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    Würzburg

    Obdachlose in Würzburg: Unterkunft platzt aus allen Nähten

    Die Anzahl Wohnungsloser in Würzburg ist in den letzten zwei Jahren massiv gestiegen. Bei einem Ortstermin informierten sich Stadträte über die Obdachlosenunterbringung in der Sedanstraße. Foto: Thomas Obermeier

    Die Obdachlosenunterkunft in der Sedanstraße platzt aus allen Nähten: 44 Prozent mehr Menschen als noch vor zwei Jahren sind in städtischen Notunterkünften untergebracht. Nicht nur, dass die Mitarbeiter der Würzburger Wohnungsnotfallhilfe kaum mehr Platz für neue Obdachlose haben: Durch die Überbelegung steigen auch die Konflikte an.

    In Würzburgs größter Obdachlosenunterkunft in der Sedanstraße waren am Stichtag am 31. Dezember 2018 122 Menschen untergebracht. Für "Familien und Personen mit besonderen Bedürfnissen" stehen im Stadtgebiet weitere 104 Wohnungen zur Verfügung. 259 Obdachlose fanden dort eine Bleibe. Insgesamt stellte die Stadt für 381 Wohnungslose eine Unterkunft.

    Stadt kommt ihrer Verpflichtung nach

    Vor Ort informierten sich jetzt die Würzburger Stadträte, wie die Stadt ihrer Pflicht zur Unterbringung von Obdachlosen unter diesen Bedingungen noch nachkommen könne. Sozialreferentin Hülya Düber wollte ihnen "die Realität zeigen, mit denen die Kollegen hier konfrontiert sind". Die Stadträte sollten an den Überlegungen des Sozialreferats teilhaben, wie die kritische Situation zu lösen sei.

    Kathrin Hackel von der Fachabteilung Wohnung im städtischen Sozialreferat, die die Besucher mit ihrer Kollegin Roswitha Kleinschroth durch das Haus führte, verdeutlichte die angespannte Lage: "Solange wir noch einen Zentimeter Platz finden, auf den wir ein weiteres Bett stellen können, würde es ausreichen, um unserer Verpflichtung nachzukommen."

    Vandalismus und Gewalt nehmen zu

    Die enge Belegung hat gravierende Folgen: "Es kommt zu Konflikten. Ohnehin angeschlagene Personen rutschen dadurch noch tiefer in die Krise." Im Haus gebe es mehr Vandalismus und Verschmutzung, auch körperliche Auseinandersetzungen untereinander und gegen die Mitarbeiter nähmen zu. Diese seien somit einer höheren Belastung ausgesetzt.

    Während von 2016 bis 2018 der Schwerpunkt bei der Unterbringung wohnungsloser Personen auf dem Nachzug von Familienangehörigen anerkannter Flüchtlinge lag, verstärkte sich Mitte 2018 der Zuzug aus Südosteuropa. "Wenn sie ihre Arbeit verlieren, haben sie keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Sie geraten in eine prekäre Lage und landen bei uns", erklärte Hackel.

    Die Zentralunterkunft in der Sedanstraße verfügt über 100 Zimmer, von denen 89 zur Belegung genutzt werden. Zum 31. Dezember waren hier 122 Personen untergebracht. Foto: Thomas Obermeier

    Ältere und pflegebedürftige Obdachlose könnten aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit des Hauses nicht gemäß ihrer Bedürfnisse einquartiert werden. Düber informierte, dass ein Projekt mit der Christophorus-Gesellschaft zwar fortgeschritten sei, doch dessen Umsetzung bislang an einer fehlenden Immobilie scheitere.

    Für psychisch Erkrankte bisher kein Angebot

    Auch psychisch Erkrankte, die von spezialisierten Einrichtungen wegen fehlender Kooperation nicht mehr betreut würden, stellen ein Problem dar, sagte die Abteilungsleiterin. "Schon ein Einziger kann uns für eine Woche den Laden lahmlegen. Wenn schon eine besondere Einrichtung scheitert, sind auch wir machtlos. Aber trotzdem müssen sie versorgt werden."

    "Wir löschen nur noch Feuer und intervenieren bei Krisen."
    Kathrin Hackel, Stadt Würzburg

    Mittel- bis langfristig müsse es ein Ziel sein, für sie ein Angebot zu schaffen, das es in Würzburg noch nicht gebe. Als Beispiel führte Düber pädagogisch betreute Wohngruppen an. "Denn alle Personen mit ihren verschiedenen Problemen gemeinsam in einer Unterkunft unterzubringen, führe nicht dazu, dass sich die Situation des Einzelnen stabilisiere, erklärte Düber.

    Überbelegung führt zu einem Teufelskreis

    Aus der Überbelegung ergibt sich ein Teufelskreis: "Wir löschen nur noch Feuer und intervenieren bei Krisen", sagt Hackel. Es bleibe keine Zeit mehr, den Menschen bei der Lösung ihrer Wohnungsnot zu helfen. "Wenn sie keine Wohnung suchen, bleiben sie länger in der Unterkunft. Dadurch belegen sie ohnehin knappen Raum und die Auslastung steigt immer weiter."

    Ein extremer Fall: Nachdem ein Wohnungsloser sechs Monate in der Unterkunft verbracht hatte, hinterließ er den Raum in einem heruntergekommenen Zustand. Dieses Zimmer herzurichten, kostet den Mitarbeitern viel Zeit. Foto: Thomas Obermeier

    Ein erster Schritt sei es, die kommunale Wohnungsnotfallhilfe personell breiter aufzustellen. Sie teilt sich in drei Bereiche auf: die präventive Wohnungssicherung, die Unterbringung in städtischen Notunterkünften und die Gefährdetenhilfe. "Wir haben für 2020 zwei neue Hausmeisterstellen beantragt und schon jetzt ausgeschrieben", berichtete Düber.

    Anmieten neuer Wohnungen ist schwierig

    Hackels Wunsch wären mehr verfügbare Wohnungen: "Es würde uns schon weiterhelfen, wenn jeder seinen eigenen Bereich hätte." Das Anmieten sei aber ob der Nutzung schwierig. Düber stellte dazu fest: "An den finanziellen Mitteln scheitert es nicht, die sind im Haushalt vorhanden." Neue Zentralunterkünfte wie in der Sedanstraße seien dagegen nicht geplant.

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