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    Quidditch: Wie Harry Potter einen Hochschulsport beeinflusst

    Seit April bietet der Hochschulsport der Uni Würzburg Quidditch an, eine Vollkontakt-Sportart, die auf dem fiktiven Spiel Quidditch aus dem Harry Potter-Universum basiert. Foto: Thomas Obermeier

    Ein bisschen befremdlich wirkt es schon, wie die jungen Menschen mit Plastikstäben zwischen den Beinen über das Gras hüpfen und versuchen Bälle durch große Ringe zu werfen. Und wie muss das erst für Leute aussehen, die noch nie etwas von Harry Potter, geschweige denn von Quidditch, gehört haben? Doch was hier gespielt wird, ist keine lächerliche Freizeitbeschäftigung, es ist ein komplizierter Vollkontakt-Sport, der lieber nicht unterschätzt werden sollte.

    "Brooms up!" ertönt es lautstark über das Spielfeld am Uni-Sportzentrum am Hubland. Auf das Kommando hin rennen die Spieler aufeinander zu und stürzen sich auf die Bälle, die in der Mitte des Feldes im Gras liegen. In Joanne K. Rowlings Zauberuniversum, der Autorin der Bücher über den beliebtesten Zauberschüler aller Zeiten, ist Quidditch an den Schulen das, was bei uns Fußball, Basketball oder Handball ist: Ein Sport, der international gespielt und gefeiert wird. Bei der Beliebtheit der Harry Potter-Bücher, die weltweit mehr als 400 Millionen mal verkauft wurden, ist es kein Wunder, dass dieser verzauberte Sport auch seinen Weg in die echte Welt fand. 

    Einige Anpassungen an die reale Welt mussten sein

    Seit Anfang des Semesters bietet der Hochschulsport der Uni Würzburg seinen Studierenden Quidditch an. Was hier gespielt wird, ist jedoch die Muggel (=Mensch)-Version vom magischen Quidditch. Schließlich gibt es in der realen Welt keine goldenen Kugeln mit Flügeln oder verhexte Bälle. Zumindest noch nicht. Deshalb mussten einige Dinge angepasst werden. So reiten die Spieler nicht auf fliegenden Besen wie dem Nimbus 2000, sondern klemmen sich PVC-Rohre zwischen die Beine. "Das sind Hochdruckrohre, die wir im Internet bestellt haben", erzählt Tobias Orth, einer von drei Trainern der Hochschulmannschaft. "Also handelsübliche Wasserrohre." Der 24-Jährige grinst. Richtige Besen wären einerseits zu unpraktisch, andererseits wäre die Gefahr für Verletzungen zu groß.

    Doch es sind nicht nur eingefleischte Harry Potter-Fans, die den Sport der Zauberschüler aus den Büchern treiben. "Natürlich kommen einige wegen der Bücher oder Filme vorbei", erzählt Orth vom Spielfeldrand aus. "Aber einige finden den Sport an sich auch einfach nur interessant." Es gebe solche und solche. Fakt ist: Ins Schwitzen gerät an diesem Trainingstag jeder. Und das liegt nicht nur an der Außentemperatur von noch immer 26 Grad an diesem sommerlichen Mittwochabend. 

    Voller Körpereinsatz: Quidditch-Spieler dürfen keine Berührungsängste haben. Foto: Thomas Obermeier

    Ein Vollkontaktsport, bei dem es richtig zur Sache geht

    Es geht zur Sache. Spieler in den hellblauen Leibchen schnappen sich die Kunststoffbälle - genannt "Bludgers" - und versuchen die gegnerischen Spieler zu treffen. Körper stoßen aneinander, eine Spielerin verliert ihr PVC-Rohr, ein Mannschaftskamerad fällt zu Boden. Ein richtiger Vollkontaktsport eben. Nur während im Film die Zauberlehrlinge durch die Lüfte schweben, rennen die Spieler in der Menschenversion über das Spielfeld. Doch auch hier gehört fliegen dazu. Zwar nicht wie im magischen Land durch die Luft, sondern ab und zu auf den Boden. Als eine Mischung aus Rugby, Völkerball und Handball beschreibt Orth "seinen" Sport. "Quidditch ist einfach wahnsinnig vielseitig", schwärmt er. "Man muss von allen Seiten aufpassen, und ganz ehrlich: es macht schon extrem Spaß, die anderen vom Besen zu hauen."

