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    WÜRZBURG

    Lag Jesus wirklich in der Krippe?

    Einige Details der traditionellen Weihnachtsgeschichte sucht man in den Evangelien vergeblich. Manche sind widersprüchlich. Ist die ganze Erzählung unhistorisch?
    Juristischer Blick auf die Passion Christi
    Professor Rene Pfeilschifter, Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte der Universität Würzburg Foto: Daniel Peter

    Einige Details der traditionellen Weihnachtsgeschichte sucht man in den Evangelien vergeblich. Manche sind widersprüchlich. Ist die ganze Erzählung unhistorisch?

    „Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.“ Jesaja 9,5

    Maria und Josef, der Stall, der Stern, die Hirten, drei Könige. Die Weihnachtsgeschichte kennt jedes Kind. „Obwohl im Zentrum des christlichen Glaubens Jesu Tod, nicht Jesu Geburt steht“, sagt Professor Rene Pfeilschifter, Althistoriker an der Uni Würzburg. Folgerichtig widmen sich die Evangelien mehr der Passion denn der Kindheit Jesu. „Leute, die sich für Christus interessiert haben, wollten aber bestimmt wissen, was das für ein Mensch war, wo er herkam“, so Pfeilschifter. Nachdem diejenigen, die Jesus selbst gekannt hatten, gestorben waren, mussten schriftliche Zeugnisse her – doch wie historisch plausibel ist die Geschichte, die an Heiligabend wieder tausendfach gelesen wird?

    Die Quellen

    „Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Dabei hielten sie sich an die Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen (...).“ Lukas 1,1-3

    „Die Evangelien sind, was die Geburt Jesu angeht, unsere einzigen Quellen“, sagt Pfeilschifter. Aber nicht alle vier Evangelisten berichten von dem Ereignis: Informationen zur Geburt liefern nur Matthäus und Lukas. Verwunderlich ist das für den Althistoriker nicht: „Da die meisten berühmten Leute eher berühmt sterben als berühmt geboren werden, ist das Interesse für die letzte Lebensphase immer größer.“ Daher wisse man bei vielen historischen Persönlichkeiten wenig über deren Kindheit.

    So auch bei Jesus: „Der Beweis dafür, dass er der Sohn Gottes ist, wird durch Kreuzigung und Auferstehung erbracht, nicht durch die Kindheitsgeschichten.“ Geburt und Kindheit Jesu seien daher erst spät in den Fokus gerückt. Vermutlich bedienten sich Matthäus und Lukas aus verschiedenen mündlichen Überlieferungen und Quellen.

    Der Geburtstag

    „In den Evangelien gibt es keinen Hinweis auf den Geburtstag“, sagt Pfeilschifter. Nicht einmal die Jahreszeit sei genannt. Dass wir heute am 25. Dezember die Geburt Jesu feiern, sei allerdings keine willkürliche Entscheidung gewesen: An diesem Tag feierten die Römer ihren Sonnengott Sol. Doch schon im vierten Jahrhundert tauchte in Rom der 25. Dezember als Geburtstag Jesu auf.

    Auch das Geburtsjahr lässt sich nicht exakt bestimmen. „Ganz sicher ist nur, dass es nicht das Jahr Null war. Das gibt es in unserer Zeitrechnung gar nicht“, sagt Pfeilschifter lachend. Die Evangelien helfen hier auch nicht weiter – im Gegenteil: Lukas und Matthäus sprechen beide davon, dass Jesu Geburt in die „Zeit des Herodes, des Königs von Judäa“, fiel. „Herodes starb im Jahre vier vor Christus“, sagt Pfeilschifter.

    „Und damit gibt es ein Problem.“ Denn Lukas berichtet auch, dass Kaiser Augustus noch während Marias Schwangerschaft dem für Judäa zuständigen Statthalter Quirinius den Befehl zu einer Volkszählung gab. „Judäa wird aber erst im Jahre sechs nach Christus von den Römern annektiert“, so Pfeilschifter. Immerhin: Eine Volkszählung gab es damals. „Damit sollten die Steuerpflichtigen erfasst werden.“

    Aus heutiger Sicht mag dieser Widerspruch gravierend wirken. Doch von einer Fälschung will der Experte nicht sprechen. „In einer Welt, in der exakte Jahreszahlen nicht so wichtig sind und man nur wenige schriftliche Aufzeichnungen hat, wirkt das Faktum, dass Quirinius zeitlich nicht zu Herodes passt, eher wie ein lässlicher Irrtum. Zudem wurde er erst viele Jahrzehnte später begangen.“ Was für den Wissenschaftler aber eigenartig ist: Steuern habe man auch in der Antike dort bezahlt, wo man gelebt hat.

