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    Röttingen

    Plötzliche Wende: Der "Fränkische Hof" in Röttingen hat Zukunft

    Jahrelang drohte der "Fränkische Hof" zu verfallen. Jetzt hat Unternehmer Manfred Wittenstein das prägende Baudenkmal gekauft und plant eine behutsame Restaurierung.
    In Nachbarschaft zum Rathaus gehört der "Fränkische Hof" aus dem frühen 17. Jahrhundert zu den wertvollsten Baudenkmälern Röttingens. Foto: Gerhard Meißner

    Er ist markantes Baudenkmal und Schandfleck zugleich. Jetzt hat der "Fränkische Hof" am Röttinger Marktplatz neue Eigentümer gefunden. Edith und Manfred Wittenstein haben das ehemalige Gasthaus gekauft, genauer genommen die Wittenstein Immobilien GmbH, die den Immobilienbesitz der Familie verwaltet. Das Unternehmer-Ehepaar aus Igersheim möchte das 400 Jahre alte Fachwerkhaus denkmalgerecht sanieren und mit neuem Leben erfüllen – nach einem Jahrzehnt der Unsicherheit ein Glücksfall für Röttingen.

    In der ehemaligen Wirtsstube des "Fränkischen Hofs" sieht es so aus, als wäre der letzte Gast eben erst gegangen. Foto: Gerhard Meißner

    Der Termin für die Bekanntgabe des Kaufs hätte trefflicher kaum gewählt werden können. Am Tag vor Heiligabend spricht Bürgermeister Martin Umscheid von einem "Weihnachtsgeschenk für die ganze Stadt". Seit 2009 die letzte Bewohnerin ausgezogen ist, drohte der "Fränkische Hof" zu verfallen. Das Dachgebälk ist durchgebogen und ein hässliches Kunststoffnetz schützt Passanten vor herabfallendem Putz. Dabei handelt es sich bei dem Fachwerkhaus um eines der wertvollsten und prägendsten Gebäude des Tauberstädtchens.

    2013 hatte ein Geschäftsmann aus Rumänien den "Fränkischen Hof" gekauft und nach Umscheids Worten "abenteuerliche Sanierungsversuche" unternommen. Die untere Denkmalbehörde stellte die Arbeiten ein. So wie das Haus damals verlassen wurde, präsentiert es sich nun bei der Besichtigung: mit lieblos an die Wände gezimmerten Spanplatten, einem Badezimmer, in dem die frisch verlegten Fliesen von selbst von der Wand gefallen sind, und vollen Aschenbechern in der ehemaligen Wirtsstube, als sei der letzte Gast gerade erst gegangen. Im Hof liegen die Balken der ehemaligen Scheune. Im vergangenen Jahr war sie in einer Sturmnacht eingestürzt.

    "Das ist ein Weihnachtsgeschenk für die ganze Stadt."
    Martin Umscheid, Bürgermeister

    Es bedarf schon eines genaueren Blicks, um unter all dem Unrat den wahren Schatz zu erkennen. 1614 wurde das Haus vermutlich auf einem Vorgängerbau errichtet. Aus dieser Zeit stammen auch die Fachwerk-Zwischenwände im Obergeschoss und die geschnitzten Eckpfosten der Außenfassade. Der Bauherr ist unbekannt, doch die über drei Meter hohen Räume lassen auf ein herrschaftliches Anwesen schließen. Um 1700 wurde es vom Präfekten des Julius-Echter-Spitals, Johann Deppisch, bewohnt.

    Durch seinen Freund Andreas Rippberger sei er auf den "Fränkischen Hof" aufmerksam geworden, erzählt Manfred Wittenstein. Der Consulting-Unternehmer Rippberger hat vor vier Jahren das Echter-Stift erworben und will seine Manager-Schule im kommenden Jahr vom schweizerischen St. Gallen nach Röttingen verlagern. Wittenstein hat Gefallen am "Fränkischen Hof" gefunden, ohne zu ahnen, dass die Stadt bereits viele vergebliche Versuche unternommen hat, einen neuen Eigentümer zu finden.

    Schlüsselübergabe an die neuen Eigentümer (von links) Thilo Brandel, Leiter des Gebäudemanagements bei Wittenstein, Bürgermeister Martin Umscheid und die neuen Eigentümer des "Fränkischen Hofs", Edith und Manfred Wittenstein.  Foto: Gerhard Meißner

    Mehrere Interessenten hatten sich das Haus bereits angeschaut, wollten es unter anderem zum Hotel umbauen, erzählt Bürgermeister Martin Umscheid. Jedesmal zerbrach das Interesse an den voraussichtlichen Sanierungskosten in siebenstelliger Höhe. Manfred Wittenstein scheut die Restaurierung nicht, wohl wissend, worauf er sich einlässt. "Das ist keine Renditeobjekt", sagt er, eher eine Überzeugungstat.

