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    Finsterlohr

    Mini-Museum: So mühselig war früher die Flachsbearbeitung

    Gerhard Strauß zeigt, wie die hölzerne Flachsbreche bedient wird. Foto: Claudia Schuhmann

    Die Anfahrt ist ein wenig aufwendig, wenn man aus Richtung Ochsenfurt kommt und sich den winzigen Creglinger Ortsteil Burgstall mit seinen 22 Einwohnern als Ziel gewählt hat. Aber die Sache lohnt sich. Denn Burgstall verfügt über eines von ganz wenigen aktiven Flachsmuseen in Deutschland. Wer sich Zeit nimmt und bei Gerhard Strauß eine Führung macht, verlässt das denkmalgeschützte Gebäude mit dem Gefühl, in einer äußerst komfortablen Welt zu leben. Denn bis in alter Zeit aus Flachssamen ein Kopfkissen oder Nachthemd wurde, vergingen drei Jahre. Apropos alte Zeit: Bei Burgstall befindet sich übrigens auch ein keltisches Oppidum (Befestigungsanlage).

    Komplizierte Technik

    Seit mehr als 40 Jahren betreut der Altbauer aus Burgstall gemeinsam mit wenigen Mitstreitern das kleine Museum. Eingerichtet wurde es nach der Flurbereinigung in den 1970er Jahren, um nach dieser radikalen Veränderung in der Landschaft wenigstens einen Teil der lokalen Geschichte sichtbar zu erhalten. Gerhard Strauß hat sich im Lauf der Jahre in die komplizierte Materie der Flachsbearbeitung immer tiefer hineingewühlt. Viele der Arbeitsschritte sind nur mündlich überliefert. Und da das Flachsbrechen in Burgstall 1926 eingestellt wurde, blieb oft nur der Selbstversuch, um den Einzelheiten dieser Kunst auf die Spur zu kommen.

    Die Flachsbrechhütte in Burgstall beherbergt ein kleines Museum und steht unter Denkmalschutz. Foto: Claudia Schuhmann

    "Da, fühlen Sie mal." Gerhard Strauß hat einen Flachszopf mitgebracht, die sorgsam zusammengedrehten Flachsfasern, die später zu Garn versponnen werden. Unerwartet weich ist das Material und hat so gar nichts mehr gemein mit den störrischen Stängeln, aus denen es gewonnen wird. Hinlangen, fühlen, selber machen: Gerhard Strauß weiß, dass sich die komplexe Arbeit am besten begreifen lässt, wenn die Besucher nicht nur schauen und zuhören, sondern selbst Hand anlegen können.

    Schon die alten Ägypter verarbeiteten Flachs

    Wenn sich der Altbauer richtig Zeit lässt, dauert sein Rundumschlag zum Thema Flachs annähernd zwei Stunden. Aber zwischen Aussaat und fertigem Tuch liegen so viele Arbeitsschritte, dass eine gestraffte Version dem Thema nicht gerecht würde. Flachs und seine Verarbeitung, erklärt Strauß, seien schon im alten Ägypten bekannt gewesen. Überall war die Pflanze damals verbreitet, denn außer Wolle gab es kein anderes Material zur Fertigung von Textilien.

    Mit dem Riffeleisen werden die Fruchtknoten abgestreift. Foto: Claudia Schuhmann

    Nach der Aussaat reift die Pflanze etwa zwölf bis 14 Wochen. Herrlich blau blüht der Flachs, weshalb in früheren Zeiten Menschen zur Besichtigung des Spektakels die sprichwörtliche "Fahrt ins Blaue" unternahmen. Wenn die "Bollen" genannten Fruchtknoten schön klappern, kann geerntet werden. Die Stängel werden mitsamt der Wurzel aus dem Boden gerupft. Zu Garben gebunden, trocknen sie auf dem Feld.

    "So um die 500 Besucher kommen jedes Jahr aus ganz Deutschland."
    Gerhard Strauß, 

    Danach kommt das kammartige Riffeleisen zum Einsatz. Damit werden die Bollen abgestreift, die in der Scheune weitertrocknen und dann gedroschen werden. Die so gewonnenen Leinsamen müssen gesiebt werden. Sie finden Verwendung in der Küche oder als Öl, früher wurden damit auch Farben hergestellt.

    Im Darrkessel wird der Flachs mittels heißer Luft getrocknet. Foto: Claudia Schuhmann

    Aber zurück zu den Stängeln: Sie werden "geröstet", was nichts mit Anbraten zu tun hat, sondern von "verrotten" kommt, wie Gerhard Strauß erklärt. Unter dem Einfluss von Feuchtigkeit, meist Tau oder Regen, lässt man die Stängel unter häufigem Wenden draußen liegen, bis die holzigen Teile verrotten. Danach sind erneute Trockenvorgänge nötig, erst in der Scheune, dann im Darrkessel. Dieses Loch im Boden der Flachsbrechhütte ist über einen unterirdischen Gang mit dem Feuerhaus verbunden, in dem brennendes Holz die zum Trocknen benötigte warme Luft erzeugt.