    "Es macht schon extrem Spaß, die anderen vom Besen zu hauen."
    Tobias Orth, Trainer 

    Jedes Team besteht aus sieben Spielern - drei Jägern (Chaser), zwei Treibern (Beater), einem Hüter (Keeper) und einem Sucher (Seeker), der versuchen muss den Schnatz zu fangen. Das Ziel der Jäger: den sogenannten Quaffle-Ball durch einen der drei gegnerischen Ringe zu werfen. Das wiederum versucht der Hüter zu verhindern. Die Treiber werfen währenddessen mit den Bludgern die Gegner ab. Wer getroffen wurde, muss den PVC-Stab fallen lassen und darf erst wieder weitermachen, wenn er einen der Ringe berührt hat. Klingt kompliziert, ist es auch, zumindest zu Beginn. Der Sport ist anstrengend und das nicht nur für den Körper, auch für das Gehirn. "Wie jetzt? Ich hab's immer noch nicht gerafft", ruft eine Studentin den Trainern zu. 

    Der Schnatz bestimmt das Spielende

    Ab der 17. Minute kommt der Schnatz ins Spiel. In den Büchern von Rowling ist er eine kleine goldene Kugel, die mit kleinen Flügeln über das Spielfeld saust. In der realen Welt ist der Schnatz ein Tennisball, der sich in einer kleinen Tasche am Hosenbund eines Spielers befindet. Was zuerst etwas befremdlich aussieht, wird schnell spannend. Denn die Sucher eines jeden Teams müssen den Schnatz fangen. Wer ihn zu fassen bekommt, macht 30 Punkte für sein Team und das Spiel ist aus. An diesem Tag ist Marius der Mann in der gelben Hose. Eine Zahnschiene ist bei ihm Pflicht, kommt man als Schnatz doch erst recht mit den anderen Spielern in Körperkontakt.

    Die Trainer geben währenddessen Anweisungen und feuern ihre Mitspieler vom Spielfeldrand an: „Schön deflectet“, „Good job!“, "Weiter so!" Denn trotz des oft hart wirkenden Spielgangs ist der Sport geprägt von Fairplay, das beweist auch die Geschlechterregelung: Das Team muss aus Frauen und Männern bestehen. Mindestens 30 Prozent Geschlechterverteilung. "Ein reines Frauen- oder Männerteam ist verboten", erzählt Orth. 

    Die Spieler werden oft belächelt

    An diesem Trainingstag gewinnt keines der beiden Teams, die ja im Grunde ein Team sind. Die Hochschulsportgruppe befindet sich noch in ihren Anfängen. Geträumt werden darf aber natürlich: "Wir versuchen nächstes Jahr auch beim Ligasystem mit einzusteigen", sagt Orth. "Für die nächste Zeit peilen wir aber erst einmal ein erstes Freundschaftsspiel an."

    Und auch, wenn die Spieler wegen der vielen kleinen Absurditäten oft belächelt werden, beweisen sie, dass es sich hier sehr wohl um eine ernst zu nehmende Sportart handelt. "Es kommt schon oft vor, dass die Leute stehen bleiben und uns etwas auslachen", sagt Orth. Doch das macht den Spielern nichts aus. "Da stehen wir gemeinsam drüber", erzählt der Student. Denn wenn es im realen Quidditch etwas Magisches gibt, dann ist es der Zusammenhalt dieser Gemeinschaft.

    Hochschulsport und Quidditch an der Uni Würzburg
    Der Allgemeine Hochschulsport bietet allen Studierenden und Beschäftigten der Uni Würzburg, die über einen gültigen Hochschulsportausweis verfügen, ein vielseitiges Sport- und Bewegungsangebot. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit im Rahmen des Hochschulsports, an den adh-Wettkampfveranstaltungen teilzunehmen.
    Reales Quidditch wurde 2005 von Xander Manshel und Alex Benepe, zwei Studenten des Middlebury College in Vermont, entwickelt. 2007 kam es zur ersten Partie gegen das Team eines anderen Colleges. 2014 wurde die International Quidditch Association (IQA) gegründet. Dieser internationale Dachverband setzt sich aus Vertretern aller anerkannten Nationalverbände zusammen. 
    2015 fand im italienischen Sarteano die erste Quidditch-Europameisterschaft statt. Aus den zwölf teilnehmenden Nationen konnte sich im Finale Frankreich durchsetzen. Bei der Weltmeisterschaft 2016 in Frankfurt am Main gewann erstmals eine andere Nation als die USA die Weltmeisterschaft. Australien gewann im Finale gegen die USA. 

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