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    WÜRZBURG

    Paulas geheimnisvolles Porträt für den kleinen Bruder

    Die 16jährige Paula Völker aus Schweinfurt liebt es, Geschichten zu schreiben.
    Die 16jährige Paula Völker aus Schweinfurt liebt es, Geschichten zu schreiben. Foto: Ute Völker

    So eine große Schwester wünscht sich jeder. Weil ihrem kleinen Bruder wegen der Ausgangsbeschränkungen gerade sehr langweilig ist, hat Paula Völker ihm halt eine geheimnisvolle Geschichte zum Vorlesen geschrieben. Und dabei auch noch gleich an die vielen anderen Jungen und Mädchen gedacht, die viel Zeit daheim verbringen müssen.

    Ich heiße Paula Völker, bin 16 Jahre alt und wohne in Schweinfurt. Da ich selbst gerne lese, habe ich mir gedacht, dass es gerade für Kinder eine schöne Abwechslung wäre, neben den Büchern und Geschichten, die sie eh schon kennen, neues Lesematerial zu haben.

    Durch die derzeitige Situation haben jedoch alle Büchergeschäfte und Bibliotheken zu, weswegen sich einige Kinder bestimmt sehr über ein paar Zeilen in der Zeitung ihrer Eltern freuen würden, die auch sie selbst lesen können. Ich schreibe in meiner Freizeit sehr gerne Geschichten.

    Das Portrait

    Kira schüttelte sich, bevor sie ihre Jacke auszog und zu den anderen hängte. Kalt war es draußen, kälter als noch vor ein paar Tagen. Nase und Ohren waren rot, so rot wie die Haare ihrer neuen Lehrerin Frau Rubin. „So, alle mal aufstellen! In Zweierreihen, Mensch, kommt schon Leute, das kann doch nicht so schwer sein.“ Frau Rubin wuselte durch das Museumsfoyer und Kira musste ein wenig schmunzeln, als sie an Greta, das Huhn ihrer Großmutter dachte. Greta war letzten Sommer ausgebrochen und Oma und Kira hatten sie in einer mehrstündigen Aktion wieder einfangen müssen.

    Als dann irgendwann Ruhe eintrat, meldete sich auch die Museumsführerin zu Wort, eine kleine dickliche Frau mit lustigen Augen und Lachfalten um beide Mundwickel. „Herzlich Willkommen. Mein Name ist Beate und ich hoffe wir werden gut miteinander auskommen.“ Sie räusperte sich. „Wir werden sehen müssen, wie es die Zeit zulässt, aber voraussichtlich verbringen wir heute die meiste Zeit in der Gemäldegalerie.“ Ein Augenrollen ging durch die Reihen.

    „Aber denkt nicht, es würde langweilig werden“, fügte Frau Rubin schnell hinzu, um eine gewisse Bocklosigkeit zu vermeiden, „denn es handelt sich immerhin nicht um irgendwelche Gemälde. Die Ausstellung, die ihr gleich sehen werdet, wird euch noch eine Zeit lang im Gedächtnis bleiben. Warum? Lasst euch überraschen und bleibt zusammen.“ Frau Rubin lächelte verschmitzt, bevor sie sich umdrehte. Dann gab sie der Klasse ein Zeichen, ihr zu folgen.

    Ein langer Gang führte vorbei an Figuren und Skulpturen aller Art. Manche stellten Tiere und Fabelwesen dar, andere einzelne Menschen oder sogar ganze Familien. Unruhig ließ Kira ihren Blick von der einen auf die andere Seite wandern. Irgendetwas bedrückte sie und so war sie heilfroh, als die Gruppe die Gemäldegalerie erreicht hatte.

