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    WÜRZBURG

    Prozessauftakt gegen Würth-Entführer: Urteil im Dezember?

    Einem geschulten Ohr können wenige Sätze viel über den Sprechenden verraten – beispielsweise über den Entführer von Markus, dem Sohn des Schrauben-Milliardärs Reinhold Würth. Dies muss man vorausschicken, wenn man die Bedeutung des am Dienstag gestarteten Prozesses gegen den mutmaßlichen Kidnapper Nezdad A. am Landgericht Gießen verstehen will.

    Stimme noch immer zu hören

    Wer im Internet mit dem Namen „Würth“ und Begriffen wie „Entführer“ und „Stimme“ sucht, findet auch drei Jahre später problemlos den Mitschnitt des Erpresser-Anrufes. Die Polizei hat damit nach dem Kidnapper gesucht, der im Juni 2015 Markus Würth in Hessen entführt und später im Wald bei Würzburg zurückgelassen hatte.

     

    Markantes Sprechen

    Die Ermittler hofften, jemand werde die Stimme erkennen und sie zu dem Täter führen. Man muss nur den Sätzen der Lösegeld-Forderung lauschen, um auch als Laie eine Vorstellung von dem Erpresser zu bekommen: Das höfliche „bitte“ - ungewöhnlich für einen brutalen Kidnapper. Das holpernde, hessisch gefärbte Deutsch mit unnatürlich gedehnten Selbstlaute, wie bei einem Gastarbeiter aus Südosteuropa: „Farren Sie hoitä naachd um swai Urr....“; Das mühsame Ringen um „der, die, das“ und die Suche nach dem richtigen Begriff: „Schaltän Sie die Blinkär immär an, immär an“, und „Beobachtän Sie bittä die Autobahnsaitä, wenn Sie, äh äh, die Lischdsignaal sähän, ja? Dann sofort aanhaltän. Isch wärdä bei der Autobahn wartän, an räschdä Saitä“.

    Wesentliches Indiz

    Schon jetzt ist klar: Der Prozess wird Justizgeschichte schreiben. Denn die heimlich mitgeschnittenen Sätze der Forderung nach drei Millionen Euro Lösegeld sind das einzige wesentliche Beweismittel, das die Ermittler gegen den Angeklagten in der Hand haben. Also werden Spezialisten vor Gericht buchstäblich „zu Wort kommen“, die man sonst kaum als Gutachter in Gerichtssälen erlebt: Sprachwissenschaftler der Uni Marburg, die Satzbau, Wortwahl und Sprachmelodie analysieren, um Rückschlüsse auf die Identität des Gesuchten zu ziehen. Ob sie eindeutig auf den Angeklagten zurückschließen können, muss sich noch zeigen.

    Sohn eines Milliardärs

    Natürlich ist der Fall auch deshalb so spektakulär, weil der Vater des Opfers, „Schraubenkönig“ Reinhold Würth (83) aus dem baden-württembergischen Künzelsau, zu den reichsten Deutschen zählt. Der eigenwillige Familienpatriarch schuf aus dem Schrauben-Handelsunternehmen Würth nahe Heilbronn den internationalen Marktführer in der Befestigungs- und Montagetechnik mit heute rund 75 000 Mitarbeitern. Seine Unternehmensgruppe setzte 2017 knapp 13 Milliarden Euro um. Würth ist ein bekannter Sportsponsor und Kunstmäzen.

    Anruf von „Dr. Hassan“

    Der oder die Entführer waren gut vorbereitet. Sie schnappten sich ihr Opfer unbemerkt in der Mittagspause. Stunden später rief ein Mann, der sich als „Dr. Hassan vom Krankenhaus Gießen“ ausgab, im edlen Hotel „Anne-Sophie“an. Das Hotel in Künzelsau gehört zum Würth-Imperium. Markus sei verletzt, sagte der Anrufer und bat um die Privatnummer von Markus' Mutter Carmen Würth. Ihr präsentierte „Dr. Hassan“ dann die Lösegeldforderung.

    Der Mitschnitt hat die Ermittler nach 1000 Tagen Fahndung tatsächlich zu Nezdad A. geführt, einem 48-jährigem Handwerker und Vater zweier Kinder. Der gebürtige Serbe lebte bis dahin völlig unauffällig in einem Hochhaus in Offenbach und war der Polizei bis dahin nicht aufgefallen. Dass er geschnappt wurde, ist einer Zeugin zu verdanken, die eher aus Langeweile im Januar 2018 die Hotline der Polizei mit der Stimme des Kidnappers wählte. Überrascht erkannte sie den Mann wieder, der bei ihr renoviert hatte, und meldete sich bei der Soko „Hof“.

