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    Würzburg

    Patrick Friedl: Eine tiefe Genugtuung und Bestärkung

    Vertritt künftig als direkt gewählter Abgeordneter den Stimmkreis Würzburg-Stadt: Patrick Friedl (Bündnis 90/Die Grünen). Foto: Thomas Obermeier

    Es hatte sich schon den gesamten Wahlabend über abgezeichnet, gegen 23.30 stand am Sonntag fest: Der Grüne Patrick Friedl vertritt künftig als direkt gewählter Abgeordneter den Stimmkreis Würzburg-Stadt im Bayerischen Landtag. Am Vormittag danach ist Friedl (48) zu Gast in der Lokalredaktion Würzburg. Im Gespräch geht es unter anderem um die Gefühle am Wahlabend, die Bedeutung des Direktmandats und Friedls kommunalpolitische Perspektive in Würzburg. 

    Frage: Wie haben Sie die Nacht von Sonntag auf Montag erlebt?

    Patrick Friedl: Es war eine besondere Nacht für uns Grüne in Würzburg. Wir haben als Team eine besondere Leistung vollbracht. Ich kann mich an keinen vergleichbaren Wahlkampf erinnern - von der Intensität und der Begeisterung her, aber auch, was den Zuspruch von außen betrifft. 

    Und wie war ihr persönlicher Eindruck?

    Friedl: Nach 22 Jahren in der Politik, in denen ich sehr intensiv auf verschiedenen Feldern tätig war, ist es natürlich etwas Besonderes, wenn man dann erleben darf, dass plötzlich mehr als doppelt so viele Menschen die Grünen wählen. Es ist eine tiefe Genugtuung und auch eine Bestärkung in dem, was wir bisher gemacht haben.

    Und rein emotional: Ist Ihnen irgendwann die Befürchtung gekommen, das Ergebnis könnte noch kippen?

    Friedl: Überhaupt nicht. Ich bin in den Wahlabend in dem Bewusstsein gegangen, dass mich die Grünen in Unterfranken auf Listenplatz zwei gestellt haben und ich mit großer Wahrscheinlichkeit dem nächsten Landtag angehören werde. Außerdem habe ich ja auch im Wahlkampf einen sehr starken Zuspruch gespürt. Insofern war das Direktmandat nichts, auf das ich hingefiebert habe.  Und es hätte mich auch nicht umgeworfen, wenn Oliver Jörg am Ende knapp das Rennen gemacht hätte

    Hat Ihnen Oliver Jörg schon gratuliert?

    Friedl: Wir haben uns am Wahlabend getroffen, da ging er bereits davon aus, dass es für ihn nicht mehr reichen wird. Er ist sehr fair auf mich zugegangen, wir haben uns gut unterhalten. Ich habe ihm auch für den sehr fairen Wahlkampf gedankt.

    Ein Direktmandat hat ja schon einen hohen Symbolcharakter, oder? 

    Friedl: Das stimmt schon, aber innerlich war ich sehr gelassen. Dass es so gekommen ist, das tut mir, das tut uns natürlich sehr gut. Ich bin aber ein Mensch, der schon im Vorhinein merkt, welcher Auftrag und welche Verantwortung damit verbunden sind. Die Menschen in Würzburg, Rottendorf und Gerbrunn können jetzt schon erwarten, dass ich in einer anderen Form für sie und ihre Anliegen da bin. Das ist schon noch einmal eine andere Verantwortung als direkt gewählter Abgeordneter.

    Sie waren am Sonntagabend der erste Grüne, der in Bayern der CSU ein Landtags-Direktmandat abgenommen hat. Ist Ihnen schon bewusst, dass Sie da ein Stück bayerische Geschichte geschrieben haben?

    Friedl: Ja, das ist mir bewusst, da ich ja auch in Franken - in Rothenburg ob der Tauber - groß geworden bin. Ich kenne Bayern sehr gut, meine gesamte Verwandtschaft kommt aus Oberbayern. Für uns war es immer ein Thema, dass Bayern nicht in die Hand einer einzigen politischen Kraft gehört. Auch wenn man es mir vielleicht nicht so anmerkt: Für mich ist das schon bewegend, dass ich persönlich dazu beitragen konnte. 

    Hätten Sie den Gewinn des Direktmandats überhaupt für möglich gehalten?

    Friedl: Bis zum Frühsommer habe ich das für ausgeschlossen gehalten. Als ich gemerkt habe, dass die Aktionsweise von Horst Seehofer und Markus Söder auf ganz tiefen, emotionalen Widerstand eines Teils ihrer bisherigen Anhängerschaft gestoßen ist, hat sich das geändert. Denn diese ehemaligen CSU-Anhänger sind dann ja zu uns gekommen und haben gesagt: 'Wir haben bisher immer CSU gewählt, das kommt für uns nicht mehr in Frage.'

