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    WÜRZBURG

    Missbrauch: Das lange Verschweigen der Kirche

    Der Ruhestandspriester lebt im Bistum Würzburg. Er ist seit 2002 suspendiert, weil er zugab, in seiner Gemeinde in Unterfranken einen elf Jahre alten Jungen sexuell missbraucht zu haben. Das soll, wie jetzt offiziell bestätigt wurde, nicht sein erstes Vergehen gewesen sein. Bereits 1993 soll X. (Name der Redaktion bekannt) in Österreich einen jugendlichen Ministranten alkoholisiert und sich an ihm vergriffen haben.

    Viele Ungereimtheiten

    Das Bistum Würzburg fühlt sich nun hintergangen. Denn X. hat 2002 nur das zugegeben, was nicht mehr zu leugnen war. Über den anderen mutmaßlichen, fast ein Jahrzehnt früher begangenen Missbrauch hat X. eisern geschwiegen – wie auch das Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg. Nach vielen Ungereimtheiten stellt sich deshalb die Frage: Wie konnte dieser Mann überhaupt zum Priester geweiht werden?

    Über den Verdacht, dass X. sich bereits vor 2002 an einem Minderjährigen vergangen haben soll, berichtete die „Main-Post“ bereits vor vier Monaten. Nun sorgt der Fall auch in Österreich für Schlagzeilen und Unruhe. Stellungnahmen wurden eilig veröffentlicht, Rücktrittsforderungen laut, Demonstrationen vor dem Stift Klosterneuburg gegen das „klerikale Vertuschungssystem“ organisiert.

    Fehlender Austausch unter den Bistümern

    Der Lebensweg des Mannes ist, wie er sich durch Recherchen von Johannes Heibel, dem Vorsitzenden der bundesweit aktiven „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“, und dieser Redaktion rekonstruieren lässt, seltsam verschlungen und voller Merkwürdigkeiten. Es ist ein Gang durch mehrere kirchliche Institutionen in vier Ländern: in Deutschland und Österreich, in Rumänien und in der Schweiz. Sie zeigen sich ahnungslos, andere weisen jede Schuld von sich – und stehen nun teilweise miteinander in Kontakt. Hätte der Austausch früher stattgefunden, hätte es auch der Realität entsprechende Auskünfte gegeben, gäbe es wohl mindestens zwei Missbrauchsopfer auf dieser Welt weniger.

    Primizfeier in Trier

    X. zelebrierte nach seiner Priesterweihe in seiner Heimatgemeinde im Bistum Trier seine Primiz, seine erste heilige Messe. Das war 1996. „Geh deinen Weg in Christus furchtlos und unbeirrbar, geh zu den Menschen, wie Du gesandt bist, geh und verkündige ihnen die einzige wirklich befreiende und froh machende Botschaft dieser Welt.“ Diese Worte gab ihm laut „Saarbrücker Zeitung“ der mit X. befreundete Priester Y. mit auf den Weg.

    Sie wirken schal und unehrlich, wenn man die jüngsten Erkenntnisse betrachtet. Denn auch Priester Y. wird heute des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt. Der Verdacht gegen ihn habe sich in mehreren Fällen erhärtet, gab jüngst das Bistum Trier bekannt. Auch Y. lebt im Ruhestand, zudem darf er keine priesterlichen Dienste öffentlich ausüben. Ist es Zufall, dass sich beide Männer gut zu kennen scheinen?

    Auch X. meldete sich 1996 auf seiner Primizfeier zu Wort. Er hat sich bei allen Gemeindeangehörigen für Fehler und Unbotmäßigkeiten, die er ihnen im Lauf seines Lebens angetan hätte, entschuldigt. Dies klingt – mit den Erkenntnissen von heute – wie ein schlechtes Gewissen und frühes Eingeständnis. Und danach, am Ziel zu sein: Er hat die Priesterweihe empfangen – trotz seines Vorlebens, seiner pädophilen Neigung.

    Stift Klosterneuburg bestätigt den Vorfall

    Vor wenigen Tagen veröffentlichte das österreichische Stift Klosterneuburg auf seiner Homepage eine Stellungnahme mit der Überschrift: „Sexueller Missbrauch war und ist für das Stift Klosterneuburg unentschuldbar“. Darin bestätigt es den Übergriff von 1993. Das Stift habe damals innerhalb von wenigen Tagen reagiert und X. suspendiert sowie aufgefordert, aus dem Orden auszutreten – und Rom von dem Vorfall informiert.

