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    WÜRZBURG

    Leidenschaft Singen: Drei Domsingknaben erzählen

    Stimmig: An Heiligabend und am zweiten Weihnachtsfeiertag singen die Würzburger Domsingknaben traditionell im Dom. Foto: Thomas Obermeier/Bistum Würzburg

    Es ist ein Ros' entsprungen aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, aus Jesse kam die Art . . .“ Gespannt lauschen die Zuhörer dem Konzert der Würzburger Domsingknaben. Die hohen Stimmen der Jungen klingen fast engelsgleich, dazwischen erheben sich wie in Wellen der Tenor und der Bass der jungen Herren. Einer davon ist Philipp Ehinger (20), der seit zwölf Jahren bei den Domsingknaben mitwirkt. Ein Artikel in dieser Zeitung hat ihn auf den Chor aufmerksam gemacht. „Ich fand den Dirigenten nett und die Musik hat mir auch gefallen“, erinnert er sich. Als Sopran fing er mit acht Jahren im Vorchor an. Heute studiert er Musik und ist ein wichtiger, verlässlicher Bass.

    Die Würzburger Domsingknaben gehören zu den traditionsreichsten Knabenchören in Deutschland. Die Tradition des Knabenchorgesangs reicht bis in die Zeit der Anfänge des Bistums zurück. Seit ihrer Wiederbegründung 1961 haben die Domsingknaben einen festen Platz in der Liturgie des Würzburger Domes, gestalten Gottesdienste und Konzerte. Derzeit gehören 95 Jungen und junge Herren dem Chor an. 140 Mädchen singen in der Mädchenkantorei und 90 Kinder in den Vorchören. Nachwuchssorgen hat die Dommusik Würzburg bislang nicht. „Singen ist gesund für den Körper und die Psyche – es entspannt“, sagt Domkapellmeister Christian Schmid, der den Knabenchor leitet.

    Ein einzigartiger Klang

    Man unterscheidet gleichstimmige und gemischtstimmige Chöre. Mädchenchöre sind gleichstimmige Chöre mit den Stimmlagen Sopran, Mezzosopran und Alt. In einem Knabenchor singen die Kinder Sopran und Alt, die eigentlichen Frauenstimmlagen, und die jungen Herren Tenor und Bass. „Das Besondere an einem Knabenchor ist dieser eigene Klang“, schwärmt Schmid, der Dirigieren, Kirchenmusik und Musikpädagogik an der Hochschule für Musik in Stuttgart studiert hat. Die Knabenstimme stehe kurz vor der Mutation, dem Stimmbruch. „Davor erreicht die Stimme eine Fülle und einen warmen, ja kernigen Klang – das ist einzigartig.“

    „Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“ Philipp Ehinger und seine Kollegen singen mit voller Inbrunst bei einem Auftritt im Kreuzgang von Kloster Himmelspforten. Die jungen Sänger haben zwar ihre blauen Notenmappen dabei. Doch die meisten blicken aufmerksam zu Dirigent Christian Schmid, der sie unaufgeregt und klar durch Adventslieder und Motetten führt. „Es gibt keinen Chor, bei dem man eine bessere Ausbildung erfährt“, sagt Ehinger. Daher ist er auch bereit, viel Freizeit für den Chor zu opfern.

    „Im Chor zu singen ist genauso zeitaufwendig wie Fußball spielen.“ Drei Proben stehen pro Woche an: eine Stimmprobe, die Gesamtprobe und ein Einzelstimmcoaching. Dazu kommen viele Auftritte und Konzertreisen, sogar bis nach Paris oder Moskau.

    Das Ziel der Dommusik

    „Die Kinder wachsen heute nicht mehr so musikalisch auf wie früher“, sagt Christian Schmid. „Manche Kinder kennen nicht einmal Weihnachtslieder wie ,Stille Nacht' oder ,Ihr Kinderlein kommet', ganz zu schweigen von Bach oder Mozart“, bedauert der Domkapellmeister. Ziel der Dommusik sei es, Musik bei den Allerkleinsten wieder beliebter zu machen. „Wir bieten daher musikalische Früherziehung ab dem Alter von eineinhalb Jahren an“, erklärt er. Kindern müsse die Freude am Singen wieder nahegebracht werden. Das gemeinsame Singen zu Hause nehme ab. Nur wenige Mütter würden ihrem Nachwuchs noch Kinderlieder vorsingen.

    Bei Konstantin Zeuch ist das anders. Der Dreizehnjährige kommt aus einer musikalischen Familie: Die Eltern singen beide im Domchor, die Schwester in der Mädchenkantorei, und da war klar, dass auch er singt. „Ich singe seit der musikalischen Früherziehung bei der Dommusik.“ Sein Lieblingslied ist „Es ist ein Ros' entsprungen“. In seiner Freizeit spielt er auch noch Basketball.

