• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Run lässt nach: Ist der "Mythos Marathon" entzaubert?

    18. iWelt-Marathon
    Beim 18. iWelt-Marathon im Mai 2018 gingen knapp 400 Marathonis über die volle Distanz an den Start. 2010 waren es noch etwa 1000. Foto: Daniel Peter

    „Jeder Zehn-Kilometer-Läufer sagt sich: Einmal muss ich einen Marathon gelaufen sein.“ Den Eindruck hat Christoph Hoffmann, seit vielen Jahren Vorsitzender der Laufgemeinschaft Würzburg. Der Marathon, 42,195 Kilometer, übt heute noch eine große Faszination auf viele Hobbysportler aus. Einmal die Königsstrecke bezwingen – das ist für so manchen ein Lebensziel.

    Die Teilnehmerzahlen des Würzburger iWelt-Marathons sind über die volle Distanz trotzdem seit Jahren rückläufig. „Über 1000 Teilnehmer hatten wir zuletzt vor zehn Jahren. Die letzten Jahre hat sich die Zahl um 400 eingependelt“, weiß Johannes Büttner, Pressesprecher der Großveranstaltung. Es habe schon immer mehr Halbmarathon- als Marathonläufer gegeben. „Aber früher lag das Verhältnis bei zwei zu eins, heute sind wir eher bei drei bis vier Halbmarathonis pro Marathoni.“

    Marathontraining zu zeitaufwendig

    Hat der „Mythos Marathon“ also seinen Zauber verloren? Nein, sagt Leo Pototzky. Es hätten sich vielmehr die Lebensumstände geändert, so der Leiter der Laufabteilung des RV Viktoria Wombach. In seinem Verein hat er verschiedene „Typen“ von Läufern identifiziert: Da seien zum Beispiel viele Hobbyläufer, die regelmäßig und am liebsten in der Gruppe laufen. „Die können locker einen Halbmarathon laufen, haben aber überwiegend keine Lust auf Wettkämpfe“, sagt er. Die langen Trainingsläufe, die man für einen Marathon einplanen müsse, seien dieser Gruppe zu zeitaufwendig.

    Außerdem gebe es eine kleine Gruppe von „Ambitionierten“, die zu Wettkämpfen gehe. Aber auch von denen liefen nur sehr wenige Marathon: „Entweder fehlt die Zeit für die Vorbereitung, oder die Knochen machen nicht mehr so gut mit.“ Auch hier scheitert es also am hohen Zeitaufwand, den das Training erfordert.

    Marathon ist keine Herausforderung mehr

    Die dritte Gruppe, die Pototzky unter den Lohrer Läufern identifiziert hat, nennt er die „Spitzenathleten“. Die schafften einen Ironman-Triathlon unter zehn Stunden, also 3,86 Kilometer schwimmen, 180,2 Kilometer Rad fahren und einen Marathon laufen. „Diese Sportler interessieren sich nur für die ganz großen Dinge“, so Pototzky.

    Sebastian Apfelbacher läuft bei der TG Kitzingen, aber er passt wohl auch in diese Gruppe der Wombacher Spitzenathleten. Als Jugendlicher kam er vom Radsport zum Laufen, lief damals seinen ersten Marathon. Nach einigen Jahren Pause fing er dann mit 30 Jahren wieder ernsthaft mit dem Laufsport an. „Damals hat es ungefähr drei Monate gedauert, bis ich wieder bei einem Marathon angetreten bin,“, sagt er. Mittlerweile läuft er die Distanz regelmäßig „zu Trainingszwecken“ unter drei Stunden. Die „Königsstrecke“ ist für ihn damit längst keine Herausforderung mehr, etwa 90 Marathons hat er bisher als Wettkampf bestritten.

    „Mann mit dem Hammer“ bleibt bei Halbmarathon aus

    Er kann nachvollziehen, dass viele Hobbyläufer nur bis zum Halbmarathon trainieren. „Trainingsläufe für den Halbmarathon müssen nur etwa 15 bis 18 Kilometer lang sein“, erklärt er. „Richtig weh tut es erst ab Kilometer 25 bis 30.“ Dann sind oft die Kohlenhydratreserven im Körper aufgebraucht und der Fettstoffwechsel wird aktiviert. Das führt oft zu einem erheblichen Leistungseinbruch: „Der Mann mit dem Hammer“ habe sie um ihre Bestzeit gebracht, klagen Läufer dann.