    Der Geburtsort

    „Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.“ Micha 5,1

    Noch einmal der Reihe nach: Bei Lukas kommen Josef und Maria aus Nazareth, einem unbedeutenden Dorf. „Das macht die Information glaubhaft“, so Pfeilschifter. Es gebe keinen Grund, sich das auszudenken. Wegen einer Volkszählung müssen sie aber nach Bethlehem, wo Josef ursprünglich herstammt. Dort wird Jesus geboren und in eine Krippe gelegt. Später gehen sie nach Nazareth zurück.

    Warum musste Josef also von Nazareth nach Bethlehem gehen? „Vielleicht gibt es eine Erklärung, die wir schlicht nicht mehr nachvollziehen können“, meint der Althistoriker. Vielleicht liegt die Antwort aber auch im Alten Testament, wo Bethlehem vom Propheten Micha erwähnt wird. Matthäus zitiert die Stelle: „Du, Bethlehem im Gebiet von Juda, bist keineswegs die unbedeutendste unter den führenden Städten von Juda; denn aus dir wird ein Fürst hervorgehen, der Hirt meines Volkes Israel.“

    „Jesus aus Nazareth – das passt nicht zur Prophezeiung, man braucht Jesus aus Bethlehem“, erklärt Pfeilschifter. Die Evangelisten seien sehr darum bemüht, die Ereignisse in Jesu Leben in Einklang mit der jüdischen Überlieferung zu bringen. Das Motiv: Legitimation. „So wollte man beweisen, dass Jesus der angekündigte Messias ist.“

    Matthäus erzählt die Geschichte unterdessen etwas anders. In seiner Version wohnen Josef und Maria offenbar in Bethlehem, wo Jesus in einem Haus – nicht in einem Stall – geboren wird. Als Josef in einem Traum gewarnt wird, dass Herodes in Betlehem alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten lassen will, flieht er mit seiner Familie nach Ägypten und bleibt dort, bis Herodes stirbt. Weil nun aber Herodes' Sohn in Bethlehem herrscht, geht er nach Nazareth. Volkszählung? Fehlanzeige.

    Die Parallelen

    „Daher gab der Pharao seinem ganzen Volk den Befehl: Alle Knaben, die den Hebräern geboren werden, werft in den Nil!“ 2. Mose 1,22

    Eine Reise nach Ägypten hält Pfeilschifter für plausibel und möglich. Allerdings hätte die Familie auch direkt ins sichere Nazareth fliehen können. Pfeilschifter weist hier auf eine weitere Parallele zum Alten Testament hin: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“, zitiert der Evangelist Matthäus den Propheten Hosea. Es ist nicht die letzte Parallele zwischen der Weihnachtsgeschichte und alten jüdischen Überlieferungen.

    So gibt es für den von Herodes in Auftrag gegebenen Kindermord laut Pfeilschifter keine historischen Belege, aber eine altbekannte Vorlage: Auch Moses wurde als Säugling am Ufer des Nils ausgesetzt, um ihn vor dem Pharao zu retten, der befohlen hatte, die Kinder der Juden zu töten.

    „Das hat einen Sinn“, meint Pfeilschifter. „Die Juden sollten in dem Neuen das Alte wiedererkennen.“ Man wollte zeigen, dass Jesus der war, der in den Heiligen Schriften verheißen wurde. Die Botschaft dahinter: Das Christentum geht organisch aus dem Judentum hervor. „Dazu gehört natürlich auch die Abstammung Jesu von König David und Abraham.“ Das geschieht allerdings über die Linie Josefs, der nicht sein biologischer Vater war.

    Unterdessen könnten auch einige moderne Traditionen auf das Alte Testament zurückgehen. So erwähnt Lukas im Neuen Testament zwar eine Krippe, aber keine Tiere. Ochs und Esel – die heutzutage geschnitzt im Kreise der Heiligen Familie stehen – sind demnach eine spätere Ausschmückung, die aber laut Pfeilschifter durch eine ältere Überlieferung gestützt wird. So prophezeit Jesaja: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk versteht es nicht.“

    Die Eltern

    „Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.“ Lukas 1,27

    „Es gibt keinen Grund, die Existenz von Maria und Josef anzuzweifeln“, sagt Pfeilschifter. Obwohl sie – anders als Jesus – außerhalb der christlichen Überlieferung nirgendwo erwähnt werden. Und auch die Evangelisten berichten nur wenig über ihr weiteres Schicksal. Erst im fünften Jahrhundert komme der heute bekannte Marienkult auf. „Josef verschwindet in den Evangelien einfach und Maria ist nach der Geburtsgeschichte eine schattenhafte Figur“, so Pfeilschifter.

