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    WÜRZBURG

    „Kreuz nicht für politische Zwecke missbrauchen“

    Nimmt kein Blatt vor den Mund: der katholische Studentenpfarrer Burkhard Hose. Foto: Stefan Weigand

    Für eine Kontroverse und teils heftige Kritik sorgt der Beschluss des bayerischen Ministerrates, dass ab 1. Juni in allen staatlichen Behörden in Bayern Kreuze aufzuhängen sind. Ministerpräsident Markus Söder hatte die Anordnung am Dienstag bekannt gegeben und das Kreuz als „grundlegendes Symbol unserer bayerischen Identität und Lebensart“ bezeichnet.

    Würzburger Staatsrechtler sieht Verstoß gegen Neutralitätsgebot

    Der renommierte Würzburger Staatsrechtler Horst Dreier sieht dagegen Verfassungsprobleme: Mit der Anweisung verstoße der Freistaat klar gegen das im Grundgesetz verankerte religiös-weltanschauliche Neutralitätsgebot. Auch rechts- und integrationspolitisch sei der Beschluss ein „verheerendes Signal“, wie Dreier im Gespräch mit der Redaktion meinte.

    Hochschulpfarrer Burkhard Hose protestiert beim Ministerpräsidenten

    Erzürnt zeigt sich der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose in einem Offenen Brief an den Ministerpräsidenten. Das Kreuz werde als „verlängerter Arm einer Politik der Ausgrenzung oder des nationalistischen Egoismus“ missbraucht, schreibt Hose, der seinen Brief auch über das soziale Netzwerk Facebook veröffentlichte. Dort stieß sein Beitrag auf ein großes, überwiegend positives Echo und wurde bis Mittwochnachmittag über 1300 Mal geteilt.

    Auch viele Pfarrerskollegen aus katholischer und evangelischer Kirche und Ordensleute über Würzburg hinaus hätten sich zustimmend gemeldet – „das habe ich so noch nie erlebt“, sagte Hose auf Anfrage. Daraus schließt er: „Söders Art, mit dem Christentum Politik zu machen, stößt bei vielen auf Ablehnung.“

    Hose: Kreuz instrumentalisiert zur Abgrenzung gegenüber anderen Religionen

    Noch mehr als die Anordnung der Pflichtkreuze selbst stört den sozial und interkulturell engagierten Hochschulpfarrer die Begründung. Dass das Kreuz für die Gesellschaftsordnung und die Identität Bayerns stehe, stimme nicht. Damit werde das Kreuz auf einen Folkloregegenstand verkürzt. Hose: „Das Kreuz steht für die Solidarität mit den Schwachen und Leidenden.“ Er sieht es von Söder und der CSU-Staatsregierung instrumentalisiert zur Abgrenzung gegenüber anderen Religionen.

    Im Brief an den Ministerpräsidenten heißt es: „Beenden Sie den Missbrauch des Christlichen und seiner Symbole als vermeintliches Bollwerk gegen den Islam.“

    Kritik an Flüchtlingspolitik der Staatsregierung

    Weiter fordert er Söder auf, die Abschiebungen nach Afghanistan auszusetzen und eine humanere Flüchtlingspolitik zu betreiben: „Ich pfeife auf ein ,christliches Abendland‘ mit Schulkreuzen an der Wand, Burkaverbot, mit all seinen christlichen Feiertagen und seiner behaupteten ,Leitkultur‘, das Menschen bewusst in Lebensgefahr abschiebt oder zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken lässt.“

    FH-Präsident erwartet keine negativen Reaktionen von Studierenden

    Auch die Hochschulen gehen aktuell davon aus, dass sie als staatliche Einrichtungen ab 1. Juni Kreuze in den Eingangsbereichen anbringen müssen. Robert Grebner, Präsident der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS) hat den Beschluss gelassen aufgenommen. Politisch legitimierte Volksvertreter hätten ihn getroffen, er werde umgesetzt. Persönlich habe er kein Problem mit Kreuzen an Hochschulgebäuden – Irritationen bei Studierenden anderer Religionen erwartet er trotz forcierter Internationalisierung nicht. „Aber ja, man muss die Maßnahme gut erklären.“

    An der Uni Würzburg will man zunächst eine schriftliche Anweisung aus dem Ministerium abwarten. Sollte sie kommen, wolle die Unileitung das Thema im Senat beraten, so Kanzler Uwe Klug auf Anfrage. Eine breitere Beteiligung scheine hier geboten.

    Weihbischof Boom: Kreuz ist kein Kampf- sondern Liebeszeichen

    Würzburgs Weihbischof Ulrich Boom sagte auf Nachfrage: „Das Aufhängen von Kreuzen in staatlichen Gebäuden ist zunächst eine Angelegenheit des Staates.“ Der Diözesanadministrator betonte: „Wo es hängt, ist es für Christen kein Kampfzeichen in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Religionen.“

    Vielmehr solle es ermutigen zum Engagement für Gerechtigkeit, zum Einsatz für Menschen in Not – auch und vor allem für Geflüchtete. Denn das Kreuz sei ein Zeichen der Nähe und Demut Gottes, ein Zeichen des Dienstes, der Liebe und der Nächstenliebe. „Es ist das Liebeszeichen Gottes schlechthin – ein Pluszeichen, auf das ganz viele Menschen warten, weil in ihrem Leben ein Minus steht.“

    Appell an Politik: Christliche Bedeutung des Kreuzes erkennen

    In Richtung Politik sagte der Weihbischof: „Von der CSU erhoffe ich mir, dass ihre Mitglieder das Kreuz in dieser christlichen Bedeutung sehen und nicht zuerst als Bekenntnis zur Identität und zur kulturellen Prägung in Bayern. Ich hoffe vor allem, dass das Kreuz nicht für den Wahlkampf verzweckt und für politische Interessen instrumentalisiert wird.“

    Auch Edda Weise, evangelische Dekanin in Würzburg, verweist auf die christliche Botschaft des Kreuzes: „Es ist kein bloßes Kultursymbol, sondern hat eine kritische und verpflichtende Bedeutung“, meinte sie auf Anfrage. Das Kreuz stehe für die Verantwortung vor Gott und für die Schwachen und Hilfebedürftigen.

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