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    Estenfeld

    Mutmaßlicher Brandstifter bei Feuerwehr im Ort aktiv?

    Das erste Feuer wurde in der historischen Kartause in Estenfeld gelegt. Foto: Angie Wolf

    "Die Akte ist noch bei der Kriminalpolizei", sagt der Würzburger Oberstaatsanwalt Dieter Brunner auf die Frage, wie weit die Ermittlungen zu der Brandserie in Estenfeld gediehen sind. Das bedeutet, dass die Untersuchung der Fälle noch nicht abgeschlossen ist. Eine Anklage gegen den mutmaßlichen Brandstifter gibt es deshalb noch nicht. Der geständige 22-Jährige sitzt seit seiner Festnahme Anfang August in U-Haft, weil die Staatsanwaltschaft "Wiederholungsgefahr" befürchtet.

    "Wir sollen Stillschweigen bewahren"

    Inzwischen gibt es Hinweise, dass der Arbeitslose bei der Freiwilligen Feuerwehr Estenfeld aktiv gewesen sein soll. Er sei offenbar auf der Suche nach Anerkennung gewesen, ist zu hören. Die Kameradschaft bei den Feuerwehrleuten habe ihm wohl gefallen. Rosi Schraud, die Bürgermeisterin von Estenfeld, möchte sich zu der Identität des Festgenommenen nicht äußern. "Die Polizei hat uns gesagt, dass wir Stillschweigen bewahren sollen", erklärt sie gegenüber der Redaktion, "daran halten wir uns".

    Auch Feuerwehrkommandant Konrad Hasch will am Telefon entsprechende Fragen nicht beantworten. Später teilt er schriftlich mit, dass er "als Leiter der Feuerwehr Estenfeld bis zum heutigen Tag keine offizielle Mitteilung der Polizei oder einer anderen Behörde erhalten" habe, in dem ihm "ein mutmaßlicher Täter namentlich genannt wird". Aus diesem Grund könne er auch die Frage, ob sich ein angehendes oder vollwertiges Mitglied seiner Feuerwehr in Untersuchungshaft befindet, "nicht verbindlich beantworten".

    Bei Besprechungen dabei?

    Allerdings bestätigt Hasch, dass "interne Zusammenkünfte oder Einsatznachbesprechungen" der Feuerwehr "prinzipiell nicht öffentlich" seien. "Zivilisten oder Unbeteiligten" sei "die Anwesenheit gänzlich untersagt". Nach Informationen der Redaktion soll der Tatverdächtige 22-Jährige an solchen Treffen teilgenommen haben.

    Wie berichtet, hat es zwischen Februar und April, also innerhalb von sechs Wochen, in Estenfeld fünf Mal gebrannt. Das erste Feuer wurde an der historischen Kartause gelegt, die anderen Brände an Schuppen und Gartenhäusern. Die Schadenshöhe steht noch nicht fest. Nach dem letzten Feuer sagte der Sprecher des Polizeipräsidiums Unterfranken, Philipp Hümmer, es wäre durchaus möglich, dass "der Täter aus der Umgebung von Estenfeld stammt". Vier Monate später wurde der 22-Jährige festgenommen. Nach Angaben des Würzburger Staatsanwalts Thorsten Seebach soll er wegen seines Verhaltens an den Brandorten aufgefallen sein.

    Lob und Anerkennung

    Es kommt immer wieder vor, dass Feuerwehrleute Brände legen. So gab es zwischen Mai 2010 und Januar 2011 eine Brandserie in Burkardroth (Lkr. Bad Kissingen), bei der Schaden von fast 800 000 Euro entstand. Brandstifter war ein damals 22-jähriger Gruppenleiter der Freiwilligen Feuerwehr. Bei seiner Gerichtsverhandlung sagte er, dass ihm die Kameradschaft gefallen und dass er das Lob und die Anerkennung genossen habe.

    Aktuell wird auch in Hessen gegen einen 22-jährigen ermittelt. Er war Feuerwehrmann und soll mehrere Feuer an der hessisch-thüringischen Grenze gelegt haben. Die betroffene Freiwillige Feuerwehr schloss ihn aus und distanzierte sich öffentlich von ihm. Man sei schockiert, "dass ein eigener Kamerad" Menschen "in Gefahr gebracht hat", heißt es in ihrer Stellungnahme auf Facebook. Dann bittet die Feuerwehr darum, "die Straftaten eines Einzelnen nicht auf die Gemeinschaft" zu übertragen.

    Feuerwehrleute als Brandstifter

    Der vor wenigen Wochen im Alter von 62 Jahren gestorbene Brandexperte und Kriminologe Frank Dieter Stolt aus Mannheim, der auch Ermittlungen im NSU-Prozess durchgeführt, hat ein Buch mit dem Titel "Brandstiftung durch Feuerwehrangehörige - Erkennung und Prävention" geschrieben. In einem Interview dazu mit dem Fernsehsender n-tv erklärte er, dass sich Feuerwehrleute als Brandstifter nur ganz selten bei den Berufsfeuerwehren, sondern "fast ausschließlich" bei freiwilligen Feuerwehren fänden.

    Allerdings kommen laut Stolt auf rund 1,3 Millionen Freiwillige Feuerwehrleute jährlich "nur" etwa 40 Brandstifter. Der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) geht sogar nur von zwölf Fällen pro Jahr aus, in denen Brandstifter Feuerwehrmänner waren.

    Aus Frust Brände legen

    Und warum legen ausgerechnet Brandbekämpfer Feuer? Die Anzahl der Brände sei rückläufig, sagte Stolt, heute bestehe die Arbeit der Feuerwehren hauptsächlich aus Hilfeleistungen und Prävention. Löscheinsätze seien eher selten. Junge Leute, die zur Freiwilligen Feuerwehr gehen, damit man sie als "Stars" feiert, könne das demoralisieren. Und einige legten dann aus Frust Brände.

    Der Experte hat ein Täterprofil für brandstiftende Feuerwehrleute gezeichnet. Nach seinen Erhebungen sind sie männlich, Anfang bis Ende 20, unauffällig, Durchschnittstypen und in der Freiwilligen Feuerwehr besonders engagiert. Ihr Motiv sei es, "beim Löschen von Bränden und Retten von Menschen, Tieren und Besitz zum 'Helden' zu werden und so soziale Anerkennung zu bekommen".

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