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    Veitshöchheim

    Mit Zertifikat: Wie man seinen Garten naturnah macht

    Wann ist ein Garten ein "Naturgarten"? Hier wird ein Garten im Naherholungsgebiet der Nützelbachaue in Gerolzhofen von Kräuter- und Gästeführerin Rita Popp, Zertifiziererin Evelyn Hatzung und Christine Bender vom Gartenbauzentrum Kitzingen begutachtet. Foto: Johannes Kiefer

    Das junge Rotschwänzchen im Holunder und piepst ungeduldig, bis es die Eltern mit reifen Beeren füttern. Schmetterlinge schaukeln auf rotem Sonnenhut. Große und kleine Wildbienen brummeln in den Blüten von wildem Majoran, Pfefferminze und Lavendel. Ganz zu schweigen vom Duft, der die Luft erfüllt. Wer so einen Garten hat, gerät leicht ins Schwärmen. Wie Christel Reuter. „Der Garten entschleunigt mich, erdet mich, im wahrsten Sinne des Wortes“, findet die Thüngersheimerin (Lkr. Würzburg). „Es freut mich riesig, wenn eine neue Blüte aufgeht, Pflanzen sich selbst vermehren, das Gemüse wächst und auch Eichhörnchen und Igel sich wohl fühlen bei mir.“

    Und weil sie nicht nur Genießerin ist, sondern auch Fachfrau bei der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim (LWG), hat sie ihr grünes Reich begutachten lassen. Die angegliederte Gartenakademie hat nämlich die Zertifizierung von naturnahen Gärten in ihrem 25. Bestehensjahr zum Thema gemacht. Sie bildet Juroren aus, die später mit kritischem Blick von Beet zu Beet wandern und Punkte vergeben, wenn auf Chemie verzichtet wird und die biologische Vielfalt möglichst groß ist.

    Zeigen, welche Schätze im Garten stecken

    125 Juroren für bayerische Gärten haben den Tageskurs in Veitshöchheim bisher mitgemacht, so Gartenakademieleiter Andreas Becker. 100 Gärten haben sie zertifiziert, davon vier in Unterfranken. Einen davon hat sich Evelyn Hatzung aus Iphofen (Landkreis Kitzingen) vorgenommen. Besonders wichtig sei ihr, deutlich zu machen, welche Schätze sich oft in den Gärten befänden, wie viele Möglichkeiten sich böten, um auch Insekten und Kleintieren Lebensräume zu schaffen, sagt Hatzung, die sich schon vor dem Zertifizierungskurs mit dem Thema auskannte. Sie hat Gärtnerin im Gemüsebau an der LWG gelernt, sich weiter qualifiziert und am Botanischen Institut der Uni Würzburg gearbeitet. Bei Rita Popp in Gerolzhofen (Landkreis Schweinfurt) traf sie bei der Zertifizierung auf eine ähnlich Kenntnisreiche. Schließlich unterrichtet Popp Heil- und Wildkräuterkunde. Da möchte sie auch ums Haus das ganze Jahr hindurch bunte Blüten haben, eigene Beeren, Tomaten, Wild- und Gartenkräuter ernten.

    Ein Teich kommt bei den Prüfern gut an.  Foto: Johannes Kiefer

    Gartenteich, Steinmauer, Walnuss- und Apfelbaum, Sauerkirsche, Brom-, Heidel-, Himbeeren, Aronia, roter Wein, Totholzhaufen, Gemüsegärtchen, alte Pfingstrosensorten, historische Rosen, Heilpflanzen, Wildkräuter, Blumenwiese schaffen auf 300 Quadratmetern eine üppige Vielfalt. Was das Schönste für Ritat Popp ist: „Insekten wie schwarze Holzbienen, Libellen, Hummeln, Bienen wandern mit den Jahreszeiten durch den ganzen Garten, Rotschwänzchen haben sich ein Nest in die Hausmauer gebaut, abends hört man die Igel brummen.“ Sie brauche einen wilden Garten, um sich wohl zu fühlen, sagt sie.

    Der Trick: Es blüht von allein

    Und noch ein Aspekt gefällt ihr: „Die Samen- und Pflanzenvermehrung erfolgt oft ohne großes Zutun.“ Wind, Vögel und Krabbeltiere verteilen Körnchen und bringen so neue Gewächse. Es gedeiht, was zum Boden und in die Pflanzengesellschaft passt. „Der Garten entwickelt sich, die Pflanzen wachsen besser, es siedeln sich auf natürliche Weise die richtigen Pflanzen an, es blüht und duftet, summt und brummt und die Vögel freuen sich über Futter und Unterschlupf“, sagt auch die Thüngersheimerin Christel Reuter. Der Garten danke es ihr, dass sie ihm die Freiheit lasse: „Eine Vielzahl an Insekten ist zu beobachten und Nützlinge machen sich über Blattläuse her. Man muss nur lange genug Geduld haben, dann kommen ausreichend Larven von Marienkäfer und Co.“

    Eine wildes Naturparadies brauche deshalb wenig Pflege. Ihr Garten ist übrigens klein. 100 Quadratmeter sind aufgeteilt in Nutz- Zier- und Wildgarten. Erdbeeren, Bohnen, Zwiebeln, Salate, Radieschen, Wildblumenwiese, ein Hochbeet mit Kohlrabi, Tomaten, Gurken, Zucchini, Kürbis, eine Sauerkirsche, Blutpflaume, Felsenbirne, Hasel, allerlei blühende und duftende Sträucher und Stauden einen Brunnenstein als Vogel- und Insektentränke haben Platz.

