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    OELLINGEN

    Sauberer Graben – tote Natur?

    Das Rehkitz, das wie schlafend in einem Graben nahe des Gelchsheimer Ortsteils Oellingen liegt, ist tot. Wie die Verletzungen deutlich zeigen, ist das einige Wochen alte Tierchen Opfer einer Mulchaktion geworden. Das ist kein Einzelfall und wirft die Frage auf: Welchen Sinn haben diese Säuberungskationen in einer Flur, in der sich weder auf den abgeernteten Flächen noch auf den Mais-und Rübenfeldern Unterschlupf und Nahrung für Rehe und Hasen finden lassen?

    Auf die Frage weiß auch Bürgermeister Hermann Geßner keine Antwort. Wie er auf Anfrage erklärt, befindet sich der Graben, der kein Wasser führt, im Besitz der Gemeinde. Und die gibt, wie er sagt, nie den Auftrag zum Mulchen. Nach Geßners Worten übernehmen das immer die Landwirte. „Die nehmen damit der Gemeinde die Arbeit ab“, betont er mit dem Hinweis, dass schon früher die Bauern die Gräben gemäht und das Gras als Viehfutter genutzt haben.

    Häufig wird eine gemulchte Fläche oder auch ein Graben wohl als „ordentlich und sauber“ angesehen. Doch bringen solche Aktionen bisweilen nicht nur dort versteckt liegenden Rehkitzen den Tod. Die Artenvielfalt auf den „ungesäuberten“ Flächen mit unzähligen Insekten, Bienen und Schmetterlingen und oft in voller Blüte stehenden Pflanzen wird durch das Mulchen vernichtet.

    Gerhard Klingler, Vorsitzender der Kreisgruppe Ochsenfurt und Vorsitzender des Ausschusses Niederwild des Bayerischen Jagdverbands (BJV), teilte auf Anfrage folgendes mit: „Grabenböschungen sind wertvolle Ersatzbiotope und üben auf das heimische Niederwild, zu dem auch Rehe gehören, eine große Attraktivität aus.“ Das Überleben von Junghasen scheine in den ersten Wochen vor allem davon abzuhängen, wie viel Saum- und Grenzstrukturen in ihrem Einstand vorhanden sind. Ein hoher Kräuter- und Kleeanteil verbessere das Allgemeinbefinden von Meister Lampe und vermindere gleichzeitig seine Anfälligkeit gegen Krankheiten.

    „Wildkräuter können besonders im Hochsommer auch wertvolle Trachtpflanzen für Bienen, Hummeln und seltene Schmetterlinge darstellen“, so Klingler weiter. „Pflegeschnitte an Grabenböschungen und Wegrändern sollten immer einseitig im jährlichen Wechsel oder nur abschnittsweise erfolgen. Mehrjährige Problemunkräuter haben so keine Chance. Diese Pflegemaßnahmen können ab Ende Juli erfolgen. Durch vorheriges Absuchen können Wildtierverluste vermindert werden. Außerdem bleiben für die Federwildarten strukturierte Rückzugsflächen, Unterschlupf, Deckung und wertvolle Körneräsung im Winter erhalten.“

    Für Landwirtschaftsdirektor Heiko Lukas vom Würzburger Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ist es „schon gut, dass in dem Graben ein Lebensraum entstanden und bis jetzt erhalten geblieben ist“. Wie er erklärt, liege die Problematik beim Mulchen in der Frage, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist. „Ein Graben muss sauber gehalten werden, damit seine Funktion erhalten bleibt“, sagt Lukas. Beim Mulchen, für das es keine rechtlichen Vorgaben gibt, wann und wie oft die Geräte zum Einsatz kommen, würde zu allen Jahreszeiten der Lebensraum von irgendwelchen Tieren zerstört.

    Allgemein gängig und auch empfehlenswert sei es, die Gräben einmal jährlich zu putzen, doch rät Lukas, ebenso wie Gerhard Klingler, den Landwirten dazu, die Flächen entlang des Grabens jeweils wechselseitig zu mähen. Bei dieser Methode bleibe laut Lukas die Funktion der Gräben ebenso erhalten wie ein Teil des von der Natur selbst geschaffenen Lebensraumes für Pflanzen und Tiere.

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