• aktualisiert:

    WÜRZBURG

    Selbst aktiv werden für die Integration

    Die Gruppe des Jahres 2018 feiert ihren Abschluss. Sie sind jetzt ehrenamtliche Integrationsbegleiter. Foto: Saeid Herawy

    Wie den Schlussstein einer Bogenbrücke zwischen Kulturen sieht Basel Asideh die Jugendintegrationsbegleiterinnen und -begleiter (Jib). Der Syrer ist inzwischen Trainer bei dem bayernweiten Projekt des unterfränkischen Bezirksjugendrings, das jungen Menschen aus anderen Kulturen beim Ankommen helfen möchte.

    Götz Kolle von der Fachstelle Jugendarbeit in der Migrationsgesellschaft des Bezirksjugendrings findet dabei eine Tatsache besonders spannend: Eigentlich sollen die Jugendintegrationsbegleiter unter anderem zwischen Migrantinnen und Migranten, die Hilfe suchen, und Organisationen, die Hilfe anbieten, vermitteln. Doch in der Praxis sei die Begleitung, beispielsweise zu Ämtern, kaum gefragt. Vielmehr bringe das Projekt Geflüchtete in die Jugendarbeit.

    Und das hat erstaunliche Konsequenzen. In den Ausbildungsgruppen der Jugendintegrationsbegleiter treffen viele Kulturen aufeinander. Allein die Auseinandersetzung damit helfe den jungen Leuten, sich mit ihrer eigenen Identität zu befassen, sagt Götz Kolle. Das weite den Blick auf die unterschiedlichsten Themen und helfe so auch, im neuen Lebensumfeld Fuß zu fassen. Kolle vergleicht die Erfahrung mit der, die Jugendliche bei einem Auslandsjahr machen können.

    Vom Teilnehmer zum Trainer

    Auf jeden Fall stärkt das Ehrenamt die Beteiligten. „Die Idee mithilfe von diesem Projekt eine aktive Rolle in Gesellschaft übernehmen, hat mich sehr inspiriert“, so Basel Asideh, der zunächst Teilnehmer war und später die Trainerrolle übernahm. Dieser Aspekt ist auch Mohammed Khir Karssli wichtig. Er habe erlebt, „wie sich so viele Deutsche die Mühe machen, den neu angekommenen Menschen zu helfen“. Ihm sei bewusst geworden, wie wichtig es sei, „dass auch die geflüchteten Menschen selber aktiv werden, damit sich die beiden Gruppen näherkommen“, sagt der Syrer.

    Während ihres Engagements erführen die jungen Menschen persönliches Wachstum durch den Austausch mit anderen Ehrenamtlichen und Geflüchteten, heißt es in einer Untersuchung im Rahmen des Masterstudiengangs „International Social Work with Refugees and Migrants“ an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.

    „Durch die ehrenamtliche Tätigkeit können die Jugendlichen zudem soziale Netzwerke aufbauen und Freundschaften schließen, die sie bei der Arbeitsplatzsuche und gesellschaftlichen Teilhabe unterstützen“, heißt es dort weiter. Wichtig seien unter anderem Fortbildungen, um die Fähigkeit der Jugendlichen zur Selbstfürsorge zu unterstützen, fand die Forschungsgruppe der Hochschule heraus. Und genau diese Fortbildung schafft das Projekt Jugendintegrationsbegleiter.

    Viele Geflüchtete, die sich beim Projekt des Bezirksjugendrings einsetzen, knüpften an Erfahrungen mit sozialem Engagement im Heimatland an. So erzählt Götz Kolle von einem Syrer, der in der Heimat bei der Hilfsorganisation Roter Halbmond mitarbeitete und in Deutschland über den Malteser-Hilfsdienst Kontakt zum Bezirksjugendring bekam. Ein anderer initiierte nach der Ankunft in Bayern ein musikalisches Integrationsprojekt und kam darüber mit der Aktion Jugendintegrationsbegleiter in Kontakt.

    Sobald sie sich in der neuen Umgebung etwas auskennen und die Sprache besser können, übernähmen Migrantinnen und Migranten Vermittlerpositionen, beobachtete Kolle. „Das hilft ihnen auch selbst, nicht mehr nur hilfsbedürftig zu sein.“

    Und manchen hat das Projekt Jugendintegrationsbegleiter dazu motiviert, beruflich in der Richtung weiterzumachen. Basel Asideh beispielsweise studiert nun Soziale Arbeit. „Dank Jib habe ich mich sowohl beruflich als auch persönlich weiterentwickelt“, sagt er.

    Der Syrer spricht einen weiteren Pluspunkt der Maßnahme an: „Das Projekt ist meiner Meinung nach wie ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft, worin man sich sehr gut entwickeln kann, wenn man Interesse und die richtige Unterstützung hat.“

    Jugendintegrationsbegleiter/innen

    Der Fortbildungskurs zum Jugendintegrationsbegleiter des Bayerischen Jugendrings richtet sich an junge Leute mit Flucht- oder Migrationserfahrung, die ein Interesse daran haben, Integrationsprozesse in der Jugendarbeit zu begleiten und ihre eigene Expertise einzubringen. Das Ziel: Junge Migranten, sollen sich in die Gesellschaft integrieren, indem sie das machen, was sie wirklich interessiert. In Kooperation mit der Jugendbildungsstätte Unterfranken in Würzburg und dem Kreisjugendring München-Land wurden erstmals 2017 in Würzburg und München Inhalte aus den Bereichen Bildung, Psychologie, Kommunikation, soziale Arbeit und Recht vermittelt. Zudem gibt es Unterstützung bei der Planung konkreter Projekte und wichtige Kontakte in die bayerische Jugendarbeit. Der Rahmen ist das Aktionsprogramm „Flüchtlinge werden Freunde“. Dessen Motto lautet „Miteinander reden, nicht übereinander“. Integration bedeutet nicht einseitige Anpassung von Zugewanderten an die deutsche Gesellschaft, sondern ist ein Prozess der Annäherung beider Seiten, sind die Organisatoren überzeugt. Damit das auch in der Jugendarbeit gelingen kann, brauchen sowohl zugewanderte Jugendliche als auch Organisationen der Jugendarbeit eine kompetent beratende Begleitung, sind sie überzeugt. Im besten Fall durch Menschen, die aus eigener Erfahrung beide Seiten kennen. Denn sie kennen die Bedürfnisse zugewanderter Menschen sowie die Erwartungen und Haltungen, mit denen sie im Kontakt mit der Aufnahmegesellschaft konfrontiert werden. (bjr/san)

    Weitere Artikel
    Fotos

      Kommentare (0)

        Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!