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    Würzburg

    Plastikverbot: Das Märchen vom kompostierbaren Müllbeutel

    Ein Riesenproblem für das Würzburger Kompostwerk sind vermeintlich kompostierbare Plastikfolien. Im Bild Betriebsleiter Karl Dormann (Mitte) mit Alexander Schraml vom Kommunalunternehmen des Landkreises und Biologin Monika Stöber. Foto: Gerhard Meißner

    Gut gemeint ist nicht automatisch gut gemacht: Wenn Karl Dormann, Betriebsleiter im Würzburger Kompostwerk, die zunehmende Menge angeblich kompostierbaren Plastiks im Biomüll betrachtet, kommen ihm Sorgen, ob der ökologisch sinnvolle Entsorgungskreislauf auch künftig noch funktioniert. "Man setzt das System aufs Spiel", sagt er. Und das nicht einmal mit böser Absicht, sondern aus Bequemlichkeit, Unwissen oder falsch verstandenem Umweltbewusstsein.

    Kompost mit Gütesiegel

    40 000 Tonnen Biomüll aus Stadt und Landkreis Würzburg und dem Main-Tauber-Kreis landen pro Jahr im Kompostwerk an der Kitzinger Straße. Hinzu kommen 16 000 Tonnen Gartenabfälle. In geschlossenen Tunnels wird daraus binnen einer Woche Rohkompost, der von Landwirten als Dünger und Bodenverbesserer begehrt ist, oder zu Blumenerde weiterverarbeitet wird. Der Kompost genügt nicht nur den Vorgaben der Bioabfall- und Düngeverordnung, sondern erfüllt auch die noch strengeren Auflagen der Bundesgütergemeinschaft und darf deshalb das offizielle "Gütesiegel Kompost" tragen.

    Die Fremdstoffe, die regelmäßig aus dem Bioabfall gesiebt werden. Darin sind noch viele organischen Stoffe enthalten, die so einer ökologisch sinnvollen Verwertung entzogen werden.  Foto: Gerhard Meißner

    Problem dabei sind die Fremdstoffe, die mit dem Biomüll ins Kompostwerk gelangen. Glasscherben, Küchenmesser, Konservendosen, Verbundverpackungen - "Alles was die Tonne passt, landet auch bei uns", sagt Karl Dormann. Natürlich nicht in großen Mengen, aber selbst geringe Anteile können einen Verlust des Gütesiegels zur Folge haben. Die Vermarktung des Endprodukts würde dadurch ungleich schwerer. Und: "Wenn das Produkt keinen Markt mehr findet, ist das System tot."

    Vom Müllauto wird der Biomüll direkt in die Rottetunnel gekippt. Durch die gezielte Zufuhr von Luft und Wasser kann der Kompostiervorgang optimal gesteuert werden. Die Temperatur steigt dabei auf über 60 Grad. Dadurch werden Keime unschädlich gemacht und Unkrautsamen abgetötet. Die Abluft wird über einen Biofilter gereinigt, um üble Gerüche zu beseitigen.

    Nach einer Woche wandert das Material erst in einem Metallabscheider und dann in eine Siebtrommel. Alles was größer ist als acht Zentimeter wird ausgesiebt. Der Rückstand enthält die allermeisten Fremdstoffe, besteht aber immer noch überwiegend aus kompostierfähigem Material. Trotzdem muss er verbrannt werden, weil eine weitere Sortierung von Hand wirtschaftlich unmöglich wäre. 

    Den hohen Ansprüchen des Kompost-Gütesiegels kann das Würzburger Kompostwerk nur entsprechen, wenn kaum Fremdstoffe in den Bioabfall kommen.  Foto: Gerhard Meißner

    Je nach Jahreszeit und Herkunft können es bis zu 30 Prozent des Biomülls sein, die so einer ökologisch sinnvollen Aufbereitung entzogen werden, sagt Monika Stöber, Biologin im Kompostwerk. Besonders die als kompostierbar deklarierten Kunststofftüten und Verpackungen sind ihr dabei ein Dorn im Auge. "Viele Bürger kaufen sich im guten Glauben für teures Geld solche Tüten, und wissen schlichtweg nicht, dass gerade diese Tüten ein riesiges Problem darstellen", sagt auch Alexander Schraml, Chef des Kommunalunternehmens im Landkreis Würzburg, dem der Müllabfuhrbetrieb Team Orange angehört.

    "Viele Bürger kaufen sich im guten Glauben für teures Geld solche Tüten, und wissen schlichtweg nicht, dass gerade diese Tüten ein riesiges Problem darstellen"
    Alexander Schraml, Kommunalunternehmen des Landkreises

    "Die Euro-Norm, auf die sich die Hersteller der biologisch abbaubaren Tüten berufen, legt fest, dass nach zwölf Wochen 90 Prozent der Tüte in Teile zersetzt sein müssen, die kleiner als zwei Millimeter sind", sagt Betriebsleiter Dormann. Für die gängigen Kompostierverfahren dauere das viel zu lange. Außerdem würden auch diese kleinen Folienteile im Kompost oder der Blumenerde  von den Verbrauchern optisch noch als Qualitätsmangel wahrgenommen.

