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    WÜRZBURG

    Missbrauchsstudie soll durch Anzeige nicht im Sande verlaufen

    Professor Eric Hilgendorf über die Strafanzeige gegen Sexualstraftäter: „Es geht um den Schutz der überwiegenden Mehrzahl von katholischen Geistlichen, die völlig korrekt und aufopferungsvoll arbeiten.” Foto: Theresa Müller

    Eric Hilgendorf gehört zur Gruppe von sechs Strafrechtsprofessoren, die vor einigen Tagen Anzeige gegen unbekannt beziehungsweise gegen Sexualstraftäter der katholischen Kirche erstattet hat. Im Gespräch erläutert der Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtstheorie, Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Uni Würzburg seine Motivation.

    Frage: Hat sich die Staatsanwaltschaft Würzburg bei Ihnen gemeldet?

    Eric Hilgendorf: Dafür gibt es keinen Grund. Wir wollten die Staatsanwaltschaften mit der Strafanzeige noch einmal darauf hinweisen, dass Ermittlungen nicht nur angezeigt sind, sondern auch rechtlich möglich. Nur sie können diese Sachverhalte aufklären und ein Strafverfahren einleiten.

    Das Bistum Würzburg hat auf Nachfrage bestätigt, dass es „bereits vollumfänglich die Ermittlungsbemühungen der Staatsanwaltschaft unterstützt“ und dies auch weiterhin tun werde.

    Hilgendorf: Das ist gut und liegt vielleicht auch daran, dass es hier kritische Stimmen gibt. Und der Bischof kann, weil er neu im Amt ist, einen Neustart versuchen. Ich habe großes Vertrauen in die Bereitschaft von vernünftigen Kräften in der Kirche, dass sie die Mauer des Schweigens brechen werden.

    Womöglich fühlen sich viele Geistliche durch die Anzeige an den Pranger gestellt.

    Hilgendorf: Man sollte nicht jede Kritik an der Kirche sofort als Kirchenhass und Religionsfeindlichkeit deuten. Es geht vielmehr darum, die gesellschaftlichen Standards der Rechtskonformität auch in der Kirche durchzusetzen. Das sollte eine Selbstverständlichkeit werden.

    Der neue Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, hat diesen Neustart gewagt, in dem er seinem Vorvorgänger Versagen vorwarf und von sich aus auf die Staatsanwaltschaft zuging.

    Hilgendorf: Die Bistümer reagieren sehr unterschiedlich. Fulda und andere scheinen zurückhaltend zu sein, andere wie Würzburg oder Hildesheim sind offener. Es geht um die grundsätzliche Bereitschaft der Kirche sich gegenüber der staatlichen Justiz zu öffnen und nicht auf dem Status einer Paralleljustiz zu beharren.

    Warum haben Sie und die anderen fünf Staatsrechtsprofessoren erst jetzt die Anzeige gestellt?

    Hilgendorf: Unsere Initiative beruht auf dem Eindruck, dass die Missbrauchsstudie – nach dem ersten öffentlichen Aufschrei, den Äußerungen der Betroffenheit und Entschuldigungen der Bischöfe – im Sande zu verlaufen droht und letztendlich die Aufarbeitung nicht vorankommt. Deshalb muss jetzt etwas passieren.

    Und wenn nicht?

    Hilgendorf: Ich vermute kein gezieltes Blockadeverhalten der Kirche generell, das ist nur bei einzelnen Bistümern der Fall. Sie verstehen womöglich die Reichweite des Problems nicht und erkennen auch nicht, wie stark die katholische Kirche durch diese Missbrauchsvorkommnisse belastet wird. Viele Gläubige sehen die Situation sehr kritisch. Wenn die Kirche sich nicht öffnet und strafrechtliche Ermittlungen zulässt, werden weitere Menschen austreten oder sich zurückziehen. Das ist keine gute Situation.

    Was ist Ihre persönliche Motivation?

    Hilgendorf: Juristen neigen dazu, nur die strafrechtlichen Aspekte wahrzunehmen. Mir geht es auch darum, nicht mit skeptischen Gefühlen eine Kirche zu betreten oder das Gefühl zu haben, dass etwas vertuscht wird. Ich persönlich habe bislang nur fast positive Erfahrungen mit der Kirche gemacht, obwohl ich heute nicht mehr religiös bin.

    Können staatliche Ermittlungen das Ansehen der katholischen Kirche verbessern?

    Hilgendorf: Priester, die oft im Kleinen, im Verborgenen wirken, werden unter Generalverdacht gestellt. Eltern denken, sie können ihre Kinder nicht mehr mit ihnen alleine lassen. Dieses Misstrauen ist ungerechtfertigt. Wenn klar wäre, dass schwarze Schafe sofort der staatlichen Justiz übergeben werden, dann würden diese Probleme nicht auftreten. Es geht ja auch um den Schutz und das Ansehen der ganz überwiegenden Mehrzahl von katholischen Geistlichen, die völlig korrekt und aufopferungsvoll arbeiten.

    Sie drängen mit Ihren Kollegen zur Eile. Aufgrund der Verjährungsfristen?

    Hilgendorf: Ich gehe davon aus, dass viele Taten nicht verjährt sind. Generell handelt es sich bei Missbrauch um Schwer- oder Schwerstkriminalität. Da muss ermittelt werden. Wir haben ja am Schluss unserer Strafanzeige den bewusst leicht polemischen Vergleich zu einer problematischen Organisation gezogen – zur Mafia – als Gegenmodell. Wenn sie oder eine andere Großorganisation bekannt geben würde, dass es bei ihr über viele Jahre Missbrauchstaten gegeben hat, Akten dazu vorhanden sind, diese aber unter Verschluss hält und anonym behandelt, sich am Ende entschuldigt – und das war's dann – das würde niemand akzeptieren.

    Die Kirche beruft sich bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle auch auf ihr eigenes Recht.

    Hilgendorf: Man wird das Kirchenrecht sicher nicht beschädigen wollen. In einer Demokratie gelten aber die Regeln, die der staatlich legitimierte Gesetzgeber erlassen hat, einschließlich des Strafrechts. Und das gilt für alle gleich. Wenn wir da bei der katholischen Kirche eine Ausnahme machen wollten, dann müssten wir das zum Beispiel bei den Moslems auch machen. Dann hätten wir einen Rechtspluralismus, den man sich so nicht wünschen kann. Und aus der Sicht der Opfer ist es wichtig, dass die staatliche Justiz greift. Strafverfahren haben ja nicht primär den Zweck Vergeltung zu üben, sondern sollen auch den Opfern zeigen, dass ihre Beschädigung von der Gesellschaft anerkannt wird und dass man sich bemüht, auch wenn man den Missbrauch nicht rückgängig machen kann, Gerechtigkeit herzustellen. Das ist durch ein innerkirchliches Verfahren allein nicht zu leisten.

    Kirche gilt vielen noch als sakrosankt und als moralische Instanz.

    Hilgendorf: Es ist die Frage, ob diese Selbsteinschätzung tatsächlich so noch von der Bevölkerung akzeptiert wird. Nach meinem Eindruck ist dies nicht mehr der Fall. Und das hat sich die Kirche zu großen Teilen selbst zuzuschreiben.

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