    Kräuter und unversiegelter Boden - das kommt gut an. Foto: Johannes Kiefer

    Bei der Zertifizierung eines Gartens achten die Juroren darauf, dass die Vielfalt nicht einfach ein wildes Durcheinander ist, sondern die pflegende Hand erkennbar ist. Ziel ist laut Andreas Becker: „Wir wollen mit biologisch vielfältigen Gärten ein Zeichen setzen und ein Gegentrend zu den Steingärten aufbauen.“ Alle Naturgartenelemente könnte auch bei wenig Platz eingebaut werden, sagt er. „Gestaltungsmöglichkeiten gibt es in kleinen Gärten fast unendlich viele. Denken Sie nur an das vertikale Gärtnern, die Kistengärten, Hochbeet, Pflanztürme.“ Und nur kein Stress! Garteln soll ja Spaß machen. Becker rät deshalb, eigene Stärken und Vorlieben zu berücksichtigen.

    Ein Tipp: Alte Sorten

    Einen Spezialtipp hat Christine Bender von Landwirtschaftsamt in Kitzingen und Bezirksgeschäftsführerin der Obst- und Gartenbauvereine (OGV) in Unterfranken, die einen Teil der Zertifizierungen koordiniert. Sie rät: Zurück zu alten Sorten bei Blumen, Rosen, Gemüse. Die haben einfache Blüten, was gut ist für Insekten. Gefüllte Sorten nützen Tieren oft nicht. Außerdem seien alte Sorten häufig resistent gegen Krankheiten, Samen ließen sich selbst gewinnen. Sie lösten weniger Allergien (etwa bei Äpfeln) aus und schmeckten intensiver. Naturbegeisterte können ihre Gärten unter anderem bei Bender oder in der Gartenakademie anmelden. Wenn sie viel im Sinn der Prüfungskriterien richtig gemacht haben, können sie die Plakette „Naturgarten“ ans Tor heften.

    Ein Garten, der Insekten, Vögeln und anderen Tieren Lebensräume und Nahrung bietet. Foto: Johannes Kiefer

    Deren Sinn sieht Rita Popp in der positiven Wahrnehmung von scheinbar ungepflegten Gärten und im wachsenden Wissen über deren Wichtigkeit. Christel Reuter will zeigen, dass auch ein kleiner Garten mehr sein kann, als englischer Rasen oder Schotterflächen. Und dass er die Möglichkeit bietet, „im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten zu leben, zu arbeiten und zu genießen“. Evelyn Hatzung will mit ihrer Tätigkeit einen Anreiz schaffen, den Garten mit anderen Augen zu betrachten, nicht nur als das eigene Zuhause, sondern auch das von Igeln, Ameisen, Vögeln. „Es ist eben nicht nur die Spezies Mensch, die zählt. Aber es liegt ganz oft in unseren Händen und unserem Handeln, auch andere Lebewesen zu respektieren und ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen“, so Hatzung.

    Gegen die Steingärten

    „Es geht uns um die Signalwirkung“ sagt Andreas Becker. Gärten sollen vielfältig, biologisch und nach dem Vorbild der Natur bewirtschaftet werden. Dann förderten sie Tiere, seien Ort der Entspannung und des Rückzugs. Und Christine Bender hofft auf die Vernetzung von Naturgarteninteressierten. Sie seien Multiplikatoren, die ihre Gärten öffnen könnten für Besuche, Führungen, Workshops. Und: Naturnah Gärtnern sei ein großer und einfach zu realisierender Beitrag zum Klimaschutz.

    Ein Bewertungsbogen. Foto: Johannes Kiefer

    Vorträge und Seminare: Wer Tipps braucht, um den Garten naturnah zu gestalten, bekommt beim Kreisverband für Gartenbau und Landespflege oder der Kreisfachberatung für Gartenkultur und Landespflege an den Landratsämtern ortsnahe Fortbildungen und Kurse. Die Bayerische Gartenakademie in Veitshöchheim bietet ebenfalls Seminare für Freizeitgärtnerinnen und -gärtner. Die Kontaktdaten: Bayerische Gartenakademie an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, An der Steige 15, 97209 Veitshöchheim, Tel.: (0931)9801-158, Mail: bay.gartenakademie@lwg.bayern.de

