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    RÖTHLEIN / WÜRZBURG

    Polka in Tracht statt HipHop im Top: Was geht denn hier?

    Hobby Trachtenverein: Für die Kinder und Jugendlichen aus der Rhön ist jeder Termin etwas Besonderes. Frederik (8) darf beim Umzug in Röthlein das Schild tragen. Foto Josef Lamber
    Hobby Trachtenverein: Für die Kinder und Jugendlichen aus der Rhön ist jeder Termin etwas Besonderes. Frederik (8) darf beim Umzug in Röthlein das Schild tragen. Foto Josef Lamber Foto: Lamber Josef

    Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen und haben ein besonderes Ziel: Das Erntedankfest beim Volkstrachtenverein in Röthlein im Landkreis Schweinfurt. Es geht volkstümlich zu an diesem warmen Herbstsonntag, und die Trachtler aus Abtsroda in der Rhön sind im großen Bus angereist. Der achtjährige Frederik und Johannes, 18 Jahre, rücken ihre schwarzen Hüte zurecht, halten Ausschau nach den anderen, machen sich bereit für den Festumzug.

    Frederik und Johannes frönen einem Hobby, das so gar nicht ins Leben von Kindern und Jugendlichen zu passen scheint. Doch das ist ein Irrtum. Mit über 100 000 Mitgliedern gehört die Bayerische Trachtenjugend als Jugendorganisation des Bayerischen Trachtenverbandes zu den größten anerkannten Freien Trägern der Jugendhilfe in Bayern.

    Sie gliedert sich in Vereinsjugendgruppen, jeweilige Gaujugend und Bayerische Trachtenjugend. 22 Gauverbände sind im Bayerischen Trachtenverband zusammengeschlossen, auch der Verband Unterfranken gehört dazu.

    Polka statt HipHop?

    Tracht statt Fußballtrikot? Polka statt HipHop? Blasmusik statt Hits aus den Charts? „Na ja, Karl, der Jüngste bei uns, der liebt Blasmusik, aber der ist ja auch erst zwei“, meinen die zwölfjährige Marie und die 14-jährige Isabel lachend. „Ich glaube nicht, dass der Trachtenverein unseren Musikgeschmack prägt“, erklärt Madita, die mit 23 Jahren eine der erfahrenen Tänzerinnen in der Jugendgruppe ist.

    Die Rhön gehört zu den Trachtenregionen in Unterfranken, die mit vielen historischen Trachten aufwarten können. Brauchtumspflege wird dort großgeschrieben. Und viele Vereine im Gau haben erkannt, dass sie mit eigenen Kindertanzgruppen den Nachwuchs locken können. In Abtsroda ist das gelungen. Mehr als 20 Kinder und Jugendliche kommen Woche für Woche zur Tanzprobe zusammen. „Das macht voll Spaß!“, findet Ronja (15).

    Ein vererbtes Hobby

    634 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre und 335 junge Erwachsene zwischen 18 und 27 Jahre sind derzeit in den Vereinen des Trachtenverbands Unterfranken aktiv. „Zweidrittel davon sind weiblich“, sagt Gaujugendleiterin Inge Burkhard-Vatterrodt aus Sennfeld im Landkreis Schweinfurt. Die meisten sind über ihre Eltern und Großeltern in den Verein gekommen. Ein vererbtes Hobby also?

    In Röthlein beim Erntedankfest sieht es ganz so aus. Vom Opa bis zum Enkelkind sind die meisten Familien heute in Tracht gekommen. „Es gibt aber auch Jugendliche, die kommen über Freunde in den Trachtenverein“, meint die 18-jährige Hanna aus Abtsroda. Die Vereinsstunden sind für sie und die anderen Teenies aus der Truppe alles andere als Pflichttermine. Theresa, Nina, Phillip, Ronja, Johannes und Frederik strahlen. „Es ist nie langweilig bei uns!“

    Jugendleiterin Hannah Schleicher bringt von den Seminaren regelmäßig neue Tänze mit. Etwa drei Wochen brauche man, um einen Tanz zu beherrschen. „Die heißen zum Beispiel Schlamperer, Kikeriki oder Polka links rum – jeder von uns hat da auch einen Lieblingstanz“, erzählen die Mädchen, die vorhin im Bus von den Älteren im Akkord hübsche Zöpfe geflochten bekommen haben.

    Aufschließen! Es geht los!

    „Das Tanzen und die Trachten sind schon was Besonderes. Wir haben aber auch eine tolle Jugendleiterin, die keinen Druck macht, wenn es mal nicht gleich klappt“, meint Hanna. Auch die Atmosphäre bei den Festen und Umzügen sei immer schön und entspannt. „Es ist ganz selten, dass mal jemand das Training oder einen Termin absagt“, bestätigt Trachtler Roland Schleicher, der seine Rhöner Truppe gerade in den Festumzug einschleust. Sohn Frederik darf die ganze Gruppe anführen und trägt stolz das Schild.

