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    Würzburg

    Schillers “Räuber”: Extremgefühle auf der Umwelt-Bastion

    Miro Nieselt als Räuberhauptmann, dann nach rechts hin Marcus Füller, Mareike Karn, Mascha Eckert, Julian Sturz, Michael Blankenburg. Foto: Markus Rakowsky

    Das "1. Würzburger Theaterfestival" legte am Samstagabend einen fulminanten Start hin: Die Theaterwerkstatt spielte auf der Umwelt-Bastion über dem Kneipp-Garten Friedrich Schillers Debüt "Die Räuber". Das Theater am Neunerplatz hatte die Kollegen der anderen Privatbühnen eingeladen, diese weitläufige und einigermaßen lärmgeschützte Wiese im Landesgarten von 1990 als "Forum für Koproduktionen und Gastspiele zu benutzen" – so Sven Höhnke, der Leiter des Theaters am Neunerplatz.

    Intrigen und Treueschwüre prägen das Programm mit seinen sieben Punkten: Schiller hat sein Sturm- und Drang-Drama extrem bühnenwirksam gebaut und in einer klugen Inszenierung läuft es bis Juli insgesamt 16 mal auf der nach drei Jahren Baustellenpause endlich wieder bespielbaren Bastion über der Umweltstation der Stadt.

    Spieler überzeugen

    Regisseur Thomas Lazarus bekennt sich zu Schillers Pathos: Die Figuren "berauschen sich an ihrer eigenen Rede, sie radikalisieren sich mittels ihrer Sprache…". Diese Interpretation hängt die Latte hoch. Denn die Schauspieler müssen den Text wirklich beherrschen, damit die Figuren sich von ihm beherrschen lassen können. Alle 13 Spieler schaffen das mit Bravour, voran Konstantin Wappler als Franz und Miro Nieselt als Karl Moor, dicht gefolgt von der Räuberbande, die auch zwei Mitarbeiterinnen aufgenommen hat.

    Das Ensemble beweist: Man darf auf der Bühne sehr wohl schreien, man muss nur Gründe dafür haben und die Grenzen genau kennen. Mit diesem Ton gelingt Konstantin Wappler ein beängstigender Intrigant, Nieselt ein Räuberhauptmann, dessen Freiheitsfanatismus nebst der unschönen Konsequenzen trotz aller Überspanntheit auch dem heutigen Publikum nachvollziehbar wird.

    Kleine Band auf der Bühne

    Dabei hat Lazarus nur behutsam modernisiert. Die Spieldauer halbierte er vor allem durch Kürzen oder Weglassen langer Monologe; es bleiben mit einer kurzen Pause immerhin noch zweieinhalb Stunden. So schuf er Platz für ein halbes Dutzend Songs, unter anderem einen von Rammstein in ungewohnt dezenter Interpretation; es spielt eine kleine Band auf der Bühne, die spartanisch funktional eingerichtet wurde. Das Stichwort "tintenkleksendes Säculum" wird in einer rabiaten Schnell-Einstimmung des Publikums zum Satz: "Und dann kriegen sie Heulkrämpfe, wenn man ihnen das Wlan abstellt." Anschließend bleibt der Text aber bei Schiller. Statt "gute Idee" heißt es: "Der Gedanke verdient Vergötterung" – und man glaubt dem Sprecher.

    Der Technokrat des Bösen erschüttert seinen Vater: Konstantin Wappler (rechts) und Uwe Bergfelder. Foto: Joachim Fildhaut

    Neben die Brüder-Darsteller könnte man Michael Wagner stellen. Als Spiegelberg gibt er ein Pendant zu Franz Moor ab, beide sind Technokraten des Bösen. Allerdings begegnen sie sich nie. Schließlich hat Schiller die Figur des Spiegelberg als Gegenpol zu Karl Moor angelegt. Unterm Strich: Es geht um extrem starke Gefühle, und die vermittelt die spielfreudige Schar mit der Kraft einer genauen Regie.

    Aufgeräumte Regierarbeit

    Die Handlung verlagert sich von der Schlossintrige auf die Räuberbande, die aber den Grafensitz infiltriert und die Intrige aufdeckt. Die Inszenierung arbeitet die sinnig geschlossene Form dieses Brachialstücks heraus. Es gibt hier und da sogar was zu lachen, vor allem aber zu staunen, etwa wie die durchgerockte Räuberbande ihre Nummern auch deshalb durchzieht, um das gesamte Energie-Niveau der Inszenierung noch um ein paar Grad zu heben. Die Performances haben ihren Platz in einer aufgeräumten Regiearbeit. Sie unterhalten und sind witzig, wenn etwa Johannes Krusches Figur Roller stirbt und der Schauspieler seinen Platz hinter der Bassgitarre einnimmt. Das zahlreich herbeigeströmte Premierenpublikum war zu Recht begeistert.

    Update: In einer früheren Version des Artikels hat unser Autor Sven Höhnke als "Neunerplatzwart" bezeichnet. Das ist nicht richtig. Sven Höhnke ist der Leiter des Theaters am Neunerpatz.

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