    Zeitungspapier ist ideal

    "Finger weg von sogenannten kompostierbaren Müllbeuteln für den Biomüll", warnt deshalb Biologin Monika Stöber. Stattdessen rät sie zu Biomüll-Tüten aus Recyclingpapier, die dank einer Wachsbeschichtung nicht durchweichen und zu 100 Prozent verrotten. Noch besser und billiger ist es, einen Kunststoffeimer mit normalem Zeitungspapier auszulegen oder Gemüseabfälle gleich in eine alte Zeitung einzuwickeln. Das Papier saugt zudem die Feuchtigkeit auf und unterdrückt so auch Geruchsbildung und Fäulnisprozesse.

    Nach einer Woche in den Rottetunneln ist aus dem Biomüll Rohkompost geworden, der direkt in der Landwirtschaft ausgebracht oder zu Blumenerde weiterverarbeitet wird.  Foto: Gerhard Meißner

    Um die Bürger zu informieren, hat sich Team Orange an der bundesweiten "Aktion Biotonne" beteiligt und informiert auf seiner Internetseite und auf den Wertstoffhöfen über den richtigen Umgang mit Bioabfällen. Wo Aufklärung versagt, sind Sanktionen das letzte Mittel. Ab Herbst dürfen Mülllader die Biotonne stehenlassen, wenn sie falsch befüllt ist. Mit entsprechenden Hinweiskarten werden die Eigentümer auf ihren Fehler aufmerksam gemacht. Zu solchen Sanktionen will es Regina Sämann von Team Orange eigentlich nicht kommen lassen. "Wir glauben, dass keine Böswilligkeit dahintersteckt, sondern Nachlässigkeit und fehlendes Wissen", sagt sie.

    "Wir glauben, dass keine Böswilligkeit dahintersteckt, sondern Nachlässigkeit und fehlendes Wissen."
    Regina Sämann, Team Orange

    Bei der Aufklärungsarbeit setzt das Würzburger Kompostwerk deshalb schon im Kindesalter an und  hat regelmäßig Grundschulklassen zu Gast, um über den Biomüll und seine Verwertung zu informieren und das Wissen so in die Elternhäuser zu transportieren. "Das hilft besser als die Abfallberatung, die wir machen", sagt Alexander Schraml. 

    Kleingärtner wissen hochwertigen Kompost und die Blumenerde des Würzburger  Kompostwerks zu schätzen, sagt Betriebsleiter Dormann. "Letztlich haben diese Bürger den Schaden, wenn der Verwertungskreislauf nicht mehr funktioniert, weil zu viele Fremdstoff im Biomüll landen."

    Was darf in die Biotonne?
    Karl Dormann, Betriebsleiter des Würzburger Kompostwerks, würde die Biotonne am liebsten Pflanzenabfalltonne nennen, um klar zu machen, was rein darf und was nicht.
    Grundsätzlich alle tierischen Produkte sollten draußen bleiben, also Fleischabfälle und Knochen, egal ob roh oder gekocht, aber auch Eierschalen oder Tierkot samt Kleintierstreu. Auch gekochte Essensreste und Salate mit Dressing haben in er Biotonne nicht verloren. Ebenso wenig wie jede Art von Verpackungen, seien es Eierkartons und Packschalen aus Pappe oder die als biologisch abbaubar angebotenen Kaffee-Kapseln.
    Nicht in die Biotonne gehören außerdem Kehricht, Fette und Öle, Zigarettenkippen, Haare oder Staubsaugerbeutel sowie alle übrigen nicht organischen Teile wie Draht, Styropor oder Kunststoff, auch keine "biologisch abbaubaren".
    Willkommen sind hingegen alle rohen pflanzliche Küchenabfälle wie die Reste vom Gemüseputzen, Obstschalen (auf Südfrüchte), Fallobst, Nußschalen, aber auch Tee- und Kaffeefilter sowie Brot und Gebäckreste. Hinzu kommen natürlich alle möglichen Gartenabfälle wie Unkraut und alte Pflanzen (ohne Erde), Laub, Rasenschnitt oder Gehölzschnitt.
    Vor allem im Sommer empfiehlt Dormann, die Biotonne neben einer regelmäßigen Reinigung möglichst trocken zu halten und Küchenabfälle in Zeitungspapier einzuschlagen (keine Zeitschriften). Das Papier saugt die Feuchtigkeit auf und verhindert so nicht nur schlechte Gerüche, sondern auch die Ansiedlung von Fliegenmaden, die sich nur im feuchten Milieu entwickeln können.

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