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    Würzburg

    Nitrat im Wasser: "Das Krebsrisiko steigt"

    Harald Gülzow (Mitte), Sprecher des Vereins VSR-Gewässerschutz, nimmt die Wasserprobe eines Brunnenbesitzers entgegen. Foto: Gerhard Seybert

    Im Streit um zu viel Dünger und Nitrat im Grundwasser droht Deutschland eine weitere Klage vor dem Europäischen Gerichtshof. Die EU-Kommission setzte am 25. Juli eine letzte Frist – Bund und Länder haben zwei Monate Zeit, Brüssel von ihren Plänen für strengere Düngeregeln zu überzeugen. Gelingt das nicht, könnte Deutschland wegen der teils überhöhten Nitrat-Werte im Grundwasser erneut verurteilt werden. Dann würden Strafen in Millionenhöhe fällig.

    Regelmäßig Schlagzeilen machen in Unterfranken die privaten Wasseranalysen des aus Bürgerinitiativen entstandenen Vereins VSR-Gewässerschutz. 2018 haben mehr als 200 private Brunnenbesitzer in Franken, von Nürnberg bis Bad Königshofen, die Nitratwerte ihrer Brunnen vom Verein kostenpflichtig (zwischen zwölf und 99 Euro) untersuchen lassen. Der Spitzenwert lag bei über 300 mg Nitrat pro Liter Wasser in Sulzdorf an der Lederhecke (Lkr. Rhön-Grabfeld). Getrunken werden darf in Deutschland nur Wasser mit einem Wert von unter 50 mg pro Liter. Ein Grund zur Besorgnis? Vereinssprecher Harald Gülzow antwortet.

    Harald Gülzow, Pressesprecher des Vereins VSR-Gewässerschutz. Foto: Gerhard Seybert

    Frage: Ist Nitrat per se schlecht?

    Harald Gülzow: Nein. Jeder Baum, der seine Blätter verliert, düngt seine Umgebung mit Nitrat. Es ist ein wichtiger Nährstoff in der Natur. Er darf nur nicht in zu hoher Konzentration vorkommen. Die natürliche Grundbelastung im Grundwasser liegt bei 0 bis 8 mg pro Liter in Gebieten, in denen es kaum Landwirtschaft gibt. Im Grundwasser kommt nur das an, was zuviel aufgebracht wurde. Diesen Überschuss müssen wir minimal halten.

    Wodurch entsteht in Franken der Überschuss, der im Grundwasser landet?

    Gülzow: Intensive Landwirtschaft führt in Franken dazu, dass zu viel Nährstoffe anfallen, die in Form von Gülle und Gärresten auf den Feldern ausgebracht werden. Dazu kommt der chemische Mineraldünger beim Weinbau. Auch der Anbau von Gemüse belastet das Grundwasser, da für optimale Erträge oft bis zur Ernte gedüngt wird. Wenn Pflanzen oder Pflanzenteile, die nicht vermarktet werden, auf den Feldern bleiben, verwandeln sich die Erntereste in Stickstoff, der im Winter ins Grundwasser ausgewaschen wird.

    In Unterfranken ist die Tierhaltung, verglichen mit anderen bayerischen Gebieten, wenig verbreitet. Drei Viertel aller Weinberge werden begrünt oder in Steillagen mit Mulch und Stroh abgedeckt, um die Nährstoff-Auswaschung gering zu halten. Die Zahl der Biobetriebe steigt. Trotzdem ist vielerorts das Grundwasser stark mit Nitrat belastet – eine Folge der Trockenheit?

    Gülzow: Geringe Niederschlage spielen eine Rolle bei der Verdünnung des Nitrats im Grundwasser, verschärfen aber das Problem der Überdüngung nicht – im Gegenteil: Durch den wenigen Regen bleibt das Nitrat im oberen Boden und kann von den Pflanzen besser aufgenommen und vom Landwirt leichter dosiert werden. Nur der Überfluss verlagert sich in den Untergrund. Je stabiler die Wetterverhältnisse sind, desto einfacher ist die Dosierung des Düngers zu planen.