    So wird ein Naturgarten zertifiziert
    Vier Kriterien müssen zunächst erfüllt sein, sollen die Beete ums Haus den Stempel „Naturgarten“ bekommen: Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel, Verzicht auf synthetische Dünger (bis auf einige umweltfreundliche), kein Torf zur Bodenverbesserung und hohe ökologische Vielfalt. Dann verteilen die Prüfer Punkte für Folgendes:
    Vielfalt: Gartenbereiche, die nicht gepflegt werden, sind wichtige Rückzugsorte für Tiere. Steine, Altholz, Reste vom Strauchschnitt und Laub bilden Nischen für viele Lebewesen. Wildkräuter wie Brennnessel, Beifuß, Klette oder Giersch, die sich ausbreiten dürfen, zeigen die Vielfalt im Naturgarten. Bereiche, die Tiere und Pflanzen beherbergen, die sonst nur selten im Garten einen Lebensraum finden würden, honorieren die Juroren. Dazu gehören Trockensteinmauern, Stein-und Holzhaufen, Wasserläufe, Teiche, Sonnenplätze und Schattenplätze.
    Wiese: So manches Unkraut ist eigentlich ein Heilkraut. Und überhaupt: Pflanzen, die von selbst kommen, bereichern die Vielfalt, bedecken und schützen den Boden, locken Nützlinge an und ersparen intensive Gartenarbeit. Die Juroren achten darauf, ob sich im Rasen Kräuter wie Löwenzahn, Gänseblümchen, Schafgarbe, Kriechender Günsel, Wegerich, Klee aussäen dürfen. Wenigstens eine kleine, richtig wilde Wiese ist ein Plus.
    Gehölze: Laubbäume spenden im Sommer Schatten und lassen im Winter das Licht durch. Das Laub bietet Tieren Schutz, ebenso dem Boden vor intensiver Sonnenbestrahlung und Erosion. Zum Naturgarten gehört außerdem eine vielfältige Hecke aus heimischen Gewächsen. Je mehr Gehölze eine Hecke enthält, desto besser.
    Insektennahrungspflanzen: Stauden und Blumen vor allem mit ungefüllten Blüten sind eine reiche Nektarquelle für Bienen und Schmetterlinge. Ihre Samen sind Winternahrung für Tiere. Im Winter bieten verdorrte Pflanzenteile Unterschlupf. Fünf bis neun Arten ökologisch wertvoller Blühpflanzen erwarten die Prüfer. Sind es mehr, die zu verschiedenen Zeiten blühen, gibt es weitere Punkte.
    Nutzpflanzen: Der Gemüse-und Kräutergarten trägt zur eigenen Gesundheit und Ernährung, ebenso zum Klimaschutz, denn der kürzeste Transportweg ist der vom Garten in die Küche. Für ein paar Gemüsepflanzen oder Kräuter gibt es schon Punkte. Besser ist ein ausgeprägter Gemüse- oder Kräutergarten. Wer Obst, bekommt ebenfalls Punkte.
    Bewirtschaftung: Strauchschnitt, Mähgut, ausgejätete Wildkräuter, Gemüseabfälle wird dem Garten als Kompost oder als Mulch wiedergegeben. Der Komposthaufen schließt den Nährstoffkreislauf und hilft, einen gesunden und lebendigen Boden aufzubauen. Wenigstens einen kleine Stelle, auf der Pflanzenabfälle rotten, sollte ein Naturgarten haben. Pflanzengesundheit und lebendiger Boden können auch durch Mischkultur, Fruchtfolge und Gründüngung gefördert werden. Die Bodenbedeckung mit Grasschnitt, Häckselgut, ausgejäteten Pflanzen oder Laub düngt, erhält die Bodenfeuchte, schützt vor Starkregen und Sonne, bietet gleichzeitig Nahrung für Bodenlebewesen und unterdrückt unerwünschte Kräuter. Für all das gibt es Punkte.
    Nützlingsunterkünfte: Insekten, Vögel, Kröten, Spitzmäuse, Igel und andere Tiere unterstützen den biologischen Pflanzenschutz im Garten und brauchen Unterkünfte. Das können Haufen von Strauchschnitt, Altholz oder Steinen oder ein morscher Baum sein, die nicht weggeräumt werden. Man kann sie aber auch Insektenhotels und Nistkästen bauen.
    Bewässerung: Die richtigen Pflanzen am richtigen Ort müssen kaum gegossenen werden. Für besonders durstige Pflanzen wird Regenwasser gesammelt, das spart nicht nur Trinkwasser. Das kalkfreie Wasser bekommt den Pflanzen besonders gut.
    Materialwahl: Für Zäune, Wege, Terrassen, Einfassungen sollen regionale Steine und Hölzer verwendet werden. Damit kriechende Nützlinge in den Garten können, sollen Zäune nicht bis auf den Boden reichen. Bodenbeläge sind wasserdurchlässig. Am meisten Punkte gibt es, wenn mehrere umweltfreundliche Materialien verbaut sind und der Versiegelungsgrad gering ist.

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