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    Würzburg

    Millionenschaden? Finanzskandal beim Arbeiter-Samariter-Bund

    Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Bayern steckt in einem Finanzskandal und soll laut einem Prüfbericht in den vergangenen Jahren sechs Millionen Euro zu viel kassiert haben. Foto: Stephan Jansen, dpa

    Bis März konnte sich der scheidende Landesgeschäftsführer Thomas Klüpfel noch kaum retten vor Lob, das nach über 30 Jahren beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Bayern auf ihn einprasselte: Der 63-jährige Würzburger "konnte den ASB-Landesverband nach einer schweren Krise um die Jahrtausendwende erfolgreich sanieren", hieß es noch 2018 bei der Landeskonferenz in Augsburg. Als Dank gab es das Samariter-Ehrenkreuz in Gold.

    Inzwischen klingt es eher, als habe Klüpfel goldene Löffel geklaut. Der Landesgeschäftsführer, der im März 2019 offiziell in Ruhestand ging, wird für eine Finanzkrise verantwortlich gemacht, die Insider als existenzbedrohend für den ASB-Bayern mit seinen 180 000 Mitgliedern bezeichnen. 

    Nach Klüpfels Abschied in die Altersteilzeit kam seit April eine Buchführung ans Tageslicht, die Experten als nicht nachvollziehbar kennzeichnen. Das Schlimmste daran ist der Verdacht, der Verband habe im Rettungsdienst zwischen 2009 und 2016 zu Unrecht über sechs Millionen Euro kassiert. Mitarbeiter der Landesgeschäftsstelle sollen Beträge in den Aufstellungen der Regionalverbände willkürlich nach oben frisiert haben, sagen Wirtschaftsprüfer. 

    Verheerende Kritik der Wirtschaftsprüfer

    Deren 195 Seiten umfassende vorläufige Mängelliste machten die "Nürnberger Nachrichten" öffentlich. Dabei wurde auch bekannt: Der ASB hatte mit den Krankenkassen kein Budget, sondern einen Haushalt vereinbart. Etwaige erwirtschaftete Überschüsse dürften damit nicht bei dem Wohlfahrtsverband verbleiben, sondern müssten im Folgejahr verrechnet werden.

    Ein mit der Materie vertrauter Jurist warnte vor übereilten Schlussfolgerungen: Ob die Gelder für private Zwecke abgezweigt wurden oder ein unerwünschtes Ergebnis falscher Kalkulation im harten Ringen um die Finanzierung des Rettungsdienstes sein könnten, sei noch unklar. 

    Hätte die zuständige Abrechnungsstelle der Kassen den Betrug nicht früher bemerken müssen? Selbst die ehrenamtliche bayerische ASB-Spitze soll laut "Nürnberger Nachrichten" bereits 2018 durch E-Mails auf manipulierte Abrechnungen hingewiesen worden sein. Aber erst im April 2019 waren auf Drängen der Kassen Nachforschungen in Gang gekommen.

    Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei Personen

    Vor allem in Schweinfurt, wo der ASB im Rettungsdienst tätig ist, hören das viele engagierte "Samariter" entsetzt. Aber auch in Würzburg, wo ASB-Busse täglich Behinderte aus ganz Unterfranken in Schulen und ins Blindeninstitut fahren, herrscht Kopfschütteln. 

    Inzwischen hat den Prüfbericht die Staatsanwaltschaft Nürnberg. Die ermittelt wegen Betrugsverdacht gegen drei Personen, ohne Namen zu nennen. Allerdings sollen einige der Delikte, die zwischen 2009 und 2016 festgestellt wurden, strafrechtlich bereits verjährt sein.

    Nach eigenen Angaben kooperiert der ASB bei den Ermittlungen mit Staatsanwaltschaft und Krankenkassen. Auch personelle Konsequenzen habe es schon gegeben: Die Mitglieder der vorherigen Landesgeschäftsführung hätten ihren Dienst quittiert. "Wir klären den Sachverhalt vollständig auf", versprach Jarno Lang, der im März Nachfolger Klüpfels als Landesgeschäftsführer wurde. Der Vorgänger hatte dann aber noch einen Alters-Teilzeitvertrag. "Diesen hat der Landesverband fristlos gekündigt", erklärt Pressesprecher Moritz Wohlrab.

    Vorstand fühlte sich getäuscht und trat zurück

    Auch der langjährige Landesvorsitzende Hans-Ulrich Pfaffmann zog Konsequenzen mit seinem Rücktritt. Er sagte, "dass die vormalige Geschäftsführung den ehrenamtlichen Vorstand jahrelang bewusst getäuscht hat". Seiner Meinung nach wurden "die Vorstandsunterlagen so gestaltet, dass der ehrenamtliche Vorstand keine Chance hatte, die Unregelmäßigkeiten zu erkennen".

    Die Krankenkassen drohen, künftig die Abrechnungen im Rettungsdienst bis hinunter zur einzelnen Rettungswache zu prüfen. Welche Auswirkungen die Finanzkrise für den ASB im Rettungsdienst im Raum Schweinfurt hat? Vor Ort will man sich dazu nicht äußern. Die Arbeit dort werde "von den aktuellen Fragestellungen nicht beeinflusst", sagt der Landespressesprecher. "Die Krankenkassen haben uns klar signalisiert, dass der ASB weiterhin als Partner im Bereich Rettungsdienst gesehen wird." Und wie steht es mit den Transportfahrten für Behinderte in Würzburg? Auf solche Dienstleistungen habe die aktuelle Situation "keinerlei Auswirkungen".

    Prozess am Arbeitsgericht im Januar 2020

    Kaum ein anderer Name steht so für den ASB in der Region wie der des Würzburgers Klüpfel, der mit 31 Jahren in seiner Heimatstadt zu dem Verband kam und permanent aufstieg. In Würzburg baute er innovative Bereiche auf, wie die Individuelle Schwerstbehinderten-Assistenz, dank der Menschen mit schweren Behinderungen in ihren eigenen vier Wänden leben können. Er erntete Anerkennung für sein Engagement für Waisenkinder in Rumänien und für ehemalige NS-Zwangsarbeiter in der Ukraine.

    Der ASB hatte Klüpfel zunächst auch aus einem anderen Grund gekündigt: Er soll seit 2014 zwei Dienstwagen privat genutzt haben. 

    Klüpfel habe dieses Fehlverhalten eingeräumt und den entstandenen Schaden ausgeglichen, sagte ein Sprecher des Arbeitsgerichts Nürnberg nach einem Gütetermin, der erfolglos verlief. Denn Klüpfel klagt gegen die fristlose Kündigung. Eine Verhandlung ist nun für Januar 2020 angesetzt.

    Klüpfel erklärte auf unsere Anfrage: Er wolle sich zu den Vorwürfen "im jetzigen Stadium nicht äußern, später vielleicht schon".

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