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    Würzburg

    Passt modernes Mobiliar in Würzburgs historischen Wappensaal?

    Neues Mobiliar in altem Ambiente: So sieht der historische Wappensaal im Rathaus mit seiner markanten Decke jetzt aus.  Foto: Johannes Kiefer

    Alles neu macht nicht nur der Mai, sondern bisweilen auch die Sommerpause der Stadträte. In dieser Zeit wurde ihnen eines ihrer Arbeitszimmer im Rathaus neu eingerichtet: Der Wappensaal. Dieser wird für Besprechungen, Workshops und Vorträge genutzt - und dort tagen auch die meisten Stadtrats-Gremien - wie Bau- und Ordnungs- oder Hauptausschuss. Jetzt wurde er technisch aufgerüstet und bekam neues Mobiliar: Die alten massiven Holztische und dick gepolsterten Stühle mussten grauen Tischen und Stühlen im nüchternen, funktionsgerechten Stil weichen. Passt das zum historischen Saal-Ambiente? Dazu befragte die Redaktion Stadträte - jeweils einen Vertreter der sieben Stadtratsfraktionen. 

    So sah der Wappensaal bislang aus: Die Räte tagten an schweren Holztischen und saßen auf Holzstühlen. Das Foto entstand bei der Sitzung des Kulturbeirats im Mai.  Foto: Daniel Peter

    "Damit kann ich leben", sagt SPD-Stadtrat Joachim "Jojo" Schulz zum neuen Mobiliar. Problematisch sei allerdings die Akustik. Man verstehe die Wortbeiträge viel schlechter als vorher. Dieses Manko beklagen nahezu alle Befragten. Auch Karin Miethaner-Vent von den Grünen stört sich an der "grauenhaften Akustik". Deren Ursache liegt möglicherweise darin begründet, dass die alten Möbel mehr Schall dämpften. Insgesamt findet Miethaner-Vent die Umgestaltung aber "schon gut".     

    "Die Möblierung passt, ist zurückhaltend"
    Christine Bötsch, CSU-Stadträtin

    CSU-Frau Christine Bötsch urteilt: "An sich in Ordnung. Die Möblierung passt, ist zurückhaltend". Ihr gefällt vor allem der pragmatische Aspekt: "Ich freue mich, dass städtische Mitarbeiter nicht mehr so schwer schleppen müssen." Da im Saal wegen der verschiedenen Veranstaltungen häufig umgebaut werden muss, war das für die Verwaltung ein wichtiger Grund, deutlich leichtere Möbel anzuschaffen: Die 18 neuen Klapptische sind zudem stapelbar und nur noch zwei Personen sind für einen Tisch beim Umbau nötig. Bislang mussten bis zu vier Leute anpacken, um einen der schweren Tische zu heben.   

    "Sicherlich zweckmäßig", kommentiert FWG-Fraktionschef Josef Hofmann denn auch die neuen Möbel, doch trauert er dem alten Flair hinterher. "Als ich das erste Mal den Wappensaal betrat, strömte der Respekt vor der Historie aus. Diese Ausstrahlung  ist durch die Reduzierung auf Funktionale verloren gegangen." Ähnlich fällt das Statement von ÖDP-Stadtrat Heinz Braun aus: "Zweckmäßig eingerichtet und eine Verbesserung, was Technik und Komfort auch für die Besucher anbelangt." Doch die neuen Möbel unterstrichen nicht mehr "die Würde des Raumes".    

    "Die Möblierung sieht aus wie in einer Kantine. Das passt nicht zum historischen Wappensaal."
    Karl Graf, FDP-Stadtrat

    Deutliche Kritik formuliert Willi Dürrnagel, neuerdings WL-Stadtrat: "Die Neumöblierung ging völlig daneben." Die frühere Bestuhlung habe im Stil gepasst. Man hätte sie aufarbeiten und dabei auch sicher viel Geld sparen können. "Nun stimmt nichts mehr, der Raum hat seinen jahrzehntelangen Charme verloren", beklagt Dürrnagel. Anders, aber eben so ablehnend, äußert sich FDP-Stadtrat Karl Graf: "Es gefällt mir nicht. Die Möblierung sieht aus wie in einer Kantine. Das passt nicht zum historischen Wappensaal."    