    Sprachwissenschaftler im Einsatz

    Noch mehr ist der Fahndungserfolg aber den Sprachwissenschaftlern der Uni Marburg zu verdanken. Die analysierten mit Spezialisten des Bundeskriminalamtes nach dem Ende der Entführung im Juni 2015 jeden Wortfetzen, um der Polizei Hinweise zu liefern, was für einen Täter sie suchen musste: 40 bis 52 Jahre alt, mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Kosovo, Montenegro oder Mazedonien, vor 2001 nach Deutschland gekommen und im Großraum Frankfurt lebend – ein Profil, das erstaunlich genau auf Nezdad A. passt.

    Darauf hatten die Fahnder gehofft, die kaum mehr hatten als die Stimme des Kidnappers. Immer wieder wandten sie sich damit an die Öffentlichkeit, sogar zweimal über die ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. Allein da lauschten jeweils fünf Millionen Menschen der Stimme. Über 6000 wählten bewusst die Nummer der Hotline, um zu hören, wie der Kidnapper seine Anweisungen zur Geldübergabe bei Würzburg gab.

    Verdächtigen wochenlang belauscht

    Als die Fahnder der Soko „Hof“ dann endlich einen Verdächtigen hatten und wochenlang insgeheim die Wohnung im fünften Stock eines Hochhauses abhörten, verglichen die Sprachwissenschaftler sein Reden erneut mit dem Erpresseranruf. Dann kamen sie laut Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ zur Erkenntnis: Es handelt sich um den Erpresser.

    Nun steht der Mann vor Gericht, der zwar wortreiche Erklärungen lieferte, aber nichts Konkretes zur Tat. Viele Fragen sind offen: Die Staatsanwaltschaft glaubt, er habe Markus Würth „gemeinschaftlich mit unbekannten Mittätern“ entführt, wie es in der am Dienstag verlesenen Anklageschrift heißt.

    Ein oder mehrere Täter?

    Warum ließ man das Opfer frei, nachdem die Geldübergabe bei Würzburg gescheitert war? Wer kettete Markus Würth nachts bei Kist (Lkr. Würzburg) an einen Baum, während der Erpresser als angeblicher „Dr. Hassan“ die Mutter des Entführers anrief – aber von einem Handy aus, das in einer Funkzelle in Frankfurt eingebucht war? Überhaupt: Welche Beziehung hatte der in Offenbach lebende A. ins 120 Kilometer entfernte Unterfranken? An der A3 bei Würzburg sollte das Lösegeld übergeben werden.

    Was verbindet ihn mit Würzburg?

    Schon zuvor, am Tag der Entführung, kaufte der Kidnapper dort in einem Supermarkt neben der Autobahn in Eisingen (Lkr. Würzburg) Cash-Codes, mit denen er sein Handy auflud. Und dort in der Nähe kettete er später auch im nahen Wald sein Opfer an einen Baum, ließ ihm sogar eine Flasche Wasser. Dann rief er fürsorglich die Angehörigen an: „Schraibän Sie auf folgendes Geokoordinaten – das ist sähr wichtich, hören Sie gut zu: dort finden Sie Markus, äs gäht um Läbän und Tod.“

    Das Opfer wurde dort gefunden, unterkühlt, aber unversehrt – das Aufatmen der Fahnder war spürbar. Oft töten Entführer ihre Opfer aus Angst, sie könnten sie später beschreiben.

    Ausgespäht

    Aber Markus Würth ist wegen eines Impffehlers seit frühester Kindheit behindert. Er kann deshalb nichts zur Aufklärung des Falles beitragen. „Hätte er das gekonnt, wäre er heute nicht mehr am Leben“, ist Daniel Muth, Leiter der Sonderkommission überzeugt.

    Wie kam der Täter an sein Opfer? Dass der behinderte, damals 50-jährige Sohn des Schraubenkönigs in Schlitz in einer anthroposophischen Einrichtung im Vogelsbergkreis (Hessen) lebte, war kein Geheimnis. Er lebte dort seit 30 Jahren.

