben viele Jahre gelagert werden. "Wir haben viel Platz, aber in kleineren Pathologien wird mehr weggeworfen", so Rosenwald.

    Anders sehe es bei größeren Teilen, wie etwa einem amputierten Bein oder einem großen Stück Dickdarm aus. Von ihnen werden nur Teile unterm Mikroskop untersucht, der Rest wird nach vier- bis sechswöchiger Formalin-Einlagerung entsorgt. Dafür wird der "ethische Abfall" in spezielle Behälter gepackt, markiert und dann von einem Spezialunternehmen abgeholt, so der Experte. Ein Großteil dessen, was in der Pathologie untersucht wird, lagert aber lange dort. Laut Rosenwald habe man vor Ort rund eine Million Gewebeproben.

    Abhängig von der Spezialisierung der Krankenhäuser

    Für Standorte, die ihre "ethischen Abfälle" regelmäßiger entsorgen müssen, gibt es Verbrennungsanlagen. Eine davon steht in Augsburg. Die meisten bayerischen Krankenhäuser bringen ihren besonderen Müll dorthin. Auch die unterfränkischen Einrichtungen lassen ihre Sonderabfälle nach Augsburg transportieren.

    "Es ist massiv abhängig davon, welche Spezialisierung ein Krankenhaus hat", sagt Dominik Schiesser, Abfallbeauftragter vom Klinikum Würzburg-Mitte. Demnach fielen in Häusern mit Unfallchirurgien wesentlich mehr Gliedmaßen an, als beispielsweise in der Missio-Klinik. Hier gebe es durch die Geburtshilfestation überwiegend Plazenten.

    Was passiert mit Totgeburten?

    Veit-Maria Oertel, Leiter der Unternehmensentwicklung im Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt bestätigt die Vorgehensweise. "Ethischer Abfall" werde zu einer Verbrennungsanlage in Augsburg gebracht. Totgeburten wiederum würden gar nicht entsorgt. "Sie kommen zu einer Sammelbestattung", sagt Oertel. "Jedes embryonale Gewebe, also Frühaborte, Spätaborte und Totgeburten, wird bestattet", teilt auch eine Sprecherin des Universitätsklinikums Würzburg mit. Wobei es Unterschiede in der Art der Bestattung gebe. Prinzipiell gingen aber alle Föten in die Pathologie und von dort aus werde das jeweilige Bestattungsverfahren eingeleitet.

    "Bei einer Totgeburt mit einem Gewicht von über 500 Gramm müssen sich die Familien um die Bestattung kümmern", erklärt Andrea Gerstner. Dann handele es sich um einen menschlichen Leichnam. Unterhalb dieser Gewichtsmarke seien die Angehörigen nicht zwingend für die Beisetzung verantwortlich. Sie dürfen es aber laut bayerischem Recht. Andernfalls sorge das jeweilige Krankenhaus für eine Sammelbestattung. Früher, sagt Gerstner, wurden Totgeburten unter 500 Gramm als Organabfall betrachtet. Erst eine Initiative sorgte für ein Recht auf Bestattung.

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