• aktualisiert:

    Würzburg

    Nachwuchsmangel: Wie Würzburgs Uniklinik junge Ärzte zum Forschen bringt

    Hörsaal, Labor oder Ambulanz? Über ein Förderprogramm bekommen junge Mediziner an der Würzburger Uniklinik Freiraum für die Forschung: (von links) Anastasia Kuzkina (Neurologie), Dr. Johannes Völker (HNO), Dr. Sandra Ihne (Hämatologie) und Dr. Thomas Fischer (Strahlentherapie). Foto: Thomas Obermeier

    Sie ist kein Selbstzweck: Medizinische Forschung soll den Patienten dienen, sich an  Krankheitsbildern und Bedürfnissen orientieren. Ziel sind neue Medikamente und Verfahren - nicht selten als letzte Hoffnung für Schwerkranke. "Translational" heißt der Fachbegriff: Fortschritte in der Grundlagenforschung ans Patientenbett bringen.

    Schwierige  Vereinbarkeit von Stationsarbeit, Forschung und eigener Familie

    Für neue Entwicklungen braucht es Mediziner, die sich der klinischen Forschung verschreiben und gleichzeitig als Ärzte den Stationsalltag kennen. Nur, es gibt immer weniger solche "Clinician Scientists", also klinische Wissenschaftler, die neben ihrer Facharztausbildung noch Forschung betreiben wollen. Ein Problem auch am Universitätsklinikum Würzburg. Dabei gilt eine erfolgreiche Forschung als wichtiger Standortfaktor im schärfer werdenden Wettbewerb der Kliniken.

    Doch wer die Doppelbelastung als junger Arzt und Forscher auf sich nimmt, landet leicht bei 60- bis 70-Stunden-Wochen und verbringt viel Freizeit im Labor. Wer dann noch versucht, das mit einem Familienleben in Einklang zu bringen, kann leicht darüber verzweifeln. 

    Förderprogramm stellte junge Ärzte zur Hälfte für die Forschung frei

    An der Würzburger Uniklinik hat man deshalb ein Nachwuchsprogramm gestartet, das jungen Medizinern den Spagat erleichtern soll. Über das Interdisziplinäre Zentrum für Klinische Forschung Würzburg (IZKF) wurde das Clinician-Scientist-Programm aufgelegt: ein dreijähriges Ausbildungsprogramm, das die jungen Ärzte neben ihrer Weiterbildung in der Klinik 18 Monate lang ausschließlich für die Forschung freistellt.

    Großer Vorteil: Jungärzte werden - bei Personalknappheit immer eine Gefahr - nicht benutzt, um personelle Löcher auf den Stationen zu stopfen, sondern können ihre vertraglich fixierte Forschungszeit einfordern.Vor wenigen Wochen trafen sich Jungmediziner aus den klinischen Forschungsprogrammen erstmals zu einem Erfahrungsaustausch und zur Vernetzung in Würzburg

    Neue Generation von Ärzten sucht den Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben

    Dr. Johannes Völker hat in der eigenen Familie erlebt, wie dominant der Klinik- und Forschungsalltag sein kann: Als Kind bekam er seinen Vater, einen Mediziner, selten zu Gesicht, verbrachte der doch die meiste Zeit in der Klinik.  Nun ist der 34-Jährige an der Würzburger Uniklinik selbst auf dem Weg zum HNO-Facharzt. Doch die neue Generation von Ärzten ordnet ihr Leben - bei aller Überzeugung für den Beruf - nicht mehr bedingungslos den Dienstplänen auf Station, Experimenten im Labor und Kursen für Medizinstudenten unter.