    Eine Art Wechselstimmung?

    Friedl: Mehr als das. Die Leute haben ihre Parteibücher zurück gegeben, das war ein richtiger Kulturbruch. Menschen, die ihr bisheriges Leben lang Christlich-Soziale Union gewählt haben, die wechseln ja nicht ihre Wahlentscheidung wie die Schuhe. 

    Besuch in der Lokalredaktion: Patrick Friedl im Gespräch mit den Redakteuren Thomas Fritz (rechts) und Torsten Schleicher. Foto: Thomas Obermeier

    Ist es ein spezielles Würzburger Phänomen, dass die Grünen hier so stark abschneiden?

    Friedl: Dass unsere Arbeit einen Widerhall findet, das sehen wir in ganz Unterfranken. Das Erstaunliche ist, dass ebenso viele CSU-Wähler wie SPD-Wähler zu uns abgewandert sind.  

    Vielleicht auch, weil die Grünen mit ihren Themen genau genommen ja sogar konservative Werte vertreten? 

    Friedl: Viele Wähler haben verstanden, wir müssen ganz viel ändern, damit etwas bleiben kann. In diesem Sinne sind wir natürlich auch bewahrend und meinetwegen auch konservativ - weil wir ganz viel beschützen wollen, was uns sonst unwiederbringlich verloren geht: Artenvielfalt, Biodiversität, unsere Natur, dass ein ökologischer Umbau noch möglich ist, dass wir unsere Flüsse wiedergewinnen, die wir in vielen Städten verrohrt haben. In diesem Sinne sind viele Menschen mit konservativem Verständnis zu uns gewandert - als denjenigen, die ihre Interessen viel besser abdecken. 

    Auf Sie kommt jetzt aber auch eine überparteiliche Rolle zu als einziger Abgeordneter der Stadt im Landtag. Die Stadt hat einen Green City Plan - wie sieht denn der Friedl-Plan aus?

    Friedl: Bildungspolitik und Sozialpolitik sind genauso grüne Themen und auch die Frage, dass Arm und Reich in unserer Gesellschaft nicht weiter auseinander driftet.

    Würden Sie sich eine grüne Regierungsbeteiligung wünschen?

    Friedl: Ja, das würde ich, auch wenn ich mir das mit den jetzt Regierenden schwer vorstellen kann. Aber der jetzige Ministerpräsident will lieber mit den Freien Wählern koalieren. Aus Gründen der demokratischen Kultur fände ich es angemessen, dass die zwei größten Fraktionen - CSU und Grüne - vorab ins Gespräch gehen und ernsthaft darüber sprechen, ob eine Zusammenarbeit in Frage kommt.  Mit Blick auf den Klimaschutz halte ich eine grüne Regierungsbeteiligung für wichtig, denn die Zeit rennt uns hier schlicht davon.

    Wo sehen Sie die Schwerpunkte der Grünen als stärkste Oppositionspartei?  

    Friedl: Klima- und Umweltschutzpolitik muss ganz vorn dran stehen. In der Bildungspolitik wünsche ich mir einen ernst gemeinten Einstieg in eine deutliche Verbesserung der Arbeit mit Kindern, besonders was den Entwicklungs- und Förderbedarf betrifft. Der muss anders durch Personal abgedeckt werden. Verkehrspolitik gehört auch dazu: Wir brauchen eine Umkehr der Infrastruktur-Investitionen in die Schiene. Sie muss das Rückgrat unseres Transports sein. Was Würzburg betrifft: Der Ausbau der Straßenbahnlinien 1 und 5 muss in den nächsten fünf Jahren geschafft werden, und die Linie 6 muss in die Baureife kommen. Das ist eine Aufgabe, die ich mit Druck nach München tragen will.

    Wollen Sie trotz Ihres Direktmandats weiter als Stadtratsmitglied arbeiten?

    Friedl: Als direkt gewählter Abgeordneter bin ich da sogar noch entschlossener, weil ich die Verbindung von Kommunal- und Landespolitik für enorm wichtig halte. Bis 2020 will ich das Mandat im Stadtrat auf jeden Fall erfüllen.

    Bei dem Wahlergebnis ist doch ein grüner OB für Würzburg auch kein Traum mehr, oder? 

    Friedl: Jede Wahl steht unter ihrem eigenen Vorzeichen. Aber ganz klar: Menschen, die jetzt grün gewählt haben, die haben das mit Bewusstheit getan und können das auch wiederholen. Wir haben in der Stadt bisher nie mehr als 11.000 Wähler gehabt. Jetzt sind es über 20.000, alles Menschen, die uns jetzt genau beobachten werden. Die wollen wir natürlich auch künftig ansprechen. 

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