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    EISENHEIM

    Obereisenheimerin schrieb über lebensgefährliche Flucht

    Lesestunde im Rathaus: Bürgermeister Andreas Hoßmann und Autorin Julia Riegler. Foto: Rainer Weis Foto: Rainer Weis

    Die 40-jährige, kaufmännische Angestellte Julia Riegler lebt seit 2001 in Obereisenheim. In ihrem Buch „Als die schwarzen Wolken kamen – mein langer Weg ins Niemandsland“ beschreibt sie auf 486 Seiten den Weg von drei Brüdern, die sich auf Wunsch ihres Vaters auf den Weg von Syrien nach Deutschland machten. Julia Riegler liest aus ihrem Roman „Als die schwarzen Wolken kamen – mein langer Weg ins Niemandsland“ beim Kulturherbst in Untereisenheim an diesem Samstag, 16. September, um 19 Uhr im Rathaus, der Eintritt ist frei. Wir sprachen mit Julia Riegler über das Buch und übers Schreiben.

    Frage: Können sie kurz beschreiben, worum es in Ihrem Buch geht?

    Julia Riegler: Mein Buch erzählt von der lebensgefährlichen Flucht dreier Brüder vor dem Krieg aus Syrien und dem Ankommen in Deutschland. Die Erzählungen meiner Geschichtenerzähler haben mich so berührt, dass ich dachte, es müssen noch viel mehr Menschen wissen, wie es ist zu flüchten und in ein fremdes Land zu kommen.

    Wie ist das Buch entstanden?

    Riegler: Ich lernte durch Zufall Flüchtlinge kennen, die mir irgendwann ihre Geschichte erzählten. Ich hatte zuvor schon Bücher geschrieben und mit dem Einverständnis der Flüchtlinge durfte ich ihre Geschichte als Vorlage für meinen Roman nutzen. Die Menschen, die ich traf, wollten ihre Geschichte erzählen. Ihnen war es wichtig, sich zum einen ihre Erlebnisse von der Seele zu reden, andererseits berichteten sie aber auch, dass es ihnen gut ging in ihrem Land, bevor der Krieg kam.

    Als Schriftstellerin aus einem anderen Kulturkreis ist es bestimmt oft schwer, richtige Worte zu finden, ohne religiöse oder sittliche Empfindungen zu verletzen. Wie haben sie sich dem Thema genähert?

    Riegler: So ein Buch kann nur entstehen, wenn beide Seiten offen für die andere Kultur sind. Letztlich war es die Neugier und Offenheit, anderes zu erfahren, über den Tellerrand hinaus zu schauen, was dieses Buch möglich gemacht hat. Und das von beiden Seiten. Integration ist keine Einbahnstraße. Wir haben in langen Gesprächen die kulturellen und religiösen Unterschiede verglichen und durchaus auch viele Gemeinsamkeiten gefunden. Ich als deutsche Frau wurde immer mit sehr viel Respekt behandelt.

    Wann sind die drei Männer losgegangen und wann kamen sie in Deutschland an?

    Riegler: Die Syrer sind Anfang Januar in Damaskus aufgebrochen und kamen Ende Februar in Deutschland an. Deutschland war nie ihr Wunschziel. Sie sind eher zufällig hierher gekommen und hier hängen geblieben.

    Hatten sie unterwegs Kontakt mit zuhause? Oder mit anderen?

    Riegler: Auf dem ganzen Weg konnte über Handy Kontakt mit der Familie gehalten werden. Das Smartphone war das einzige, was sie mitnehmen konnten. Umso unverständlicher für mich, wenn das den Flüchtenden so oft zum Vorwurf gemacht wird. Sie lebten in der Millionenstadt Damaskus und nicht in einer Höhle mit einem Esel vor der Tür! Natürlich hatten sie dort Handys und die hat man mitgenommen, um mit der Familie Kontakt halten zu können. Auf der Flucht trafen sie natürlich weitere Flüchtende.

    Wie kamen die drei Syrer sprachlich zurecht?

    Riegler: Die Menschen, die ich traf, sprachen fließend englisch. Nur so war dieses Projekt möglich. Bei anderen, die kein Englisch sprachen, übersetzte man für mich ins Arabische. Sonst wäre keine Kommunikation möglich gewesen.

    Wo waren auf der Flucht die schwierigsten Wegabschnitte?

    Riegler: Die gesamte fast 40-tägige Flucht war lebensgefährlich. An der Grenze zur Türkei standen sie unter Beschuss, die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland mit dem Schlauchboot fand bei starkem Seegang statt und verlief nur durch Glück nicht tödlich. Das Boot war für 30 Personen zugelassen. 56 Personen mussten letztlich darin Platz finden. Ein Zurück gab es nicht, wenn man nicht erschossen werden wollte. Die Wellen waren bis zu acht Meter hoch.

    Beschreiben Sie in ihrem Buch auch das Schlepperhandwerk?

    Riegler: Ich habe in meinem Buch versucht, möglichst wenig auf die politische Seite des Krieges einzugehen. Auch über die Schmuggler habe ich nur das Nötigste geschrieben. Es gab viele Geschichten, von denen man mich bat, sie nicht zu veröffentlichen. Zum Schutz der Flüchtenden und ihrer Familien, aber auch zu meinem eigenen. Letztlich hat mich die Frage, wer schuld an all dem trägt, nicht interessiert. Ich wollte aufzeigen, was es mit dem einzelnen Menschen macht. Welche Folgen es für ganz normale Leute hat. Ich wollte mit meinem Buch „dem Flüchtling“ ein Gesicht, einen Namen geben. Außerdem befasst sich mein Buch auch damit, was denn passiert, wenn man hier ankommt als Flüchtling. Ein Paradies ist Deutschland wahrlich nicht. Auch wenn wir unser Bestmögliches tun. Auch das ist ein Teil meines Buches.

    Werden bei der Lesung im Untereisenheimer Kulturherbst die drei Flüchtlinge auch dabei sein?

    Riegler: Ob meine Geschichtenerzähler da sein werden, kann ich noch nicht sagen. Aus verständlichen Gründen, ziehen sie es vor, sich im Hintergrund zu halten. Aber wer weiß, vielleicht traut sich der ein oder andere ja doch.

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