    Oberbürgermeister Schuchardt war an der Umgestaltung beteiligt

    Bei der Rathausverwaltung sieht man das anders. Mit den grauen Oberflächen des Mobiliars habe man bewusst eine ruhige Farbe als Ergänzung zu den Holztönen gewählt. "Im Vordergrund steht die Möblierung als ruhiger Besprechungs- und Arbeitsraum, der die historische Gestaltung des Raumes insbesondere mit Holzkassettendecke und Dekoration mit Fahnen in seiner Wirkung unterstreicht, ohne einen eigenen neuen Akzent setzen zu wollen", schreibt Sprecherin Claudia Lother. Die Umgestaltung sei in enger Abstimmung mit Oberbürgermeister Christian Schuchardt erfolgt. Zudem könnten nach veränderter Sitzanordnung die Bürger die Diskussionen bei den Ausschusssitzungen besser verfolgen. 

    Warum überhaupt eine Neugestaltung des Wappensaals? Die Möblierung und die Sitze waren Jahrzehnte alt, seit längerer Zeit verbraucht und nur durch laufende aufwändige Aufarbeitung  noch nutzbar gehalten, so das Rathaus. Die unpraktisch schweren Tische seien zudem stellenweise stark beschädigt gewesen, ihre Arbeitshöhe nicht ergonomisch. Ebenso sei die Stromversorgung für Tablets oder Laptops nicht bedienerfreundlich gewesen, die Konferenztechnik stark veraltet. Deren Betrieb habe man nur durch aufwändige Einsätze der eigenen IT-Leute aufrecht erhalten können. 

    Wie teuer ist die Neugestaltung? Die neue Konferenztechnik kostete laut Rathaus rund 43 000 Euro, die Möblierung rund 54 000 Euro, die Reinigung der Fahnen der Würzburger Partnerstädte im Saal etwa 9000 Euro. Rund 100 Sitzplätze hat der Wappensaal, der früher auch Sitzungssaal des gesamten Stadtrats war. In Zukunft wird er wohl noch häufiger besucht: Denn dort sollen künftig auch Empfänge und Trauungen stattfinden.      

    Der Wappensaal
    Der Wappensaal im Roten Bau des Rathauses verdankt seinen Namen der markanten Holzdecke. Diese weist in ihren Kassetten die Namen, Amtszeiten und Wappen der Ersten Bürgermeister zwischen 1660 bis 1933 und nach 1945 auf, wie Stadtheimatpfleger und Historiker Hans Steidle in seinem Buch "Am Anfang war ein Mord. Das Würzburger Rathaus als Brennpunkt von Politik und Geschichte" schreibt.
    Vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hatte der Saal eine ornamentenreiche Stuckdecke. Ende 1949 tagte der Stadtrat erstmals nach dem Krieg wieder im Sitzungssaal - bis zur Fertigstellung des neuen großen Ratssaals in den Achtziger Jahren. Im Wappensaal hängen auch die Fahnen der Würzburger Partnerstädte.
    "Wie wenige Räume vergegenwärtigt dieser Raum das halbe Jahrhundert nach dem zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau Würzburgs mit der Bewahrung der historischen Fassaden und der Neugestaltung in konservativer, einfacher Form die selektive Erinnerungskultur", schreibt Steidle.                     
    Der Wappensaal wird für Ausschusssitzungen der Stadträte, Dienstbesprechungen sowie Vorträge und künftig auch für Empfänge und Trauungen genutzt.   
    Vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg: So sah der Wappensaal, der damals noch nicht so hieß, im Jahr 1930 aus. Foto: Sammlung Dürrnagel

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