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    Würzburg

    "Schön wäre, nicht über Antisemitismus sprechen zu müssen"

    Hielt einen Vortrag im Burkadushaus: Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Foto: Angie Wolf

    Über positive Entwicklungen jüdischen Lebens in Deutschland mit Fokus auf Würzburg und Unterfranken sollte Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, am Dienstagabend im Burkardushaus referieren. Der Schwerpunkt des Abends lag jedoch klar auf den vielfältigen Formen des Antisemitismus mit den Juden in Deutschland tagtäglich konfrontiert sind.

    "Antisemitismus tritt immer unverhohlener auf, es verschiebt sich etwas in Deutschland", erklärte Rainer Dvorak, Direktor der Domschule Würzburg. Damit nahm er die Antwort auf die Frage, die er an Schuster stellte, fast schon vorweg. Die lautete, wie es denn nun eigentlich um jüdisches Leben in Deutschland stehe.

    Vielfalt jüdischen Lebens  

    Jüdisches Leben in Deutschland sei vielfältig, sagte Schuster. Dies sei vor allem der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in den 90er Jahren zu verdanken. Etwa eine Generation habe es gedauert, diese Zuwanderer zu integrieren. Eine ähnliche Herausforderung sei es nun für Deutschland, die hier lebenden Flüchtlinge zu integrieren. Leider hätten viele von ihnen ein antisemitisches Weltbild. Dies mache das Leben für Juden in Deutschland nicht einfacher, so der Präsident des Zentralrates.

    "Es wäre schön, heute nicht über Antisemitismus sprechen zu müssen", seufzte er. Neben muslimischem Antisemitismus würde Judenhass von rechts in den letzten Jahren starken Aufwind erfahren und immer unverschämter geäußert werden. Ein Beispiel hierfür sei die AfD mit ihren Mitgliedern, die den Nationalsozialismus lediglich als "Vogelschiss der Geschichte" abtun würden. Auch Antisemitismus von links sei im Aufwind. Judenfeindschaft getarnt als "Israelkritik" sei hier fast schon Gesellschaftssport geworden, auch kirchliche Gruppen seien nicht ausgenommen. Spürbar werde das etwa an Schulen, wo das Wort "Jude" schon seit einiger Zeit wieder als Schimpfwort diene.

    Schuster begrüßt Stolperstein-Projekt

    Es sei jedoch nicht alles schlecht, die deutsche Gesellschaft durchlaufe auch eine positive Entwicklung. So seien in München 5000 Menschen gegen den Einzug der AfD in den bayerischen Landtag auf die Straße gegangen. Vertreter der Kirchen in Würzburg hätten glaubwürdig Kante gegen kirchlichen Antisemitismus gezeigt. Er begrüße Initiativen wie das Stolpersteinprojekt des Künstlers Gunter Demnig. Manchmal stehe er in Würzburg vor dem Kaufhof und beobachte, wie Passanten vor den dort verlegten Steinen innehielten und nachdachten, erzählte Schuster.

    Trotzdem gehe eine große Verunsicherung durch die jüdische Gemeinde in Deutschland, der Gedanke des Auswanderns schleiche sich wieder in die Köpfe. "Wir sitzen zwar noch nicht auf gepackten Koffern, aber einige von uns haben schon nachgeschaut, wo die Koffer stehen und ob sie noch funktionstüchtig sind", versinnbildlichte Schuster die aktuelle Situation.

    "Fokus Religionen" nennt sich die ökumenische Veranstaltungsreihe, in deren Rahmen der Vortrag stattfand. Die Kooperation der Domschule Würzburg, des Rudolf-Alexander-Schröder-Hauses und des Referats Interreligiöser Dialog und Weltanschauungsfragen der Diözese Würzburg möchte Begegnungen schaffen und Informationen vermitteln.

    Aspekte der Begegnung

    Schuster bemühte sich, den Aspekt der Begegnung und der Information nicht zu kurz kommen zu lassen. Auf die zahlreichen Fragen der rund 150 Besucher antwortete er ausführlich. Woher kirchlicher Antisemitismus komme, wollte ein Teilnehmer wissen. Schuster erklärte dies mit der Entstehungsgeschichte des neuen Testaments. Wie es komme, dass das ultraorthodoxe Judentum so großen Zulauf in Israel erfahre, wollte ein anderer wissen. Dies sei kein Zulauf, sondern ließe sich durch die hohe Geburtenrate unter strenggläubigen Juden erklären, entgegnete Schuster.

    Ein weiterer Besucher schlug wiederum den Bogen zur Gegenwart und zum eigentlichen Thema des Abends. Er wollte wissen, wie denn die Stellung der jüdischen Gemeinde in der heutigen Gesellschaft sei? Die Zuwanderung der 90er Jahre sei ein kleines Wunder gewesen, entgegnete Schuster nach kurzem Nachdenken. Die Selbstverständlichkeit, mit dem das Judentum in die heutige Gesellschaft integriert sei, sei trotz verstärktem Antisemitismus beachtlich.

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