• aktualisiert:

    Estenfeld

    Präzisionsarbeit in der Fundgrube

    Am Tag des offenen Denkmals informierten sich Bürger auch an den archäologischen Grabungen in Estenfeld. Foto: Jochen Jö...

    Für Archäologen ist Estenfeld eine wahre Fundgrube – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Bei den derzeit laufenden Grabungen im künftigen Baugebiet Westring wurden erneut Spuren früheren Lebens entdeckt. Welche genau und wie sie bei ihrer Suche vorgehen, das erklärten Mitarbeiter des Büros für Ausgrabungen und Dokumentationen Heyse (Schwarzach) sowie Vertreter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege am Sonntag beim „Tag des offenen Denkmals“.

    Das Interesse der Bürger war groß, berichtet die Gemeinde in einer Pressemitteilung. Gleich zum Auftakt der ganztägigen Informationsveranstaltung waren Dutzende Menschen auf das Gelände oberhalb des unteren Hoegner-Spielplatzes gekommen. Nach der Begrüßung durch Bürgermeisterin Rosi Schraud durften sie – aufgeteilt in drei Gruppen – über die Grabungsstätte wandern und die Funde bestaunen. Dazu gehörten zum Beispiel Pfeilspitzen oder Stücke von tönernen Gefäßen.

    Fest steht, dass sich am Westring früher einmal eine kleinere Siedlung befunden hat. Die Grundrisse von fünf Häusern sind in Teilen noch vorhanden. Sie stammen aus der mittleren Jungsteinzeit (ca. 4900 bis 4600 vor Christus). Typisch für diesen Abschnitt, der auch Mittelneolithikum genannt wird, sind schiffsförmige Häusergrundrisse mit leicht gebogenen Außenwänden aus zahlreichen kleinen Pfosten. Im aktuellen Grabungsbereich überschneiden sich zwei solcher Reihen – ein Beweis dafür, dass die Besiedlung dort über mehrere Generationen andauerte.

    Einige Meter weiter hangabwärts – dort, wo sich heute der Kreisverkehr zur Weißen Mühle befindet – waren die Archäologen schon einmal fündig geworden: im Jahr 2011. Damals wurde neben eisenzeitlichen Grubenhäusern auch ein Hausgrundriss der Ältesten Linienbandkeramik (ca. 5500 v. Chr.) untersucht. Dieser außergewöhnliche Befund markierte die erste Besiedlung auf Estenfelder Gemarkung. Auf diese so genannte Initialsiedlung folgten die etwas jüngeren Siedlungen (ca. 5300 bis 4900 v. Chr.) im heutigen Gewerbegebiet an der A 7. Im Bereich der Firmen Porsche und Joka gruben die Forscher in den Jahren 2016/17.

    In der mittleren Jungsteinzeit, während der Großgartacher und Rössener Kultur, verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt dann wieder hinunter zur Weißen Mühle. Aus dieser Zeit stammt auch eine Entdeckung, die Estenfeld in Archäologen-Kreisen deutschlandweit bekannt gemacht hat: 2011 wurde hier in Präzisionsarbeit ein riesiger Grubenkomplex „zu Tage gefördert“, in den eine große Anzahl von ungewöhnlich gut erhaltenen Funden eingelagert war. Der bemerkenswerteste war ein vollständig erhaltenes Keramikgefäß, das auf der Sohle der Grube in etwa drei Metern Tiefe lag.
    Die Wirtschafts- und Lebensweise des Mittelneolithikums ist – bis auf kleine Veränderungen – mit jener der vorangegangenen Linienbandkeramik vergleichbar. Die Menschen betrieben Ackerbau und hielten Vieh.

    Auch bei der Herstellung von Werkzeugen griffen sie auf bewährte Materialien und Formen zurück. Der deutlichste Unterschied ist bei der Herstellung der Keramik sichtbar: Während in der Zeit der Linienbandkeramik die Gefäße typische Bandverzierungen hatten, waren im Mittelneolithikum die Oberflächen mit teils Hunderten kleiner Einstiche und Furchenstichlinien verziert. Die Vertiefungen im schwarzen Ton waren meist mit weißer Kalkpaste gefüllt, die sich jedoch nur selten erhalten hat. Eine erfreuliche Ausnahme ist das Gefäß, das im Estenfelder Grubenkomplex gefunden wurde.

    Bearbeitet von Robert Menschick

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

      Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!