    Der nächste Schritt in Richtung Aufklärung und Transparenz wurde 1993 aber unterlassen: Eine Anzeige des Missbrauchs erfolgte nicht, da „die Mutter des Kindes dies nicht wollte, um ihr Kind nicht weiter zu belasten und den Missbrauch nicht öffentlich bekannt werden zu lassen“, steht in der Stellungnahme. Bislang haben sich die Mutter und das längst erwachsene Opfer nicht öffentlich dazu geäußert. Aber das Stift ist nicht untätig geblieben und hat sich erneut mit der Mutter und dem Opfer in Verbindung gesetzt. Ergebnis: Sie wollen nach wie vor keine Anzeige, berichteten österreichische Medien.

    Eine Anzeige bei der Polizei erfolgte 1993 nicht

    Eine Anzeige liegt mittlerweile allerdings vor, erstattet hat sie das Bistum Würzburg im Juni 2017, wenige Stunden vor Veröffentlichung des ersten Berichts dieser Redaktion.

    Das Stift Klosterneuburg ist mit seiner Stellungnahme nicht von sich aus an die Öffentlichkeit getreten. Es hat geschwiegen, bis in Österreich im Nachrichtenmagazin „Profil“ nun der erste Bericht dazu erschienen ist.

    Die Fragezeichen im Lebenslauf von X. tauchen aber nicht erst 1993 auf, sondern sechs Jahre früher im Bistum Trier. 1987 hat X. das Priesterseminar nach vier Semestern „auf eigenen Wunsch verlassen“, bestätigt das Bistum Trier auf Anfrage. Eine nähere Erläuterung, warum er dies tat, gibt Bistumssprecherin Judith Rupp nicht. Sie bestätigt auch nicht die Aussage des damaligen Regens, die dieser bereits vor Monaten gegenüber Johannes Heibel geäußert hat. Er sagte, dass X. aufgrund des Gesamteindrucks seiner Persönlichkeit für das Amt des Priesters nicht geeignet gewesen sei. Durch seinen Weggang sei er seiner Entlassung aus dem Priesterseminar zuvorgekommen. X. verließ das Land in Richtung Österreich.

    Das Stift Klosterneuburg schreibt in seiner Stellungnahme, es habe sich vor dem Eintritt von X. über ihn im Priesterseminar in Trier erkundigt. Von dort habe es keine negative Auskunft erhalten, die eine Aufnahme in das Noviziat des Stiftes in Frage gestellt hätte.

    Bistum Trier schweigt sich aus

    Das Bistum Trier bestätigt, dass es tatsächlich eine Anfrage mit Datum vom 14. Januar 1987 gab. Was das Bistum Trier dem Stift Klosterneuburg jedoch geantwortet hat, darüber schweigt es sich trotz Nachfrage aus.

    Falls die Antwort so ausfiel wie die Einschätzung des damaligen Regens, dann verwundert, warum das Stift Herrn X. aufgenommen hat. Wenn eine positive Beurteilung nach Österreich gegeben wurde, dann muss sich nun das Bistum Trier fragen, warum es das getan hat und ob es womöglich Mitschuld an den Missbrauchsfällen hat. Verwunderlich ist auch, dass es sich nicht spätestens bei der Primizfeier, zu der X. 1996 ins Bistum Trier zurückgekehrt ist, dazu geäußert hat.

    Jedenfalls hätte X. aufgrund der jüngsten Rechercheergebnisse niemals eine geistliche Karriere anstreben sollen und dürfen. Und nach dem Missbrauch 1993 im Stift Klosterneuburg hätte sie spätestens vorbeisein müssen. Zwar wurde der Mann 1993 vom Stift aufgefordert, aus dem Orden auszutreten, in dem er zwei Jahre zuvor seine Gelübde abgelegt hatte. „Bis zu seinem Austritt, der per Weisung aus Rom erfolgen muss, war das Stift jedoch kirchenrechtlich für einen Unterhalt verpflichtet“, steht in der Mitteilung des Stifts.

    Diese Verantwortung habe mit seinem Austritt aus dem Orden 1994 geendet.

