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    Würzburg

    Pfarrer Hose: Das stark machen, woran wir uns nach Corona gerne erinnern wollen

    Der Katholische Hochschulpfarrer Burkhard Hose trauert seinem Alltag vor Corona nach. Und er hofft, dass nach diesem Ausnahmezustand, Pflegekräfte angemessen bezahlt werden.
    Der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose hofft, dass wir uns nach der Corona-Krise eher an die Geschichten, die von Mitmenschlichkeit und Solidarität erzählen, erinnern werden, als an die Stories über das Horten von Toilettenpapier.
    Der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose hofft, dass wir uns nach der Corona-Krise eher an die Geschichten, die von Mitmenschlichkeit und Solidarität erzählen, erinnern werden, als an die Stories über das Horten von Toilettenpapier. Foto: Diana Fuchs

    Ich wache früh auf und denke für einen Moment: Es könnte auch alles nur ein schlechter Traum gewesen sein. Aber dann meldet sich die dumpfe Gewissheit zurück: Corona ist real. Das Virus hält nicht nur mich und mein Leben im Griff, es hat die ganze Welt erfasst. Es kommt mir so vor, als sei die Welt angehalten worden und sämtliche Alltage auf diesem Globus stünden auf unbestimmte Zeit still.

    Ich wünsche mir mein altes Leben zurück, meinen Tagesablauf. Meinen Blick früh in die Zeitung, die von Ereignissen aus der Politik, aus Kultur und Sport berichtet. Meinen Gang durch die belebte Stadt ins Büro. Ich wünsche mir die vielen Begegnungen mit Menschen zurück, die meinen Alltag ausmachen.

    Das Virus hat die Kontrolle über unseren Alltag übernommen

    Schaue ich jetzt in die immer dünner werdende Zeitung, gibt es - abgesehen von Meldungen über Corona und seine Folgen - kaum Alltägliches mehr zu berichten. Die Menschen, mit denen ich arbeite und lebe, sind wie aus meinem Alltag verbannt. Begegnungen gibt es fast nur noch am Telefon, per Mail oder Videokonferenzen. Zum ersten Mal in meinem Leben schaue ich mir abends im Fernsehen keine Nachrichten mehr an. Mir tut es nicht gut, kurz vor dem Schlafengehen zu erfahren, dass sich die Welt nur noch um eins zu drehen scheint: um ein Virus, das die Kontrolle über unsere Alltage übernommen hat.

    Und während ich noch an meinen alten Gewohnheiten klammere, merke ich, wie schnell ich mich an den Ausnahmezustand gewöhnt habe. Sich nicht mehr die Hand zu geben oder zu umarmen, Menschen auf der Straße aus dem Weg zu gehen und sich unzählige Male am Tag die Hände zu waschen, meine Arbeit so zu organisieren, dass man sich möglichst nicht treffen muss. All das hat schnell mein Denken und Verhalten umgeprägt.

    Es wird eine Zeitrechnung vor uns nach Corona geben

    Manchmal spreche ich mit Freundinnen und Freunden darüber, wie es wohl sein wird, wenn Corona vorbeigezogen ist. Natürlich wird es wieder einen Alltag geben. Aber wird es einfach wieder so sein wie vorher? Wird es eine Rückkehr ins alte Leben sein? Ich glaube nicht. In meinem Leben wird es eine Zeitrechnung vor und nach Corona geben. Und die Zeit dazwischen, in der wir gerade verharren, wird eine besondere bleiben.

    Wie werden wir einmal von dieser Zeit erzählen? So wie von dem Tag im Jahr 2001, an dem die Flugzeuge in das World Trade Center in New York rasten? Viele Menschen wissen noch, was sie an diesem Tag getan haben. Und die Welt drehte sich nach dem 11. September anders weiter als zuvor.

    Welche Geschichten, Bilder und Gefühle werden nach Corona bleiben? Ich weiß, die Frage ist viel zu früh gestellt. Denn wir wissen ja gar nicht, was noch auf uns zukommt. Ich weiß nicht, wie nah mir das Virus noch kommt und welche Geschichten es mir und anderen Menschen aufzwingt.

    Viele Menschen habe die Rückfahrkarte ins alte Leben verloren

    Ich bin mir bewusst: Ich stelle diese Fragen aus einer privilegierten Position heraus. Für andere Menschen ist längst entschieden, dass ihr Leben nach Corona ein anderes sein wird. Sie haben mit dem Einzug des Virus in ihren Alltag längst die Rückfahrkarte ins alte Leben verloren.