    Angeregt fing die Museumsführerin an zu erzählen. Anfangs bekam Kira noch eine ganze Menge mit, aber irgendwann verließ sie die Konzentration. Sie wollte lieber selbst auf Entdeckungstour gehen. Die anderen waren bereits in den nächsten Raum übergegangen, als Kira ein Gedanke kam. Was wäre, wenn sie jetzt verschwinden würde? Würde es jemand merken? Es wäre ja nur für ein paar Minuten, in denen sie sich auf eigene Faust umschauen könnte.

    Ohne genauer über ihren Plan nachzudenken, drehte sie sich um und schlüpfte aus der Tür hinaus auf den Gang. Auf einmal spürte sie die Blicke der Figuren noch viel deutlicher. Das komische Gefühl hatte sie wieder eingeholt, diesmal noch heftiger und stärker als zuvor. Schnell huschte sie zur nächsten Tür, aber das Unwohlsein ließ sie nicht los. Langsam fing Kira an, ihre Entscheidung zu bereuen. Aber nein, jetzt würde sie nicht wieder zu den anderen zurückkehren. Das hier war ein Museum, hier konnte ihr nichts passieren. Sie schluckte.

    Vorsichtig sah sie sich um. An den Wänden hingen Bilder, die Gesichter zeigten: Portraits. Alle schauten ziemlich ernst, wenn nicht sogar traurig, was Kira wunderte. Wenn Mama ein Foto von ihr machte, sollte sie immer lächeln. Sie wollte gerade weitergehen, als sie etwas erblickte. Erschrocken vergaß Kira einen Moment lang zu atmen. War das möglich? Nein, das war ganz ausgeschlossen. So etwas gab es nicht. Oder?

    Kreidebleich machte Kira ein paar Schritte nach vorne, um sich das Bild genauer anzusehen. Vielleicht hatte sie sich ja getäuscht. Die Frau auf dem Gemälde vor ihr, diese Frau sah haargenau so aus wie Frau Rubin. Die roten Haare, die feinen Gesichtszüge, diese unverwechselbar blasse, fast transparente Haut; alles stimmte. Kira hatte einmal eine Dokumentation über Doppelgänger gesehen, aber solche Doppelgänger gab es nicht, konnte es nicht geben. Das musste Frau Rubin sein.

    Plötzlich spürte Kira, wie sie am ganzen Körper anfing zu zittern. Irgendetwas war hier gehörig faul, das war klar. Die eiskalten, blauen Augen der Frau durchbohrten sie förmlich. Sie wollte weg, weg von hier. Ruckartig drehte sich Kira um. „Aua!“ Schmerzverzerrt schrie sie auf, wenn auch nur sehr leise. Ohne zu wissen wie, war sie hingefallen.

    Für einen kurzen Moment lag sie einfach nur auf dem harten Museumsboden. Dann rappelte sie sich auf und rannte. Sie rannte, wohin sie ihre Beine trugen. Weg! Vorbei an den Gemälden, vorbei an den Skulpturen und Figuren. Völlig außer Atem gelangte Kira ins Museumsfoyer. Die Museumsführerin war gerade dabei, ein paar abschließende Worte an die Klasse zu richten. „Vielen Dank für euer Kommen. Es hat mir sehr gefallen und ich hoffe natürlich, dass das gleiche für euch gilt.“ Kira war schwindelig. Sie wollte sich hinlegen und ausruhen, aber sie ließ sich nichts anmerken. Keiner hatte ihr Fehlen bemerkt.

    Gerade als sie sich ihre Jacke überziehen wollte, hörte sie eine sanfte Stimme neben sich. „Hat der Sturz sehr wehgetan?“ Frau Rubin hatte ihr eine Hand auf die Schulter gelegt. „Nei-nein“, stotterte Kira verwirrt. Die Lehrerin nickte zufrieden und ging. Einen Augenblick noch stand Kira alleine in der Garderobe. Zum ersten Mal dachte sie über alles nach. Das Gemälde, die Blicke, ihr komischen Bauchgefühl. Woher konnte Frau Rubin gewusst haben, dass Kira hingefallen war?

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    Von unserer Leserin Paula Völker

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