    Welche Gesundheitsgefahr geht von Nitrat aus?

    Gülzow: Das Krebsrisiko steigt. Bei Säuglingen können noch weitere Schädigungen auftreten.

    In Deutschland kommt kein übermäßig mit Nitrat belastetes Trinkwasser aus dem Hahn, weil es aufbereitet, mit weniger belastetem Wasser gemischt oder auf tiefere Grundwasserschichten zurückgegriffen wird. Wo also liegt das Problem?

    Gülzow: Oft müssen kleine Wasserwerke die Förderung einstellen und auf Fernwasser zurückgreifen. Der Wasserpreis steigt. Grundwasser ist ein Allgemeingut und müsste flächendeckend Trinkwasserqualität haben – auch im Hinblick auf künftige Generationen. Wenn wir aufgrund des Klimawandels dieses Grundwasser irgendwann brauchen, ist jeder Wasserleiter, der nur wenig Nitrat enthält, für die Versorgung geeignet. Andernfalls muss das Wasser teuer aufbereitet werden.

    Oft misst ihr Verein viel zu hohe Nitratwerte in privaten Brunnen. Laut den Gesundheitsämtern sei das kein Grund zur Sorge, solange das Brunnenwasser nicht als Trinkwasser, sondern nur als "Brauchwasser" für die Gartenbewässerung oder zum Autowaschen genutzt wird. Richtig?

    Gülzow: Sehr hohe Nitratwerte sind keine Gesundheitsgefahr beim Obstanbau oder bei Zierpflanzen. Anders ist es bei Gemüse oder Salat – denn hier essen wir die Knollen, die Stängel oder die Blätter, in denen sich das Nitrat anreichert.

    Eigentlich sollte doch die neue Düngeverordnung, die seit dem 1. Juni 2017 gilt, dafür sorgen, dass weniger Nitrat im Grundwasser landet – offenbar kein Erfolg?

    Gülzow: Die Richtlinie wird erst seit 2018 richtig umgesetzt. Es geht langsam. Außerdem ist sie zu lasch ausgelegt. Denn der Landwirt darf Lager- und Düngeverluste abziehen, die in der Theorie nicht an den Pflanzen ankommen sollen. Ich gehe davon aus, dass die realen Verluste nicht so hoch wie die errechneten sind und es immer noch zu einer Überdüngung kommen kann. Es fehlen effektive Kontrollen.

    >Lesen Sie auch: Zu viel Nitrat in Unterfrankens Grundwasser

    Der Nitratgehalt im Wasser wird über Nitrit bestimmt. Die violette Färbung zeigt die Reaktion des Nitrits im Grundwasser an. Daneben wird eine Farbskala gehalten, die zur Abschätzung des Nitritgehalts von 0,05 bis 2,0 mg/l in der Grundwasserprobe dient. Je höher der Nitritgehalt in der Grundwasserprobe ist, desto intensiver ist die Färbung.  Foto: Uli Deck, dpa
    Worum es beim Grundwasser-Streit geht
    Im Streit über schädliches Nitrat im Grundwasser liegen Deutschland und die EU-Kommission schon seit längerer Zeit über Kreuz. Im Juni 2018 hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) Deutschland nach einer Klage der Brüsseler Behörde verurteilt, weil an vielen Stellen zu viel Nitrat im Grundwasser ist und dies gegen EU-Recht verstößt. Das Nitrat stammt meistens aus Dünger wie Gülle und kann in hoher Konzentration für Umwelt, Menschen und Tiere schädlich sein.
    Das Urteil bezog sich noch auf ältere Düngeregeln. Die Bundesregierung hat die Regeln für Landwirte 2017 schon verschärft, aber aus Brüsseler Sicht nicht ausreichend. In der Diskussion waren unter anderem weitere Sperrzeiten fürs Düngen in belasteten Gebieten. (dpa)

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