    Jetzt heißt es aufschließen, zügig und doch gleichmäßig schnell laufen. Und: Winken! Entlang der Straßen stehen viele Schaulustige, jeder Umzug ist ein großer, öffentlicher Auftritt. Und der soll gut aussehen. Viel falsch machen kann man zum Glück nicht, das sieht bei den Tänzen später schon ganz anders aus.

    Im Festzug fällt eine kleine Gruppe junger Leute aus Niederwerrn bei Schweinfurt auf. Sie wollen ein Stück Tradition in ihr Dorf zurückholen, die Kirchweih wieder mit Trachten und Tänzen beleben. „Wir sehen das in anderen Ortschaften, wie schön das ist“, sagt der 23-jährige Lukas. „Einige fehlen heute, weil Festzüge oft mit Fußballspielen kollidieren.“

    „Ich kann doch gar nicht tanzen!“

    Fußballer im Trachtenverein? „Klar, warum nicht?“, meinen Benedikt und Maria. „Die meisten sagen zwar am Anfang, ich kann doch gar nicht tanzen, aber das ist letztlich kein Argument. Der Spaß an der Sache ist entscheidend.“

    Auch der neunjährige Paul aus Gochsheim spielt Fußball in der U11 – und hat überhaupt kein Problem damit, als Fußballer im Trachtenanzug alte Volkstänze aufs Parkett zu legen. „Mir gefallen vor allem die schnellen Tänze.“ Paul dreht sich auch gerne Arm in Arm mit seiner siebenjährigen Schwester Emmi auf dem Tanzboden. Gehänselt, so sagt er, habe man ihn deswegen noch nie.

    Die Trachtenvereine gehören im Dorfleben dazu wie der Fußball- oder Musikverein. „Ob man im Trachtenverein ist oder nicht, das hat aber schon auch viel mit Familientradition zu tun“, meint Pauls Opa Gerhard Schäfer. Wie lange Paul noch dabei sein wird, kann man nicht sagen.

    Bubenmangel – mit 14 ist oft Schluss

    „Ab 14 Jahre ist oft Schluss, dann haben die Jungs andere Interessen“, sagt der Jugendleiter aus der Rhön, Roland Schleicher. „Oder sie tanzen nur noch bei weit entfernten Auftritten, wo sie keiner kennt“, sagt er lachend. „Das war bei uns früher nicht anders!“

    Der Vorsitzende des Gochsheimer Trachtenvereins und zweiter Bürgermeister, Hans-Jürgen Schwartling, nickt. „Wir haben Bubenmangel. Früher war es einfacher, die Kinder in den Trachtenverein zu bekommen, es gab einfach nicht so viele andere Angebote. Und für uns war das ja etwas ganz Besonderes, wenn wir für unsere Auftritte eine Bratwurst und ein Getränk spendiert bekamen“, sagt Schwartling.

    Trachtler: AfD-Werbung unverschämt

    Der Vorwurf, Tracht und Tradition erinnere immer ein wenig an Deutschtum und rechtes Gedankengut, weist der Gochsheimer entschieden zurück. Dass die AfD im Landtagswahlkampf unter anderem in Würzburg großflächig mit zwei kleinen Kindern in Tracht geworben hat, macht Schwartling wütend. „Politik wollen wir Trachtler ganz draußen haben.“ Es sei eine Unverschämtheit von der AfD, Kinder vor ihren Karren zu sparren. „Wir sehen das mit großer Sorge und distanzieren und komplett davon.“

    Derweil läuft der Jüngste der Rhöner Truppe, der zweijährige Karl, tapfer in Mini-Tracht durch die Straßen von Röthlein und erntet viel Beifall vom verzückten Publikum. „Ist der süß!“ Spezielle Trachten für Kinder hat es laut Trachtenforscherin Christiane Landgraf vom Bezirk Unterfranken zu keiner Zeit gegeben. „Die Kinder trugen normale Gebrauchskleidung, später hat man die historischen Trachten der Erwachsenen als Vorlage genommen.“

    Dirndl aus dem Discounter?

    Dass Dirndl und Lederhosen wieder im Kommen sind, sehen Trachtler mit gemischten Gefühlen. Viele verwechselten Tracht mit Outfits im oberbayerischen Landhausstil, die es mittlerweile auch im Discounter gebe und die nur bei großen Zeltveranstaltungen wie Kiliani in Würzburg oder für den Oktoberfestbesuch in München getragen würden.

    „Das ist eher Verkleiden als regionale Tradition“, bestätigt Expertin Christiane Landgraf. Traditionelle Trachten seien teuer, bewegten sich meist im vierstelligen Bereich. Es gibt Zuschüsse für die Vereine vom Bezirk, doch letztlich ist eine Tracht eine Anschaffung, über deren Wert man sich bewusst sein sollte.