    Ungereimtheiten im Lebenslauf

    So ganz kann das nicht stimmen. Denn X. war laut Auskunft der Stadtgemeinde bis 1996 in Klosterneuburg gemeldet, danach in einer dem Stift gehörenden Immobilie in Wien. Dort war X. dann offiziell bis 1998 registriert. Im Jahr seines Umzugs nach Wien, also 1996, wurde X. im rumänischen Oradea von Bischof Vasile Hossu zum griechisch-katholischen Priester geweiht – also auch ein Rituswechsel vollzogen. X. hat in Oradea nie als orthodoxer Priester gewirkt, sondern unter anderem in der Schweiz in einer Gemeinde im Bistum Basel. Diese Möglichkeit hatte ihm ein ehemaliger Seminarist aus dem Bistum Trier vermittelt. Anschließend kam er nach einem zweijährigen Aufenthalt in der Schweiz im Jahr 2000 ins Bistum Würzburg – und beging dort 2002 den Missbrauch, der bis vor kurzem als seine einzige Tat galt.

    X. benötigte nach seiner Priesterweihe Unterstützung, um als Priester tätig werden zu können. Er hat auch bei einem ehemaligen Chorherrn aus Klosterneuburg in Deutschland angeklopft. Der habe ihm damals durchaus helfen wollen. Daraus wurde nichts. Denn X. habe eine Art Gegenleistung angeboten: „In Rumänien sind die Jungs billig.“ Daraufhin habe er X. die Tür gewiesen, sagte der Mann im Gespräch mit dieser Redaktion.

    Auch im Bistum Eichstätt gab es Anfragen, ebenfalls bei einem ehemaligen Chorherrn. Diese Unterstützung für X. soll sogar vom ehemaligen Novizenmeister und heutigen Propst des Stifts Klosterneuburg – Bernhard Backovsky – höchstpersönlich ausgegangen sein. Sie scheiterten. Die Aussage des Eichstätter Priesters, dass Backovsky ihn gebeten habe X. zu helfen und die er vor Gericht beeiden würde, liegt dieser Redaktion vor.

    Doch das Stift beziehungsweise Propst Backovsky streiten alles über den Pressesprecher ab – und geben den Ball an die Institutionen weiter, die mit X. Bekanntschaft gemacht haben: Das Stift habe nichts von der Priesterweihe durch den Bischof von Oradea gewusst. Und hätte sich die Diözese Oradea im Stift Klosterneuburg erkundigt, wäre Herr X. nie zum Priester geweiht worden, betont das Stift und schüttelt jegliche Verantwortung ab: „Es erfolgte weder seitens des Bistums Basel noch des Bistums Würzburg eine Anfrage. Da das Stift von dieser Priesterweihe ebenso wenig wusste wie von seiner Beschäftigung in Basel und Würzburg, hatte das Stift auch keine Möglichkeit, die Diözesen Basel und Würzburg zu warnen.“

    Erst jetzt beginnt die Kommunikation

    Erst jetzt, nachdem die einzelnen „Wirkungsstätten“ von X. mit den Recherchen von Johannes Heibel, der „Main-Post“ und von Edith Meinhart von „Profil“ konfrontiert worden sind, beginnt die Kommunikation, die Schlimmeres hätte verhindern können, wenn sie früher aufgenommen worden wäre.

    Das Bistum Würzburg hat mittlerweile im Stift angefragt und zwei Antworten erhalten: am 23. Mai und am 12. Juni 2017. Auch mit dem Bistum Basel stehe es in Kontakt, teilte Bistumssprecher Bernhard Schweßinger mit.

    Darüber hinaus überprüft Würzburg nun auch die Umstände der Priesterweihe in Rumänien. Ein erstes Antwortschreiben vom 28. Juli hätte jedoch diese Frage nicht hinreichend geklärt. „Zwischenzeitlich wurden weitere Dokumente vorgelegt. Inhalt und Bedeutung dieser Dokumente werden noch geprüft“, so Schweßinger. Aber „eine ausreichende Klärung dieser Einschätzung seitens des rumänischen Bistums konnte bisher nicht erwirkt werden“, heißt es weiter.

    Fragwürdige Beurteilung des Bischofs von Oredea?

    Bekannt ist, dass eine Beurteilung des Bischofs von Oradea, Vasile Hossu, ausgestellt am 6. Mai 1997, also ein Jahr nach der Priesterweihe von X., im Bistum Würzburg vorliegt. Sie lobt ihn als „vorbildlichen Seelsorger“ und „hochgeschätzten Priester“. Es wird wohl die letzte Beurteilung gewesen sein, die Bischof Vasile Hossu unterschrieben hat. Sechs Wochen später starb der Mann im Alter von 78 Jahren.