    Und das, obwohl auch für die damalige Zeit eine schwangere Jungfrau „ein Wunder höchsten Grades“ war. Andererseits klang dieser Umstand für die antiken Menschen nicht ganz so außergewöhnlich, wie für uns heute. „Dass männliche Götter mit sterblichen Frauen Kinder zeugten, war nichts Neues.“ So habe etwa in der griechischen Mythologie Zeus mit einer Sterblichen Herakles gezeugt. „Die Grenzen zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen wurden in der Antike bei weitem nicht so eng gezogen wie heute“, so Pfeilschifter.

    Dennoch reagiert Josef auf Marias Schwangerschaft so, wie man es auch heute von einem Mann erwarten würde: Er beschließt, sich von ihr zu trennen – bis ihm ein Engel im Traum erklärt, was passiert ist. Viel mehr erfahren wir über die Beziehung zwischen Maria und Josef nicht. „Wir wissen aus den Evangelien auch nicht, ob und wie Maria ihm die Schwangerschaft erklärt hat“, so Pfeilschifter.

    Dass die Evangelisten Maria tatsächlich als „Jungfrau“ ansehen und hier nicht – wie oft gemutmaßt – ein Verständnisfehler vorliegt und eigentlich von einer „jungen Frau“ die Rede ist, glaubt Pfeilschifter nicht. „Dass eine ,junge Frau‘ ein Kind empfängt, wäre nichts Besonderes, das hätte nicht schon Jesaja prophezeien müssen. Und im Kontext der Evangelien wird eindeutig, was gemeint ist.“

    Im Zentrum der Jungfrauengeburt steht für Pfeilschifter übrigens nicht die Keuschheit Marias. „Die entscheidende Botschaft ist, dass Jesus nicht irdischen Ursprungs ist.“

    Die Geburt

    „Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.“ Matthäus 1,18

    Sehr irdisch muss allerdings die Geburt Jesu gewesen sein. „Die Umstände einer Geburt in der Antike waren die gleichen, wie normale Bürger sie bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hatten“, erklärt Pfeilschifter. Im Wesentlichen sei man auf die weiblichen Verwandten angewiesen gewesen. So hätte in der Matthäus-Version, wo Jesus im Wohnhaus seiner Eltern geboren wurde, Maria vermutlich familiäre Hilfe gehabt. Ungeachtet dessen tauchen laut Pfeilschifter im zweiten Jahrhundert in der christlichen Tradition zwei Hebammen auf, die Maria geholfen haben – und deren Jungfräulichkeit bezeugen.

    Bei Lukas sind die Eltern indes allein. Die Hirten treffen später nur auf Maria, Josef und das Kind in der Krippe.

    Die Hirten und die Könige

    „Dass die Geburt Jesu nicht zuerst den Palästen gemeldet wird, sondern Hirten, ist schon bemerkenswert“, so Pfeilschifter. Es passe aber zum sozialrevolutionären Programm der Weihnachtsgeschichte: Der Sohn eines einfachen Zimmermanns wird zum Erlöser der Welt.

    Allerdings treten die Hirten nur bei Lukas auf. Dafür hat Matthäus die Heiligen Drei Könige exklusiv – wobei, von Königen ist keine Rede. Er spricht von Magiern aus dem Osten. „Mehr weiß man nicht“, so Pfeilschifter. Vermutlich waren es Gelehrte, die sich mit Astronomie und Astrologie – in der Antike kein Widerspruch – beschäftigt haben und aus Syrien, Mesopotamien oder Persien kamen. Als das Image von Magiern im Christentum negativ belegt wurde, machte man aus ihnen Könige.

    Das Fazit

    Ist die Geschichte trotz der Ungenauigkeiten glaubwürdig? Als Historiker muss Pfeilschifter die Berichte unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten bewerten. „Nimmt man Wunder und Engel weg“, sagt er, „ist jedes Evangelium für sich genommen im Kern historisch plausibel.“ Allen Widersprüchen der beiden Versionen zum Trotz. Doch egal ob Stall oder Wohnhaus – für Pfeilschifter hat die Weihnachtsgeschichte eine schöne Botschaft: „In der ärmsten Hütte können die größten Dinge passieren.“

    Rene Pfeilschifter

    Der Historiker ist seit 2012 Professor für Alte Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. 2013 wurde er Studiendekan der Philosophischen Fakultät. In diesen Tagen erscheint die zweite, erweiterte Auflage seines Buches „Die Spätantike – Der eine Gott und die vielen Herrscher“. Darin setzt sich Pfeilschifter mit dem Aufstieg des Christentums im römischen Reich unter Kaiser Konstantin auseinander, das zur Staatsreligion wurde und ein Monopol auf den Himmel erhielt, in dem fortan nur noch ein einziger Gott wohnte. Pfeilschifter wurde 1971 im oberpfälzischen Cham geboren und studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München Alte Geschichte, Griechische und Lateinische Philologie. Seine Habilitation erfolgte im Jahr 2011.

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