    Einmal Marathon unter zweieinhalb Stunden laufen, das wäre noch ein Ziel für Apfelbacher. Seine aktuelle Bestzeit liegt bei zwei Stunden und 36 Minuten. Ansonsten hat der 39-Jährige sich einer anderen Disziplin zugewandt: dem Ultramarathon. So bezeichnet man alle Läufe, die über die Marathondistanz von 42,195 Kilometer hinausgehen. „Etwa ein Jahr nach meinem Wiedereinstieg in den Sport bin ich schon beim Rennsteiglauf angetreten, 72,7 Kilometer im Thüringer Wald von Eisenach nach Schmiedefeld,“ erzählt Apfelbacher. Einen großen Traum hat er sich im vergangen Jahr mit dem „Transalpine Run“ erfüllt. Wie der Name vermuten lässt, führt dieser Lauf über die Alpen, 270 Kilometer an sieben Tagen, dazu 15 000 Meter Anstieg.

    Der Nachwuchs für den Marathon fehlt

    Die Laufgemeinschaft (LG) Würzburg ist seit 2010 Förderstützpunkt der Deutschen Ultramarathon Vereinigung (DUV). „Ultra-Läufer sind oft erfahren und haben ihre Marathon-Karriere schon hinter sich“, weiß LG-Vorsitzender Christoph Hoffmann. Diese Leute ziehe es auch mehr in die Natur und raus aus der Stadt; sie liefen für den Spaß und nicht für die Bestzeit. Was den Marathon angeht, fehle ein wenig der Nachwuchs: „Junge Leute, die Bestzeiten jagen wollen, kommen weniger nach“, berichtet er aus seinem Verein. „Jeder will mal einen Marathon gelaufen sein, so scheint es mir – aber niemand ist bereit, sich dafür im Training zu schinden.“

    Eventcharakter zieht immer noch

    Die großen Läufe in Boston oder London sind nach wie vor schnell ausverkauft. Über 50 000 Teilnehmer gingen beim größten Marathon der Welt 2017 in New York an den Start. „Der Eventcharakter ist da eben viel höher“, so Hoffmann. Das sieht Sebastian Apfelbacher genauso: „In New York läuft man nicht für die Bestzeit, sondern um die Atmosphäre zu genießen.“ Gleichzeitig sei man aber auch nur einer unter sehr vielen Läufern.

    Auch der Berlin-Marathon sei immer ausgebucht, in Frankfurt und Hamburg seien die Teilnehmerzahlen in den letzten Jahren konstant, so Johannes Büttner, Sprecher des iWelt-Marathons. „Andere Läufe von der Größe unseres Marathons klagen aber genau wie wir über weniger Interesse.“

    Die „Frauenquote“ hat sich beim iWelt-Marathon seit 2011 konstant bei knapp 20 Prozent eingependelt. Das sehe bei vergleichbaren Läufen ähnlich aus, so Büttner. „Prozentual spürbar mehr weibliche Teilnehmerinnen haben nur die ganz großen Veranstaltungen, allen voran Berlin“, weiß er. „Der Trend zu den großen Läufen scheint also bei Frauen noch ausgeprägter zu sein als bei Männern“, lautet seine Schlussfolgerung. Ein anderer Grund könnten die vielerorts veranstalteten Frauenläufe sein, die in den letzten Jahren boomen.

    Den Würzburger Marathon wegen zu geringer Teilnehmerzahlen abzusagen, steht derzeit jedoch nicht zur Debatte. „Dadurch, dass beim Marathon und beim Halbmarathon die Strecke und Start und Ziel gleich sind, sind die Mehrkosten für den Marathon vergleichsweise gering,“ sagt Büttner. „Außerdem erleichtert der Marathon die Suche nach Sponsoren.“ Und wer weiß, ob sich der Trend nicht langfristig auch wieder ändert.

    Mythos Marathon – so ist er entstanden:

    Die Legende beginnt im Jahr 490 vor Christus. In Marathon stand das griechische Heer einer überlegenen persischen Armee gegenüber. Der Läufer Pheidippides wurde 250 Kilometer nach Sparta geschickt, um dort Hilfe zu holen. Die Spartaner sagten zu und schickten Pheidippides voraus, um sie anzukündigen. In der Zwischenzeit hatten die Athener die Schlacht aber überraschend gewonnen. Pheidippides wurde also nach Athen gesandt, um den Sieg zu verkünden. Er lief die rund 40 Kilometer, überbrachte seine Botschaft – und fiel sogleich tot um, so die Legende.

    Der erste Neuzeit-Marathon fand 1896 statt, bei den ersten Olympischen Spielen. 19 Läufer traten damals auf der „historischen“ 40-km-Strecke von Marathon nach Athen an. Bei den Spielen 1908 in London bekam der Lauf endgültig seine heutige Länge: Das Königshaus wünschte, dass der Lauf an Windsor Castle beginnen und vor der royalen Loge im Olympiastadion enden möge – so kamen 42,195 Kilometer zusammen. Der Internationale Leichtathletikverband legte diese Distanz 1921 als offizielle Marathonstrecke fest. (ins)

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!