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    Würzburg

    Sinn & Religion: Alles hat seine Zeit

    Dr. Josef Schuster in seiner Praxis an der Würzburger Juliuspromenade im Gespräch mit Michael Czygan am 25. Oktober 2018 Foto: Dita Vollmond

    Wir nähern uns einer sehr beliebten Phase im Jahr. Ich spreche nicht von Weihnachten, sondern von den Tagen „zwischen den Jahren“. Es sind die Tage, an denen viele Menschen nicht zur Arbeit müssen, an denen viele Institutionen und auch Arztpraxen geschlossen haben, an denen all jene, die an Weihnachten kaum wussten, wie sie ihren familiären Verpflichtungen nachkommen sollten, endlich zur Ruhe kommen. „Zwischen den Jahren“ gehen die Uhren etwas langsamer.

    Das ist in der jüdischen Gemeinschaft nicht anders. Schon die Weihnachtstage sind für uns erholsam, weil das öffentliche Leben still steht und wir keinerlei Verpflichtungen haben. Und dieses entspannte Dasein setzt sich dann in der letzten Dezemberwoche fort.

    Auch der Jahreswechsel könnte uns eigentlich völlig kalt lassen. Denn nach dem jüdischen Kalender sind wir bereits im Oktober ins neue Jahr gestartet. Wir leben eigentlich in zwei Zeiten: Für unsere religiöses Leben ist der jüdische Kalender ausschlaggebend. Danach befinden wir uns jetzt im Jahr 5780. Denn die Jahreszählung orientiert sich an der Schöpfung der Welt, die nach jüdischer Überlieferung im Jahr 3761 vor der Zeit stattgefunden hat (wir Juden sprechen aus nachvollziehbaren Gründen nicht von „vor Christi“ und „nach Christi“).

    Die jüdischen Feiertage richten sich ebenfalls nach dem jüdischen Kalender. Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest, fällt immer in den September oder Oktober. Das Pessach-Fest liegt in zeitlicher Nähe zu Ostern. Und Chanukka fällt meistens in den Advent. Auch den Todestag eines Angehörigen, die Jahrzeit, begehen wir nach dem jüdischen Kalender.

    Die andere Zeit, in der wir leben, ist der gregorianische Kalender, der praktisch auf der ganzen Welt angewandt wird. Das passt nicht immer zusammen. Oft lässt sich aber auch das Beste aus beiden Zeiten mitnehmen.

    Vielleicht wirkt dieses Festhalten an unserem uralten Kalender auf Manche verschroben. Wie aus der Zeit gefallen. Mir ist dieses Aus-der-Zeit-Fallen wichtig. Unser Kalender ist kein Terminkalender, sondern Ausdruck unserer jüdischen Lebensweise. Wir haben auch dadurch nicht nur Traditionen, sondern unsere religiöse Überzeugung über Jahrtausende bewahrt.

    Dieses Bewahren wird in unserer globalisierten Gesellschaft immer schwieriger. Schon macht Halloween Martinsumzügen und dem Reformationstag Konkurrenz. Plötzlich werden Truthähne zu Thanksgiving angeboten. Und der Weihnachtsmann kommt im roten Coca-Cola-Truck und wirft die Geschenke durch den Kamin. Alles, was den Konsum weiter ankurbelt, kommt gerade recht. Traditionen werden beiseite gewischt.

    Da ist es hilfreich, einen Kalender in der Tasche zu haben, der seit mehr als 5000 Jahren Bestand hat. Und es hilft auch, sich an alte Texte zu erinnern, die Juden und Christen teilen, wie das Buch Kohelet, in dem es heißt: Alles hat seine bestimmte Zeit, und ihre Zeit hat jegliche Angelegenheit unter dem Himmel. Eine Zeit hat Weinen und eine Zeit Lachen; eine Zeit ist des Klagens und Zeit des Tanzens.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schöne Tage „zwischen den Jahren“ und einen guten Jahreswechsel!

    Der Autor Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

    Josef Schuster

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