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    GIEBELSTADT

    Mit wachem Auge in die Luft gehen

    Das Thermometer zeigt über 35 Grad, als Charles Herrmann am 6. August um 14.40 Uhr die Meldung der Integrierten Leitstelle in Würzburg erhält. Bei Gadheim wird ein Waldbrand vermutet, die Feuerwehr hat das Schnelle Einsatzflugzeug (SEF) der Luftrettungsstaffel angefordert, um die Löscharbeiten zu unterstützen.

    Um 14.47 hebt Charles Herrmann mit seiner einmotorigen Cessna 172 vom Verkehrslandeplatz Giebelstadt (Lkr. Würzburg) ab. Als er gegen 14.55 Uhr den Brandherd erreicht, hat die Feuerwehr die Flammen bereits unter Kontrolle. Der Pilot zieht noch ein paar Schleifen über der Einsatzstelle, um sicherzugehen, dass Funkenflug nicht an anderer Stelle unbemerkt ein weiteres Feuer entfacht hat.

    Schwarzer Rauch am Horizont

    Die Maschine ist noch nicht über Giebelstadt angekommen, als Charles Herrmann eine schwarze Rauchsäule am Horizont entdeckt. Es ist 15.07 Uhr, als er die Leitstelle darüber informiert und den Auftrag erhält, sich die Ursache genauer anzusehen.

    Wie sich herausstellt, steht der Rauch zehn Kilometer weiter südöstlich von Aub über dem kleinen Creglinger Ortsteil Wolfsbuch. Eine Scheune steht im Vollbrand, die örtliche Feuerwehr müht sich mit einer Tragkraftspritze vergeblich, die Flammen unter Kontrolle zu bringen. Umliegende Feuerwehren wurden alarmiert, doch mehrere Anrufer, die den Brand gemeldet hatten, machten widersprüchliche Ortsangaben.

    Den Brandort lokalisiert

    Herrmann gibt die genaue Lage des Brandorts am südlichen Ortsrand an die Leitstelle weiter, macht noch schnell ein Foto zur Dokumentation des Einsatzes und dreht in Richtung seines Heimatstützpunkts bei.

    Dort ist er noch nicht angekommen, als sich die Leitstelle um 15.35 Uhr erneut bei ihm meldet. Nördlich von Röttingen sei eine Rauchsäule gesichtet worden. Charles Herrmann kippt die Cessna nach links und nimmt Kurs aufs Taubertal.

    Harmlose Staubwolke

    Zum Glück erweist sich der Alarm diesmal als harmlos. Ein Mähdrescher zieht ein dicke Staubwolke hinter sich her, die man aus der Ferne leicht für Rauch halten könnte. Aus der Luft war schnell zu erkennen, dass dort keine Gefahr droht.

    Nachdem Charles Herrmann um 15.45 Uhr auf dem Verkehrslandeplatz in Giebelstadt aufgesetzt hat, vermerkt er den Einsatz im Protokollbuch, schiebt die Cessna in den Hangar und widmet sich wieder seiner Aufgabe als Flugplatzleiter.

    Über 350 Einsätze in 20 Jahren

    Über 350 solcher Einsätze ist Charles Herrmann in den zurückliegenden 20 Jahren geflogen, seit das SEF in Dienst gestellt wurde – 13 davon in diesem Jahr. Wie die übrigen 120 Flugzeuge, die der Luftrettungsstaffel Bayern an insgesamt 31 Stützpunkten zur Verfügung stehen, ist die Cessna 172 Privateigentum. Sie gehört Charles Herrmann und seinem Vater Karl.

    Der Unterschied zu den rund 300 ehrenamtlichen Luftbeobachtern, die über dem Freistaat regelmäßig nach auffälligen Erscheinungen Ausschau halten: Das SEF steht im Sommerhalbjahr ständig in Bereitschaft und sollte spätestens eine Viertelstunde nach der Alarmierung in der Luft sein, in der Regel reichen Charles Herrmann fünf Minuten.

    Den Katastrophenschutz verbessern

    Die Idee dazu sei vor 20 Jahren beim 30. Jubiläum der Luftrettungsstaffel entstanden, erzählt Herrmann. Damals hatte er sich mit Wolfgang Endres und Wolfgang Raps, an der Regierung von Unterfranken zuständig für den Katastrophenschutz, über Verbesserungen in der Luftbeobachtung unterhalten.