    Diese Beurteilung aus Oradea wurde auf Deutsch verfasst. Es kann nur spekuliert werden, wer der Verfasser ist. Aus der Schweiz gibt es laut Johannes Heibel den Hinweis, dass X. damals sein Abgangszeugnis vor seinem Weggang ins Bistum Würzburg selbst formuliert und dem damaligen Kirchenpräsidenten vorgelegt hat. Er habe das Schreiben, in dem sich X. selbst lobt, nicht akzeptiert.

    Nicht auf Deutsch war die Antwort auf Anfragen dieser Redaktion beziehungsweise von Heibel, die bereits vor über einem Jahr nach Oradea geschickt worden waren. Bestätigt wurde von Oradea auf Rumänisch, dass dort nicht viel über X. bekannt sei, er niemals dort gewohnt habe und sich nicht im Register der ordinierten Priester befinde. Und dass nicht bekannt sei, wo er als Pfarrer aktiv war, ob er suspendiert oder seinen Ämtern enthoben ist. Würzburg sagt, dass es nach dem Missbrauch im Jahr 2002 auch das Bistum informiert habe, in dem X. inkardiniert, also aufgenommen ist – also wohl Oradea.

    Polizei ermittelt

    Nähere Nachfragen des Bistums Würzburg, als X. 2000 als Gastpriester nach Unterfranken kam, unterblieben dagegen. „Die Diözese Würzburg sah keinen Anlass, über die bereits vorliegenden Informationen hinaus weitere Auskünfte bei allen vorherigen Stationen einzuholen. Der Bischof von Oradea hatte ihn zum Priester geweiht, wobei davon ausgegangen werden kann, dass die Weihe erst nach intensiver Prüfung des Vorlebens des Weihekandidaten erfolgte“, so Bernhard Schweßinger. Und: „Das Bistum Würzburg fühlt sich hintergangen, weil ihm die Vorgeschichte in dem hier entscheidenden Punkt verschwiegen wurde. Es gab damals keinen Anlass, diesbezüglich nachzufragen.“

    Seit Juni laufen nun die polizeilichen Ermittlungen. Sie sind noch nicht beendet. „Die Akten befinden sich weiterhin zur Durchführung der Ermittlungen bei der Polizei. Die weitere Dauer der Ermittlungen ist schwer abschätzbar, da sich der Tatort und mutmaßlich auch zahlreiche Beweismittel in Österreich befinden“, sagt der Würzburger Staatsanwalt Boris Raufeisen. Auch die kirchenrechtliche Untersuchung scheint noch nicht zu Ende. „Dem Bistum Würzburg liegt bisher keine Kenntnis von einem möglichen Abschluss vor“, so Schweßinger.

    Der Priester schweigt

    Erneut wollte diese Redaktion – wie bereits im Juni vor Veröffentlichung des ersten Berichtes – X. Gelegenheit geben, seine Version der Geschichte mitzuteilen. Mehrere Versuche schlugen fehl. Daraufhin bat die Redaktion ihn über Anrufbeantworter um Rückruf. X. schweigt jedoch.

    Eine Frage wiegt besonders schwer: Wie verlief das Leben von X. in den Jahren nach der Suspendierung 2002? Darüber kann nur spekuliert werden. Sicher ist, dass X. eine Therapie durchlief und 2016 in seiner unterfränkischen Wahlheimat in der Flüchtlingshilfe tätig war und ansonsten wohl durch sein Ruhestandsgehalt, das ihm die Diözese Würzburg zahlt, ein finanziell sorgenloses Leben hat. Ansonsten scheint es, dass der Mann im Bistum Würzburg seiner Wege gehen konnte. Es kann nur gehofft werden, dass es in dieser Zeit nicht noch weitere Opfer gab.

    Sicher werden mehr Kinder und Jugendliche außerhalb des kirchlichen Bereichs missbraucht. Darauf wies auch der emeritierte Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann in seinem Abschiedsinterview hin: „Missbrauch ist nicht nur ein Problem der Kirche, sondern der ganzen Gesellschaft.“ Aber er betonte: „Wir stehen in der Kirche natürlich besonders im Fokus – und das mit Recht. Wenn wir als moralische Institution auftreten, müssen wir auch dafür einstehen.“

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