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    WÜRZBURG

    Wie Gregor Gysi mit dem Hammer scheitert

    Gregor Gysid und der Bundestagsabgeordnete Klaus Ernst versuchen das Fass anzustechen. Foto: Daniel Peter (www.danielpeter.net)

    Sie wirken vom großen Zuspruch fast selbst ein wenig überrascht, die unterfränkischen Linken: Zu ihrem politischen Starkbieranstich mit Gregor Gysi kommen knapp 400 Menschen ins voll besetzte Felix-Fechenbach-Haus. Die Ikone der Linkspartei, mittlerweile 69 Jahre alt, zieht die Menschen an – auch viele junge Leute sind darunter.

    Gysi wirft vor seinem Auftritt erst einmal Süßigkeiten in die Menge – und sammelt so erste Sympathiepunkte. Dann spielen ihm seine Parteigenossen unabsichtlich einen Streich – das mit dem Bieranstich muss die unterfränkische Linke noch üben. Der 69-Jährige müht sich redlich und hämmert gefühlt zwei Dutzend Mal auf den Zapfhahn ein. Es ist vergebene Liebesmüh: Der Hahn ist zu groß und will partout nicht in das Spundloch rein.

    Politik mit dem Seziermesser

    Gysi nimmt es mit Humor: „Ich sehe, die Linke muss noch einiges lernen“, sagt der Bundestagsabgeordnete und geht eben ohne Bierglas in der Hand zum Reden über. Nur wenige Politiker erklären ihre Politik so redegewandt und ausführlich wie der Berliner. Dabei schwingt er allerdings nicht den Holzhammer wie beim gescheiterten Bieranstich, sondern benutzt eher das Seziermesser.

    Zu Beginn erinnert Gysi das Publikum – in Anspielung auf die Agenda des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und als Kritik an seiner Fraktionschefin Sahra Wagenknecht – an den Grundsatz linker Politik: „Links bist du erst, wenn du an der Seite aller Schwachen stehst. Das heißt für uns, dass wir als Linke zwar auch, aber nicht nur an der Sache der schwachen Deutschen stehen, sonst sind wir nicht mehr glaubwürdig.“ Der erste große Applaus des Abends ist ihm sicher.

    Gysi fordert klare Kante gegen den türkischen Präsidenten

    Zu den Schwachen dieser Welt gehören Flüchtlinge – Hauptgrund für die Flüchtlingswelle sind neben dem Krieg in Syrien laut Gysi Hunger und Not in der Welt. „Es ist völlig falsch, Flüchtlinge zu bekämpfen, man kann nur Fluchtursachen bekämpfen“, betont er. Es sei auch nicht die Aufgabe der Linken, über Obergrenzen zu streiten: „Es gibt auch in der Politik eine Arbeitsteilung. Wir müssen Wege benennen, wie man die Ursachen von Flucht wirksam bekämpfen kann. Niemand will seine Heimat verlassen, wenn ihn nicht die Umstände dazu zwingen.“

    Gysi fordert Angela Merkel auf, „harte Kante“ gegen den türkischen Präsidenten zu zeigen und sich nicht erpressen zu lassen. „Einreiseverbote für türkische Politiker sind Quatsch, aber Wahlkampf in einem anderen Land darf man nach dem Völkerrecht verbieten“, so Gysi. Sorge macht sich der Linken-Politiker um die Europäische Union, die „extrem unsolidarisch und unsozial“ geworden sei. „Wenn die EU scheitern sollte, dann soll sie an den Rechten scheitern, nicht an den Linken.“

    Gysi will wieder ein Direktmandat holen

    Nachdem er seit 2005 in seinem Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick dreimal das Direktmandat errungen hat, tritt Gysi heuer noch einmal zur Bundestagswahl an. Sein Amt als Präsident der europäischen Linken könne er nur als Abgeordneter wirksam ausfüllen, so Gysi. Für den Fall einer rot-rot-grünen Bundesregierung werde außerdem sein „permanenter, ungebetener und störender Ratschlag dringend nötig sein“.

    Von einer Regierung aus SPD, Grünen und Linken verspricht sich Gysi einen dringend nötigen „sozialen Schub“ – funktionieren könne das aber nur im Bündnis mit dem Mittelstand, der rund 90 Prozent aller Arbeitsplätze stellt: „Nur dann können wir uns auch gegen die großen Banken und Unternehmen stellen.“

    Nach Gysis Rede gibt es kurze stehende Ovationen, dann schüttelt der Star der Linkspartei viele Hände, schreibt Autogramme und lässt sich mit zahlreichen Fans fotografieren.

    Ernst will Spitzenplatz in Bayern

    Der Schweinfurter Gewerkschafter Klaus Ernst (62), der für die Linken ebenfalls seit 2005 im Bundestag sitzt, hatte zu Beginn der Veranstaltung hauptsächlich über die Sozialdemokraten und ihren Kanzlerkandidaten Martin Schulz gesprochen. „Die SPD hat nach durch den heiligen St. Martin aus Würselen einen Wiederbelebungsversuch erfahren“, so Ernst. Ohne eine starke Linke im Bundestag sei aber trotz Schulz unsicher, „ob die SPD endlich wieder sozialdemokratisch wird“.

    An Realos wie Gysi und Ernst wird eine rot-rot-grüne Bundesregierung gleichwohl nicht scheitern. Ernst, Direktkandidat im Wahlkreis Schweinfurt/Kitzingen, bewirbt sich beim Parteitag am Samstag in Markt Erlbach (Lkr. Neustadt/Aisch-Bad Windsheim) wieder um Platz eins auf der bayerischen Landesliste der Linken. Einen Gegenkandidaten gibt es voraussichtlich nicht.

    Barrientos will auch aussichtsreichen Platz

    Für Spitzenplätze kandidieren auch die amtierenden Bundestagsabgeordneten Nicole Gohlke (München) und Harald Weinberg (Nürnberg). Vier Abgeordnete stellt der Landesverband aktuell. Eva Bulling-Schröter (Ingolstadt) tritt nicht mehr an. Spannung verspricht derweil die Bewerbung von Simone Barrientos (Ochsenfurt). Die Verlegerin, Direktkandidatin im Wahlkreis Würzburg, hat angekündigt, entweder für Platz drei oder fünf auf der Landesliste anzutreten. Beide gelten als aussichtsreich. „Da ist mit Kampfabstimmungen zu rechnen“, heißt es bei den Linken. Der Ausgang sei offen.

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