    „Es gibt viele Alarmierungen mit unklarer Schadenslage“, sagt Herrmann. Sei es bei Flächenbränden oder bei Massenkollisionen auf der Autobahn. Aus der Luft lasse sich die Lage häufig schneller beurteilen und Einsatzkräfte zielgerichtet dirigieren. „Lasst uns das probieren“, habe Charles Herrmann damals vorgeschlagen.

    Unterfränkischer Sonderweg

    Die mehrmonatige Probephase verlief überzeugend. „Das Innenministerium war begeistert und hat auch für die anderen Regierungsbezirke ein SEF empfohlen.“ Dass es bis heute beim unterfränkischen Sonderweg blieb – lediglich in Oberfranken wurde vor zwei Jahren ein Schneller Einsatzhubschrauber in Dienst gestellt – liegt an den schwierigen Rahmenbedingungen.

    Die Stützpunkte sind an Flugsportvereine angeschlossen. Die Piloten sind ausschließlich ehrenamtlich und unentgeltlich tätig. Nur für angeforderte Einsätze, etwa Beobachtungsflüge bei erhöhter Waldbrandgefahr, gibt es eine Kostenpauschale– für Herrmanns viersitzige Cessna sind dies 200 Euro pro reiner Flugstunde. „Man bringt Geld mit, aber das ist ja bei vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten so“, sagt der Sportpilot.

    Günstige Voraussetzungen in Giebelstadt

    In Giebelstadt kamen gleich mehrere günstige Voraussetzungen zusammen. Die Begeisterung von Charles Herrmann für die Fliegerei ist wohl die wichtigste. Er sei praktisch auf dem Flugplatz aufgewachsen, sagt der heute 44-Jährige. Mit 19 Jahren hat er seinen Pilotenschein gemacht. Hinzu kommt, dass er ein eigenes Flugzeug besitzt. Seit er 2010 Flugplatzleiter auf dem Verkehrslandeplatz Giebelstadt wurde, ist er auch noch nahezu ständig verfügbar.

    Hohes fliegerisches Können

    Um als SEF-Pilot tätig zu werden, sind eine Reihe von Zusatzausbildungen erforderlich. Charles Herrmann hat BOS-Digitalfunk an Bord und steht im direkten Kontakt mit Polizei und Einsatzkräften. Weil das Einsatzflugzeug oft in geringer Höhe fliegen muss und mit Hochspannungsleitungen oder Windrädern in Konflikt kommen könnte, sind ein hohes fliegerisches Können und Ortskenntnis erforderlich. Umso mehr ist Charles Herrmann stolz darauf, dass es in 20 Jahren SEF nie zu einem Unfall im Einsatz gekommen ist.

    Für Herrmann bleibt das Ehrenamt Ehrensache. „Wir wollen etwas für die Allgemeinheit tun“, sagt Herrmann, „und die Luftrettungsstaffel ist die ideale Möglichkeit, um den Luftsport sinnvoll mit dem Dienst an der Allgemeinheit zu verknüpfen.“

    Luftrettungsstaffel Bayern

    Für das Jahr 2017 verzeichnet die Einsatzstatistik der Luftrettungsstaffel Bayern 7281 Einsatzflüge über insgesamt 5996 Flugstunden. 6625 Flüge leisteten die Piloten unentgeltlich in ihrer Eigenschaft als ehrenamtliche Luftbeobachter. Hinzu kamen 359 Flüge mit 462 Flugstunden, in denen die Luftrettungsstaffel zur Unterstützung des Katastrophenschutzes oder anderer Behörden angefordert wurde.

    In 127 Fällen wurde Rauchentwicklung gesichtet und kontrolliert. Acht Waldbrände, 20 Flächenbrände und sieben Gebäudebrände wurden dabei lokalisiert und beobachtet. Achtmal waren die Luftbeobachter im Umfeld von Verkehrsunfällen im Einsatz. Rund 20 Mal ging es um die Erfassung und Dokumentation von Wald-, Umwelt- oder Unwetterschäden.

    Insgesamt gehören den 31 Stützpunkten der Flugrettungsstaffel Bayern 312 besonders geschulte Flugzeugführer an, mit 154 Flächenflugzeugen und fünf Hubschraubern.

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