    Journalisten schwiegen

    Nur wenige Stunden nach der Tat hatten Journalisten von dem Fall Wind bekommen. Die Polizei schwieg offiziell, aber die Entführung war bekannt. Doch die Medien nahmen Rücksicht: Um das Leben des Mannes nicht zu gefährden, wurde bis zum Folgetag nirgends etwas über die Entführung veröffentlicht.

    Ähnlich war es während der Fahndung. Die Polizei rief immer wieder zur Mithilfe auf und veröffentlichte Tonbandaufnahmen mit der Stimme des Entführers. Aber die intensive Suche lief im Verborgenen – bis zum 14. März 2018, als die Meldung kam: „Spezialkräfte haben den Kidnapper in seiner Offenbacher Wohnung festgenommen.“

    Verdächtiger in Finanznot

    Der Tatverdächtige habe „finanzielle Nöte“ und sei gern dem Glücksspiel nachgegangen, sagt der Leiter der Sonderkommission „Hof“, Daniel Muth. „Vielleicht hat er aus Geldnot die Einfachheit der Entführung eines behinderten Menschen gesehen und es gab eine sehr günstige Situation, sich des Markus Würth zu bemächtigen.“

    Zweite Erpressung

    Hat er es zwei Jahre später noch einmal versucht? Während die Ermittler nach dem Kidnapper von 2015 suchten, gab es 2017 eine erneute Entführungsandrohung per E-Mail – ebenfalls durch Nezdad A., wie die Ermittler glauben. Sprachgebrauch und Details, die nur der Täter wissen dürfte, sprechen dafür. In einer verschlüsselten E-Mail wurde die neue Entführung von Markus Würth oder die Entführung anderer Angehöriger angedroht, wenn nicht umgerechnet etwa 70 Millionen Euro in Kryptowährung bezahlt würden. Es habe etwa vier Monate eine Konverstation mit dem Mann gegeben, ehe dieser den E-Mail-Kontakt abgebrochen habe, teilte die Polizei mit. Lösegeld sei auch diesmal nicht gezahlt worden.

    Die Familie soll ihre Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht haben. Dazu gehört, dass sie den neuen Aufenthaltsort von Markus geheim hält. Was man von seiner Mutter weiß: Er lebt auf einem Bauernhof mit Tieren, bei denen er sich besonders wohlfühlt. Den Ort verrät die Familie nicht.

    Vater nicht beim Prozess

    „Markus hatte Glück, dass er nicht sprechen kann. Hätte er verraten können, wie der Täter aussah, hätte der ihn wahrscheinlich umgebracht“, sagte sein Vater kürzlich in einem seiner seltenen Interviews zu dem Thema. Zu seinen Gefühlen im Zusammenhang mit der Festnahme des Verdächtigen nach drei Jahren sagte Reinhold Würth: Er sei kein Mensch, „der hasst oder Triumphgefühle hat“. Er werde selbst nicht am Prozess gegen den Entführer seines Sohnes teilnehmen, sondern am Dienstag im hohenlohischen Waldenburg ein neues Vier-Sterne-Hotel eröffnen, so eine Mitteilung. Die Familie trete nicht als Nebenkläger auf, sagt Kathrin Exler, Sprecherin des Landgerichts Gießen. Aber die Mutter, Carmen Würth (81), sei als Zeugin geladen. Von ihr soll der Täter das Lösegeld von drei Millionen Euro gefordert haben.

    Der Auftakt zum Prozess dauert nur kurz. Ein wenig zuckt der Angeklagte am Dienstagmorgen vor der Wand von Kameras zurück, die sich auf ihn richten. Drei Dutzend Journalisten sind zum Auftakt gekommen. Der Angeklagte drückt sich neben seinen Verteidiger auf den Stuhl, hört ohne erkennbare Regung die Anklage an. Nach 20 Minuten ist wieder Schluss mit dem ersten Prozesstag. Ob sich der Angeklagte im Prozess äußern wird, lässt sein Verteidiger offen.

    Urteil am 4. Dezember?

    Für den Prozess wegen erpresserischen Menschenraubs hat die 2. Große Strafkammer unter Vorsitz von Jost Holtzmann zwölf Verhandlungstage angesetzt. Insgesamt elf Zeugen sind für den dritten und vierten Verhandlungstag geladen. Ein Urteil wäre nach dieser Planung am 4. Dezember zu erwarten. Die Kripo ermittelt indessen weiter gegen mögliche Komplizen.

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