    Die Stoffe einer historisch nachgebildeten Tracht seien hochwertig, vor allem Festtagstrachten sprengten oft das Budget einer Familie. Eine Alternative seien vor allem für Männer nach wie vor die Arbeitstrachten. Auch in Röthlein sind an diesem Sonntag Männer so unterwegs. „Ein blaues Hemd, schwarze Hose, rotes Halstuch – das ist erschwinglich und entspricht der Kleidung von damals“, bestätigen sie.

    Erbstücke und Weihnachtsgeschenke

    „Manche Teile einer Tracht bekommt man vererbt, den Rest kann man sich auch Stück für Stück vervollständigen“, sagt Ramona Enk. Ihre Haube hat sie selbst geschneidert, Schürze und Tuch waren Weihnachtswünsche. Die 30-Jährige war schon im Alter von drei Jahren im Trachtenverein aktiv, gerade hat sie Töchterchen Marlen (1) herausgeputzt und in den Bollerwagen gesetzt.

    Die jungen Leute, so Bezirks-Trachtenexpertin Landgraf, hätten in den vergangenen Jahrhunderten modetechnisch genauso ihren eigenen Kopf gehabt wie die Teenies heute. „Wer den Kleidungsstil nicht mochte, trug auch keine Tracht. Und viele konnten sich eine Festtagstracht auch gar nicht leisten.“ Es gab zudem strenge Regeln: In katholischen Städten und Dörfern gab es die Festtracht erst zur Eheschließung, bei den Evangelischen wurden die Jugendlichen zur Konfirmation erstmals festlich eingekleidet.

    Atemberaubendes Tanz-Tempo

    Eines ist bis heute geblieben: Trachten werden mit unübersehbarem Stolz getragen. Mit erhobenem Kopf drehen sich jetzt am Röthleiner Festplatz Alt wie Jung gemeinsam im Kreis auf dem Tanzboden, umringt von Hunderten Festbesuchern. Es wird gestampft und die Burschen juchzen lautstark wie in alten Zeiten. In atemberaubenden Tempo tanzen die Paare vorbei, die Trachtenröcke der Sennfelder Trachtlerinnen schwingen und bauschen sich auf, die Zuschauer jubeln.

    Außer Atem und strahlend verlässt die Sennfelder Jugendleiterin Lisa Spiegel den Tanzboden. Sie ist, so sagt sie, quasi in Tracht tanzend aufgewachsen. Bodenständig und heimatverbunden bis in Fußspitzen sei sie. „Ein waschechtes unterfränkisches Mädli halt.“ Die Sennfelder machen Platz für die nächste Gruppe: Die Rhöner Truppe aus Abtsroda ist im Anmarsch.

    Keine Frage des Alters

    Roland Schleicher gibt dem Nachwuchs letzte Anweisungen. Ob sie aufgeregt seien? „Nein, wieso, wir können es doch“, meint Johannes trocken. Die Mädels kichern. Und dann geht es los. Die Choreographie sorgt schnell für bewundernde Kommentare und ganz schnell wird klar: Johannes hat Recht. Sie können es. Trachtentänze sind keine Frage des Alters. Und des Geschlechts gleich gar nicht.

    Informationen über Aktionen in den Trachtenvereinen in der Region unter www.trachtenverband-unterfranken.de

    Emmi (7) und Marlen (1) aus Gochsheim beim Erntedankfest des Trachtenvereins Röthlein (Lkr. Schweinfurt). Foto Josef Lamber
    Emmi (7) und Marlen (1) aus Gochsheim beim Erntedankfest des Trachtenvereins Röthlein (Lkr. Schweinfurt). Foto Josef Lamber Foto: Lamber Josef
    Der Jüngste im Bunde: Mini-Trachtler Karl (2) schaffte die ersten Straßen noch zu Fuß, dann musste er von seiner Mama getragen werden.
    Der Jüngste im Bunde: Mini-Trachtler Karl (2) schaffte die ersten Straßen noch zu Fuß, dann musste er von seiner Mama getragen werden. Foto: Josef Lamber
    Wieder Schwung in die Kirchweih bringen. Dieses Ziel hat sich die vor zwei Jahren gegründete junge Trachtengruppe „Planpaare“ aus Niederwerrn gesetzt.
    Wieder Schwung in die Kirchweih bringen. Dieses Ziel hat sich die vor zwei Jahren gegründete junge Trachtengruppe „Planpaare“ aus Niederwerrn gesetzt. Foto: Josef Lamber
    Zukunft Trachtenverein: Der unterfränkische Nachwuchs zeigte sich auf dem Festgelände in Röthlein äußerst tanzbegeistert.
    Zukunft Trachtenverein: Der unterfränkische Nachwuchs zeigte sich auf dem Festgelände in Röthlein äußerst tanzbegeistert. Foto: Josef Lamber
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