    Aus meiner Umgebung ist noch niemand ernsthaft am Virus erkrankt oder gar gestorben. Meine berufliche Existenz ist nicht in Gefahr. Mein Gehalt fließt weiter auf mein Konto. Für viele andere Menschen, deren Einkünfte wegbrechen, die mit Corona ihre Arbeitsplatz oder ihre Selbstständigkeit verlieren, ist schon jetzt klar, dass nach Corona nicht einfach alles so weitergehen wird wie vorher. Für zahllose Menschen in benachteiligten Ländern oder in Flüchtlingslagern an den EU-Außengrenzen steht schon jetzt fest: Es wird kein Danach geben. Sie werden sterben, weil sie keine Chance auf eine angemessene medizinische Versorgung haben.

    Wir stehen immer noch am Anfang einer Phase, von der wir nicht genau wissen, wie sie unsere Welt verändern wird. Aber schon jetzt beginnen wir täglich damit, Geschichten zu leben, die wir später weitererzählen werden. Es sind Geschichten von Menschen, die abends auf ihren Balkonen stehen und zusammen mit ihren Nachbarn Lieder singen oder zu einer bestimmten Uhrzeit gemeinsam klatschen, um den vielen, die augenblicklich in medizinischen Berufen für uns da sind, zu danken. Es sind diese Geschichten, die es einmal zu erinnern gilt. Das ahne ich jetzt schon.

    Wir alle erfahren, wie brüchig und gefährdet unsere Gesundheit ist

    Neben all den Zahlen und erschütternden Bildern, die uns jeden Tag über die Nachrichten erreichen, geschehen längst Dinge, die Bedeutung gewinnen für das Leben, das uns nach Corona erwartet. Vielleicht werden wir später einmal davon erzählen, dass sich in dieser Zeit Maßstäbe verschoben haben. So erleben wir schon jetzt eine besondere Gemeinsamkeit: Es ist die Erfahrung, wie brüchig und gefährdet unsere Gesundheit ist. Diese Erfahrung bewegt sich jenseits von Meinungen oder gar politischen Konflikten.

    Populisten und selbstverliebte Staatsführer, die mit Lügen oder mit der Leugnung von Fakten Politik machen, werden durch das Virus bloßgestellt. Es zwingt zu einer neuen Ehrlichkeit. Und noch etwas wird jetzt schon sichtbar: Menschen in pflegenden Berufen, die für zu wenig Geld hart arbeiten, werden in ihrer Bedeutung für das Gemeinwesen neu entdeckt und ernten viel Lob und Applaus. Sie sind systemrelevant, wie es in diesen Tagen immer wieder heißt.

    Geschichten von Mitmenschlichkeit und Solidarität prägen unser Verhalten

    Meine Hoffnung ist, dass von diesen Erfahrungen etwas bleibt, wenn wir auf die Corona-Zeit zurückblicken. Meine Hoffnung ist, dass sich nach diesem Ausnahmezustand etwas ändert. Und zwar ganz konkret, zum Beispiel in der Frage einer besseren und damit angemessenen Entlohnung der systemrelevanten Arbeit in der Kranken- und Altenpflege.

    Meine Hoffnung ist aber auch, dass die Geschichten, die von Mitmenschlichkeit und Solidarität erzählen, nachhaltiger sind als Stories über das Horten von Toilettenpapier. Deshalb ist es gut, wenn sie schon jetzt mehr Raum einnehmen in unseren Nachrichtensendungen und Zeitungsmeldungen. Denn diese Erzählungen prägen unser Denken und Verhalten jetzt und sie behalten Bedeutung für die Zeit nach der Krise.

    Machen wir jetzt all das stark, woran wir uns später einmal gerne erinnern wollen. Leben und erzählen wir jetzt die Geschichten, die unser Leben nach Corona besser machen können.

    Burkard Hose
     Der 52-jährige Pfarrer leitet seit 2008 die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) in Würzburg. Bekannt wurde der Priester durch seinen Einsatz für Geflüchtete und gegen Rechts. Er ist unter anderem Mitglied im Würzburger Flüchtlingsrat, im Bündnis für Zivilcourage und im Ombudsrat der Stadt Würzburg gegen Diskriminierung. Für sein Engagement wurde der Autor mehrerer Bücher 2014 mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet.
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    Burkhard Hose

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