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    WÜRZBURG / OBERALTERTHEIM

    Montessori-Kinder besuchten Biolandhof

    Die kleine Fee ist der Star. Helena, Jasmin und auch alle anderen melden sich sofort, als Bauer Dieter Kraus-Egbers fragt, ob jemand mitkommen und das schokomilchbraune Kälbchen mit der lustigen Haarlocke streicheln möchte. Der ein oder andere hatte sich zuvor schon getraut, den wuchtigen Kühen im Winterstall einen zärtlichen Klaps zwischen die Augen zu geben. Den meisten allerdings flößten die mächtigen Tiere mit ihren Hörnern Respekt ein. Besonders als die Gruppe Zeuge wird, wie eine große Kuh auf dem Weg zum begehrten Heu eine kleinere einfach auf Seite schubst. Unter freilaufenden Kühen, erfahren sie, gibt es eine Rangordnung wie in anderen Rudeln oder Herden auch.

    „Na, wer weiß, wie man Kühe und Bullen unterscheiden kann“, fragt der Bauer seine jungen Gäste. Einige tappen in die Falle und vermuten, die Hörner seien das gesuchte Kriterium. Mit der Frage, wo die Milch herkommt und bei wem denn Menschenbabys Milch trinken – „bei der Mama oder beim Papa?“ – bringt der Bio-Landwirt die Kinder auf die richtige Fährte.

    Die Euter seiner Kühe allerdings sind mit denen von Milchkühen kaum zu vergleichen. Bei Kraus-Egbers trinken nur Kälber die Milch ihrer Mütter. Weil es statt Kraftfutter und Mais nur Heu, Karotten (im Winter) und Gras (im Sommer auf der Weide) gibt, wachsen die Kälber viel langsamer als in der herkömmlichen Viehwirtschaft, bleiben demzufolge dreimal so lange in der Herde bei ihren Müttern.

    Kindergartenkinder aus der Stadt besuchen einen Bauernhof. Außergewöhnlich ist das nicht. Der zuvor beschriebene Ausflug der Montessori Kindertagesstätte der Erlöserkirche zum Biolandhof in Oberaltertheim war trotzdem einzigartig. Nicht etwa, weil eine Spende des Lionsclub Würzburg die Busfahrt erst möglich machte. Nein. Helena, Jasmin, Jonathan, Nele, Hansi und ihre Freunde und Erzieherinnen besuchten nicht einfach irgendeinen Bauern, sie lernten den Landwirt kennen, der Tag für Tag für einen großen Teil ihrer Ernährung zuständig ist.

    Besonderes Küchenkonzept

    Die vor wenigen Jahren neu gebaute integrative Kita in der Würzburger Zellerau hat ein besonderes Küchenkonzept. Silvia Popp und ihr Team kochen täglich nicht nur ein frisches Mittagessen. Statt Mitgebrachten aus der Brotdose nehmen die 85 Kinder und ihre 20 Betreuer auch das vom Küchenteam zubereitete Frühstück gemeinsam im sogenannten Leckerland ein. Das, was die Vier zubereiten, ist nicht nur frisch gekocht, sondern obendrein vollwertig, vegetarisch und sogar biozertifiziert. „Dass wir kein Fleisch und keinen Fisch verarbeiten“, sagt die Küchenleiterin, „macht vieles einfacher.“ Sollte sich das irgendwann mal ändern, könne man das auch meistern, ist sie überzeugt. „Aber die Hygienevorschriften wären viel komplizierter und einige Geräte und Werkzeuge bräuchten wir dann doppelt und dreifach“.

    Zum integrativen Küchenteam gehören neben Popp noch Ronny Schumann, Sarah Murtatza und Djemilie Saljievic sowie Heilerziehungspfleger Andreas Krach. Letzterer ist zuständig für den Speiseraum, Leckerland genannt, und alles, was damit zusammenhängt.

    Unter seiner Regie helfen die Kinder bei der Vor- und Zubereitung mit, schrubben Möhren oder Kartoffeln, pflanzen und ernten Küchenkräuter oder kneten Teig. Er bereitet auch den sogenannten Schauteller mit den Zutaten des jeweiligen Menüs vor und erzählt interessante Geschichten über das, was sich da so auf dem Teller findet. Auch das Einhalten der Grundregeln rund ums Essen fällt in seine Zuständigkeit.

    Die drei Küchenhelfer sind angestellt bei den Mainfränkischen Werkstätten und arbeiten in der Küche der Kindertagesstätte sozusagen in einer Außenstelle. Das Helfertrio und Krach sind an diesem sonnigen Vormittag ebenfalls mit nach Oberaltertheim gekommen. Die große Küche in der Tagesstätte für die Zuhausegebliebenen haben sie an diesem Vormittag einem Mütterteam überlassen. Endlich weiß die Küchencrew jetzt, wo „Bauer Dieter“, den sie von den regelmäßigen Lieferungen kennen, wohnt und arbeitet.

    Die Kinder haben unter Regie der Kindergartenleiterin Katharina Möstl unterdessen einen anderen Zeitvertreib gefunden. Der große Traktor, an dem sie auf dem Weg zum kühlen Kartoffellager vorbeikamen, zieht sie magisch an. Mit großen Augen stehen die Zwerge vor den Reifen, die weit über ihre Köpfe hinausragen. Dass sie ins Führerhaus klettern und sogar einmal auf die Hupe drücken dürfen, macht das Kinderglück perfekt.

    Mit einem großen Sack Kartoffeln für die „Lagerfeuerkartoffeln“ auf dem Speiseplan des nächsten Tages, geht es zurück nach Würzburg. Beim nächsten Mal wollen die Kinder mit dem Traktor die Kühe auf der Weide draußen besuchen. Ob die kleine Fee dort auch so geduldig still hält, wird man sehen.

    Das Buch zum Thema

    „Gesund und nachhaltig kochen in der Kita“:

    Auf 111 Seiten schildert Silvia Popp die Leiterin der Küche im Montessori-Kindergarten in einfacher Sprache anschaulich den Weg von der ersten Idee bis zur Umsetzung des Projektes in der Kindertagesstätte der Erlöser-Kirche.

    Von der Kücheneinrichtung und -Ausstattung über Informationen zu Einkauf, Lagerhaltung und finanziellen wie rechtlichen Rahmenbedingungen bis hin zum pädagogischen Konzept nimmt sie die Leser in ihrem im Eigenverlag veröffentlichten Buch mit auf dem Weg zur vollwertigen Kinderküche in der Tagesstätte.

    Ausführliche Wochen-, Hygiene und Lagerpläne sowie zahlreiche Rezepte helfen möglichen Nachahmern.

    Internet: www.gesund-kochen-in-der-kita.de

    Rezept-Beispiel:

    Lagerfeuerkartoffeln (für 100 Personen)

    Ca. 17 kg Kartoffeln waschen und bürsten, Ofen auf 250° vorheizen.

    Die Kartoffeln ganz auf das mit Olivenöl gefettete Backblech legen, mit Öl bestreichen und in den Ofen schieben. Den Ofen sofort auf 160° zurückschalten und die Kartoffeln 45 bis 60 Minuten garen, mit Rosmarinsalz bestreuen.

    Dazu (Wild)Kräuterquark oder Zaziki und Salat reichen.

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