    „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.“ Bei diesem alten kirchlichen Adventslied lässt der Domkapellmeister den frischen, bestens geschulten Stimmen Raum zur Entfaltung. Der zwölfjährige Philipp Hubert tritt aus der Menge hervor und setzt zum Solo an. Seine Stimme ist glockenhell und er zeigt sich ernsthaft, musikalisch in Höchstform und wirkt so hochprofessionell. Fünf Stimmbildnerinnen trainieren die jungen Sänger. Neben einer umfassenden musikalischen Grundausbildung und dem Angebot, Chormusik aller Epochen kennenzulernen, gibt es für die Kinder und Jugendlichen ein Freizeitangebot mit Kinobesuchen, Chorfreizeiten und sogar einmal im Monat „Domsingknabenfußball“.

    Felix Molitor ist zehn Jahre alt und singt seit drei Jahren bei den Domsingknaben. „Die Weihnachtszeit ist die stressigste Zeit im Chor“, gesteht er. Es stehen viele Auftritte und der Höhepunkt des Jahres – die Christmette und das Konzert am zweiten Weihnachtsfeiertag – an. Zusätzlich zum Chor spielt er Gitarre. Felix Molitor ist evangelisch, aber das ist kein Hindernis: „Bei den Domsingknaben können alle Jungen mitmachen, die gerne singen“, sagt Chorleiter Schmid. Allerdings haben die Kinder heute durch Ganztagsschule und das achtstufige Gymnasium viel weniger Zeit für Hobbys.

    Bei den Proben muss Chorleiter Schmid oft gegen Müdigkeit und Konzentrationsprobleme ankämpfen. „Die Kinder sind einfach schlapp, wenn sie nach der Schule zu uns kommen. In der Vorweihnachtszeit kommt noch erschwerend die Dunkelheit dazu“, sagt Schmid. Gleichzeitig häufen sich im Dezember die Auftritte. Ein Großteil der Stücke ist in lateinischer Sprache – und manchen Kindern fällt es schwer, sich die komplizierten Texte zu merken. „Antennen auf!“, heißt es daher immer wieder bei der Probe. Hauptsächlich werden natürlich Kirchenlieder einstudiert, ab und zu singen die Knaben auch weltliche Werke. „Aber es kam noch nie die Frage, ob wir mal einen Schlager singen.“

    Mit 14 ein Mutant

    „Unsere Hauptaufgabe ist die Gestaltung der Gottesdienste im Dom.“ Die Kinder erleben, wie die Lieder mit der Liturgie Hand in Hand gehen. Während des Stimmbruchs müssen die jungen Männer pausieren. „Man spürt, wie die Stimme anders wird, wie sie beim Singen einbricht“, erinnert sich Philipp Ehinger. Das Alter ist bei jedem Jungen unterschiedlich. Ehinger wurde mit 14 Jahren zum Mutanten – so nennt man Jungen, die im Stimmbruch sind. „Meist trifft es in einem Knabenchor gleich mehrere wichtige Stimmen“, sagt Schmid und lacht. Diese Jungs fallen dann für einige Zeit aus. Die Stimmbildung geht aber weiter. „Für alle Buben ist der Stimmbruch ein schwerer Einbruch“, sagt Schmid. „Aber die Perspektive, bei den jungen Herren die Karriere fortzusetzen, tröstet sie über die Singpause hinweg.“ Und so werden sie nach und nach wieder in den Chor integriert. Dann eben nicht mehr als Sopran und Alt, sondern Tenor oder Bass.

    Frühzeitige Anregungen und Lernimpulse fördern die Entwicklung des musikalischen Gehörs. Zudem habe eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen – die „Bastian-Studie“ – gezeigt, dass musikalisch geförderte Kinder sozial kompetenter seien und in vielen Bereichen deutlich bessere Leistungen als andere Kinder zeigten. „Singen ist nicht uncool, es entspannt und macht Spaß“, betont der Chorleiter. „Kinder, die singen, gehen leichter durchs Leben.“

    „Tochter Zion, freue dich! Jauchze laut Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir!“ Die Würzburger Domsingknaben geben bei ihrem Konzert alles. Die hellen Stimmen der Chorknaben sorgen bei den Zuhörern für Gänsehaut. Philipp Ehinger hat den Auftritt sichtlich genossen. „Ich möchte später beruflich etwas mit Musik machen“, gesteht er. Auch Konstantin Zeuch und Felix Molitor sind nach dem Auftritt glücklich, denn eine Stunde konzentriert zu sein und still zu stehen ist richtig anstrengend.

    Die führenden Knabenchöre wie die Thomaner aus Leipzig, die Wiener Sängerknaben oder die Regensburger Domspatzen haben ein Internatssystem, können täglich proben und das Singen so besser in ihren Tagesablauf integrieren. „Doch auch als semi-professioneller Chor haben wir viele Möglichkeiten“, freut sich der Domkapellmeister. So biete die Dommusik neben einer professionellen Stimmbildung Kontakt zu Gleichaltrigen und Gleichgesinnten. Das Singen im Würzburger Dom schaffe für die Jungen nicht nur einen leichteren Zugang zur Musik, sondern vielleicht auch zur Religion.

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