    "Wir wollen nichts auf die Schnelle machen, und wenn man mit festen Zielen an so eine Sache herangeht, kann man leicht enttäuscht werden."
    Manfred Wittenstein, Unternehmer

    Die Wittensteins wollen den historischen Kern erhalten und dem Gebäude eine neue, zeitgemäße Nutzung geben, durch die sich zumindest der laufende Unterhalt trägt. "Ein solches Gebäude muss belebt werden", betont Edith Wittenstein. Wie genau diese Nutzung aussehen soll, das wissen die neuen Eigentümer allerdings noch nicht. "Eine Gaststätte auf keinen Fall, aber das Haus wird bewohnt und benutzt werden", so Manfred Wittenstein.

    Die Zwischenwände im stattlichen Obergeschoss sind ebenfalls aus Fachwerk errichtet. Foto: Gerhard Meißner

    Vorstellbar wäre etwa ein Gästehaus für das in Harthausen bei Igersheim ansässige Unternehmen, doch das hänge vom Urteil der Architektin ab, die sich bereits mit dem Baudenkmal vertraut gemacht hat. "Wir werden uns im Januar zusammensetzen, um zu sehen, was wir machen können, um das Gebäude behutsam weiterzuentwickeln", sagt Wittenstein. Zeit spiele dabei nicht die entscheidende Rolle. Schließlich wisse er noch nicht, welche Überraschungen das Haus bereithält und wie sich die heutigen Anforderungen, etwa an Brandschutz und Barrierefreiheit, in dem Baudenkmal umsetzen lassen.

    Die geschnitzten Eckpfosten der Fachwerkfassade sprechen für den Wohlstand der einstigen Bauherren. Foto: Gerhard Meißner

    "Wir wollen nichts auf die Schnelle machen", sagt der neue Eigentümer, "wenn man mit festen Zielen an so eine Sache herangeht, kann man leicht enttäuscht werden." Drei bis vier Jahre, so schätzt er, werde die Restaurierung wohl in Anspruch nehmen.

    Der Anbau aus dem Jahr 1909 wurde als Festsaal und später auch als Kino und Diskothek genutzt.  Foto: Gerhard Meißner

    In seinem Unternehmen mit Sitz im zehn Kilometer entfernten Harthausen produziert Wittenstein High-Tech-Getriebe und innovative Antriebssysteme. Seine Liebe zu alten Dingen sei da kein Widerspruch, sagt er. "Ich bin stolz auf das, was wir hier kulturell haben, und diesen Reichtum brauchen wir auch für die Zukunft." Zu diesem kulturellen Reichtum gehöre auch das Wissen der Handwerker. Deshalb sollen es vornehmlich regionale Firmen sein, die am "Fränkischen Hof" zum Einsatz kommen werden.

    Ein alter Geldspielautomat zeugt von der jüngeren Geschichte des "Fränkischen Hofs". Foto: Gerhard Meißner

    Aber weshalb ausgerechnet Röttingen? "Früher war das eine Gemeinde wie viele andere, aber die Stadt hat sich in den letzten Jahren enorm gemausert", sagt Manfred Wittenstein und spricht dabei auf Projekte wie den neu gestalteten Marktplatz, die Naherholungszone am Mühlbach oder den modernen Wiederaufbau des Ostflügels der Burg Brattenstein an. 

    Für Bürgermeister Martin Umscheid ist dieses Lob eine Bestätigung für die finanzielle Anstrengung, die die Stadt in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten in den Erhalt ihres historischen Gepräges gesteckt hat. Etliche Eigentümer in Röttingen seien dadurch motiviert worden, in ihre privaten Häuser zu investieren. Auch Manfred Wittenstein setzt auf die Beispielwirkung. "Der Fränkische Hof wird andere Leute ermutigen, ebenfalls etwas zu tun", sagt er. 

    Der "Fränkische Hof"
    1614 wird das Haus erbaut. Bauherr und Zweck des Gebäudes sind nicht bekannt.
    Um 1700 befindet sich das Anwesen im Besitz von Johann Deppisch, Spitalpräfekt in Röttingen.
    1760 ist dessen Sohn Adalbert Deppisch der Besitzer. Das Anwesen wird als Behausung mit Hofriet, Scheuer und zinsbarer Kellerei bezeichnet.
    1799 lässt Johann Deppisch, ein Sohn des Adalbert Deppisch, eine Gastwirtschaft mit Brauerei einbauen. 
    1850 wird der "Fränkische Hof" an den Brauergesellen und Gastwirt Nikolaus Dürr  verkauft. 
    1909 besitzt Georg Breunig die Gastwirtschaft und lässt sie um einen Festsaal erweitern.
    1929 wird das Fachwerk wieder freigelegt. 
    Quelle: Stadtarchiv Röttingen

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