    Flachsbrechhütten sollten die Brandgefahr eindämmen

    In dieser Feuerung liegt der Grund für die Entstehung der Flachsbrechhütten, sagt Strauß. "Ab etwa 1650 veranlasste die Obrigkeit, dass in allen Dörfern Flachsbrechhütten und Backhäuser für die Allgemeinheit gebaut wurden." Zuvor trocknete nämlich jede Familie ihren Flachs selbst am heimischen Kachelofen – eine ständige Brandgefahr. Die Herrschaft hatte genug davon, dass ihre Dörfer mit schöner Regelmäßigkeit ein Raub der Flammen wurden. Seitdem wurde nur noch in den in weitem Abstand zum Dorf errichteten Flachsbrechhütten gedarrt.

    Diese mechanisch betriebene Weiterentwicklung der Flachsbreche wird derzeit restauriert. Foto: Claudia Schuhmann

    Nach dem Darren kommt die mühselige Arbeit mit der Flachsbreche. Stück um Stück werden die Stängel über das hölzerne Gerät gezogen und gebrochen, um an die Fasern im Innern zu gelangen. Einen interessanten Fund machte Gerhard Strauß vor einiger Zeit in der Hütte: Dort fand sich eine Apparatur, deren Zweck nirgends beschrieben ist, die ihrem Aufbau nach aber nur eine technische Weiterentwicklung der ursprünglichen Flachsbreche sein kann. Das hölzerne Gerät verfügt über drei geriffelte Holzwalzen, die mit einer Kurbel in Bewegung gesetzt werden und zwischen denen die Flachsstängel brechen. Strauß geht davon aus, dass damit der Flachs vorgebrochen wurde. Er ist nun dabei, die vom Holzwurm heimgesuchten alten Walzen durch neue zu ersetzen, um das Gerät in Betrieb nehmen zu können.

    Damit ist die Arbeit aber noch längst nicht beendet. Es folgen das Schwingen, bei dem letzte Holzteilchen von den Fasern entfernt werden, und das Hecheln, das durch wiederholtes Kämmen die begehrten langen Flachfasern liefert sowie das weniger wertvolle Werg für gröbere Stoffe. Mit der Spindel, in späteren Zeiten auch mit dem Spinnrad, gewannen die Frauen aus den Fasern einen Faden, der dann in den Webstühlen mit viel Aufwand zu Tuch verwoben wurde.

    Das Feuerhaus sorgte für die nötige Wärme in der Darre. In Burgstall wurde das Feuerhaus in kleinerem Maßstab nachgebaut. Foto: Claudia Schuhmann

    In dem kleinen Museum gibt es alle zur Flachsbearbeitung benötigten Gerätschaften zu sehen und auszuprobieren. Wenn die Besucher die raschelnden Bollen zwischen den Handflächen zerreiben, bleiben die kleinen braunen Leinsamen übrig. Und an den widerstandsfähigen Flachsfasern hätte sich so mancher schon fast geschnitten, der glaubte, sie zerreißen zu können. Gerhard Strauß gibt allen die Möglichkeiten, mit dem Flachs direkt in Berührung zu kommen.

    Keine festen Öffnungszeiten

    Deshalb gibt es auch keine festen Öffnungszeiten, sondern Interessierte müssen eine Führung vereinbaren. "So um die 500 Besucher kommen jedes Jahr aus ganz Deutschland", sagt der Altbauer. An einem Tag aber kann ohne Voranmeldung jeder kommen, der einmal die Flachsbreche bedienen möchte: Am 3. Oktober findet ab 13 Uhr der Aktionstag "Flachs selbst brechen" statt. Und bis dahin möchte Gerhard Strauß seine Flachsbrechmaschine fertig restauriert haben.

    Führungen im Flachsmuseum können mit Gerhard Strauß unter Tel. (09865) 497 oder Klaus Geißendörfer (09865) 547 vereinbart werden. Weitere Informationen im Internet unter www.creglingen.de

    Die alten Walzen der mechanischen Flachsbreche (hinten) fielen dem Holzwurm zum Opfer. Vorne die neue Walze, die Gerhard Strauß nachbauen ließ. Foto: Claudia Schuhmann
    Zu Tuch verwoben, wurde das Leinen zu Kleidung oder Säcken weiterverarbeitet. Foto: Claudia Schuhmann

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