    Statt Selbstaufgabe, weiß Professor Georg Ertl als Ärztlicher Direktor der Uniklinik, suchen Nachwuchsärzte heute den Ausgleich. Soweit eine gesunde Work-Life-Balance überhaupt möglich ist. Dr. Thomas Fischer, wie Völker ebenfalls im IZKF-Förderprogramm, hat zwei kleine Kinder. Zeit für sie bleibe unter der Woche kaum, sagt der 35-jährige angehende Facharzt für Strahlentherapie. Man habe offiziell eine 42-Stunden-Woche in der Klinik - mit OPs, Visiten, ambulanten Behandlungen. Dazu kommen Nacht- und Wochenenddienste und Rufbereitschaften. Überstunden gehören ins Programm.

    Ohne die Jungärzte, die als wissenschaftliche Mitarbeiter angestellt sind, wäre ein geregelter Stationsbetrieb in der Uniklinik nicht denkbar. "Ausfallen darf niemand", sagt einer von ihnen. Mit diesem Einsatz können Krankenhäuser wirtschaften - mit dem Einsatz für die Forschung können sie es in der Regel nicht. Ohne die Freistellung im Förderprogramm müssen die Jungärzte ihre Forschungsarbeiten in der Freizeit, an Abenden und am Wochenende absolvieren. Motivierend sind solche Rahmenbedingungen nicht. Der allgemein Ärztemangel tut ein übriges: Früher war eine Karriere ohne Forschung kaum denkbar, das ist heute anders.

    Blick ins Labor am Lehrstuhl für Translationale Onkologie an der Uniklinik Würzburg: Hier werden potentielle neue Medikamente auf ihre Wirksamkeit hin getestet.  Foto: Daniel Peter

    Aber der Ärztliche Direktor der Würzburger Uniklinik und die anderen Klinikdirektoren unterstützen das IZKF-Programm. Davon profitieren aktuell zehn junge Mediziner, freilich nur ein Bruchteil der rund 500 Jungärzte an der Uniklinik. "Sie sind das Bindeglied zwischen Klinik und Forschung und sorgen dafür, dass in der Forschung das Wohl des Patienten im Mittelpunkt steht", sagt Prof. Stefanie Hahner, Leiterin des Programms und Prodekanin an der Medizinischen Fakultät.

    "Wir hoffen, dadurch bessere Ärzte zu werden. Und nicht Fließbandmediziner."
    Dr. Johannes Völker, angehender HNO-Facharzt

    "Wir sehen, was Patienten brauchen und entwickeln daraus die Forschung", sagt Dr. Sandra Ihne. Die angehende Fachärztin für Hämatologie hat an der Uniklinik ein Zentrum für Amyloidose initiiert, für eine seltene Stoffwechselerkrankung. Ihne sammelt klinische Daten und testet neue Methoden. Auch ihr hilft das IZKF-Programm mit der blockweisen Freistellung für die Forschung. Experimente auf den Feierabend nach einem Zwölfstundentag zu reduzieren, bringe nichts. "Man muss wach sein - und dranbleiben."

    Johannes Völker formuliert es so: "Wir hoffen, dadurch bessere Ärzte zu werden. Und nicht Fließbandmediziner." Als HNO-Spezialist forscht er neben seiner Stationstätigkeit an neuen Therapieansätzen für eine Heilung von Hörstörungen. Die jungen Mediziner entwickeln auf ihren Gebieten wichtige Expertisen. Auch deshalb hoffen sie, dass ihnen die Forschungszeit künftig für die Facharztausbildung angerechnet wird. In Bayern ist dies noch nicht der Fall. 

    Auch Deutsche Krebshilfe fördert den Forschernachwuchs an der Uni Würzburg

    Für die Krebsforschung hat die Deutsche Krebshilfe an der Uniklinik Würzburg vor wenigen Wochen eines von bundesweit fünf Mildred-Scheel-Nachwuchszentren eingerichtet. Auch hier wurde der Mangel an Forschernachwuchs beklagt. Krebshilfe-Bereichsleiter Lars Jöckel: "Viele der klügsten Köpfe wandern in die Industrie ab oder verlieren das Interesse an der Forschung. Da besteht Handlungsbedarf."

    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!