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    Würzburg

    Mordprozess: Dieser Mann hört für den tauben Angeklagten

    Dank Schriftdolmetscher Thomas Wippel (zweiter von rechts) konnte der Würzburger Prozess um einen versuchten Mord beim Feuerwehrfest in Euerhausen weitergehen. Foto: Manfred Schweidler

    Die Suche nach der Wahrheit ist vor Gericht oft ein mühseliges Geschäft. Aber nur selten ist sie so schwer wie im Prozess gegen den 71-jährigen Bruno G. aus dem Landkreis Würzburg. Der soll vor einem Jahr beim Feuerwehrfest in Euerhausen einem Nachbarn in den Rücken geschossen haben. Aber Bruno G. schwieg vor Gericht. Am ersten Prozesstag. Und den Verhandlungstagen danach.

    Ein Grund, warum das Verfahren wegen versuchten Mordes schon vier Monate an dauert: Richter, Staatsanwalt, Nebenkläger und Verteidiger mühen sich, die Vorgänge vom vorigen Sommer nachzuvollziehen. Seit elf Verhandlungstagen wiederholt sich die Szene: Es gibt Fragen an den Angeklagten. Aber der 71-Jährige starrt vor sich hin, fühlt sich nicht angesprochen. Nicht aus bösem Willen. Er hört die Frage schlicht nicht.

    Schriftdolmetscher machen Gehörtes sichtbar

    Jetzt ist Thomas Wippel am Zug - seit dem dritten Verhandlungstag das "Ersatzohr" des Angeklagten. Wippel tippt die Frage in rasantem Tempo in den Laptop. Eine Sekunde später taucht der Text in großen Lettern auf dem Bildschirm vor dem Angeklagten auf. Der liest und schüttelt den Kopf.

    Am Bildschirm kann der fast taube Angeklagte nun lesen, was gesagt wird. Foto: Manfred Schweidler

    Thomas Wippel hat einen außergewöhnlichen Beruf: Er ist Schriftdolmetscher und macht sichtbar, was für Menschen wie Bruno G. nur schwer oder gar nicht hörbar ist. Eine Besonderheit in Bayern, der Schriftdolmetscher kommt zu jedem Prozesstag aus dem Raum Augsburg gefahren. Bei jeder Frage lauscht er hoch konzentriert, schreibt mit atemberaubender Geschwindigkeit und überträgt das Gehörte in lesbaren Text.

    Für ganze Prozesstage bringt er als Verstärkung einen zweiten Schriftdolmetscher  mit, Sabrina Weitzer aus Regensburg  oder andere Kollegen aus der kleinen Gruppe, die diese Tätigkeit ausübt. Um konzentriert zu schreiben und keine wichtigen Aspekte zu verlieren, wechseln die beiden sich während der Verhandlung im 20-Minuten-Rhythmus ab.

    Prozess stand vor dem Scheitern

    Das Unvermögen des Angeklagten zu hören, kam zu Prozessbeginn überraschend für das Gericht - und stellte es vor ungeahnte Probleme: Wie stellte man das gesetzlich verbriefte Recht des Angeklagten sicher, alles mitzubekommen, was wichtig war für seinen Fall? Und wie stellte man sicher, dass er nicht nur simulierte?

    Das Gericht rückte zunächst den Angeklagten näher heran, um nicht so schreien zu müssen. Der Verteidiger rief dem Mandanten ins Ohr, was seitlich vom Staatsanwalt oder dem Nebenklage-Vertreter kam. Die Lautstärke nahm von Frage zu Frage zu. Dennoch bekam der Angeklagte nur in Teilen wahr, was über ihn gesagt wurde - rechtlich eine fragwürdige Situation und selbst für die Zuschauer ein unwürdiges Schauspiel. Wie schreit man und wahrt zugleich den Anstand? Schließlich entschied der Vorsitzende Hans Brückner: So funktioniert es nicht.

    Ob Ärzte in zeitraubenden Untersuchungen für eine verbesserte Hörfähigkeit hätten sorgen können, war ungewiss.  Der Prozess stand auf der Kippe, als der Richter bekanntgab: Ein Schriftdolmetscher habe seine Hilfe angeboten. "Ich hatte von den Problemen in Augsburg in der Zeitung gelesen," sagt Thomas Wippel, der plötzlich zur wichtigsten Person im Prozess wurde.

    Denn das Würzburger Landgericht beschloss, es mit ihm zu versuchen, obwohl Wippel zu jedem Prozesstag von Binswangen bei Augsburg 200 Kilometer nach Würzburg fahren muss. Auch für ihn ist das Strafverfahren Neuland. Bisher half er Schwerhörigen bei Kongressen oder Behördenterminen, in der Schule oder beim Arztbesuch. Immerhin dolmetschte er auch schon mal einem schwerhörigen Richter am Amtsgericht Augsburg.

    Seit über vier Monaten trägt er inzwischen am Vorankommen des Prozesses bei, ist dabei entspannt und immer bemüht sachlich. "Wenn es nicht um so einen tragischen Fall ginge, würde ich sagen, dass es für uns ein angenehmes Arbeiten ist", sagt Wippel.

    Dialekt ist kein Problem- nur wenn jemand leise, schnell und undeutlich redet

    Fast in Echtzeit erscheint das Gesagte auf dem Bildschirm. Die Schriftdolmetscher dürfen schwierige Passagen zusammenfassen und auf den Punkt bringen: In all den Prozesstagen gab es keinen einzigen Protest gegen ihre Art, das Gesagte sichtbar zu machen.

    Den Mann aus dem Schwäbischen und seine Kollegin aus der Oberpfalz bringt es kaum aus dem Takt, wenn sie breites Unterfränkisch in Schrift übersetzen müssen.  Schwierig wird es, wenn jemand ganz leise, undeutlich und schnell redet - oder ein Fremdwort ans andere reiht.  Dann stockt selbst Wippel kurz: Fiel das Wort Kinesiologe oder Gynäkologe? Knifflig kann es auch werden, wenn jemand mit anderer Muttersprache schwierig auszusprechende Wörter benutzt, wie "Eichhörnchen" oder "Streichholzschächtelchen". Aber, sagt er, "das erschließt man sich meist aus dem Kontext". 

    Laut Gehörlosen-Bund leben in Deutschland etwa 80 000 taube Menschen. 16 Millionen Bundesbürger gelten als schwerhörig. Das macht die Kommunikation schwierig, gerade wenn es um folgenreiche Schilderungen geht wie vor Gericht.

    Die ersten zwei mit zertifiziertem Nachweis

    Wippel nahm 2012 an einer weiterführenden Ausbildung des Deutschen Schwerhörigenbundes (DSB) zum Schriftdolmetscher teil. Danach waren er und sein Kollege Lothar Rogg die ersten bayerischen Schriftdolmetscher mit zertifiziertem Nachweis. Sie sahen hier Bedarf und gründeten eine eigene Firma namens "Wortreport".

    Welches Urteil vor Gericht nun auch fällt - dass es eines gibt, wird auch ein wenig Verdienst von Wippel und seinen Kollegen sein, die lauschen und schreiben, ohne irgendeine Regung über das Gehörte zu verlieren, 600 Anschläge in der Minute. Wippel hofft, dass die Tätigkeit der Schriftdolmetscher dadurch ein Stück bekannter wird. 

    Was er täglich tippt, ist übrigens vergänglich. Wippel muss das Aufgeschriebene nach jedem Verhandlungstag wieder löschen - da ist die Rechtslage  unmissverständlich. 

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