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    Würzburg

    Sinn & Religion: Ein neuer Lebensstil

    Der Monat September beginnt mit dem Weltgebetstag für die Schöpfung, der in diesem Jahr vom 80-jährigen Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges überschattet wurde. Mit diesem Weltgebetstag verbindet sich eine etwa fünfwöchige Zeit des Besinnens bis zum Gedenktag des Heiligen Franziskus am 4. Oktober. Noch stehen wir in diesem Zeitraum.

    Auch der Weltklimagipfel fand im September statt. Viele junge Menschen mahnen uns, dass sich etwas im Umgang mit der Umwelt ändern muss. Ich selbst nenne sie lieber „Schöpfung“. Dieses Wort weckt in mir das Bewusstsein, dass der Mensch sich einmal vor Gott verantworten muss. Denn scheinbar vermögen es andere Verantwortlichkeiten (etwa der zukünftigen Generation gegenüber) nicht, den Eigennutz Einzelner oder bestimmter Gruppen Einhalt zu gebieten.

    Schon in seiner Enzyklika „Laudato si“ aus dem Jahr 2015 hat Papst Franziskus geschrieben: „Wir wissen sehr wohl, dass es unmöglich ist, das gegenwärtige Konsumniveau der am meisten entwickelten Länder und der reichsten Gesellschaftsschichten aufrecht zu erhalten, wo die Gewohnheit, zu verbrauchen und wegzuwerfen, eine nie dagewesene Stufe erreicht hat“ (Laudato si 27). Er fügte dann den Gedanken an, dass dieser Lebensstil nicht auf die ganze Welt ausgedehnt werden kann – etwa im Sinne eines gleichen Rechtes aller Menschen weltweit –, da die Ressourcen der Erde dies nicht ermöglichen können. Im Sinne einer weltweiten Gleichbehandlung, in der es keine Verarmung und Marginalisierung großer Bevölkerungsteile mehr geben sollte, braucht es deshalb einen neuen Lebensstil, besonders in den Industrieländern, auch bei uns in Deutschland.

    In der Botschaft zum diesjährigen Weltgebetstag schreibt der Papst: „Dies ist die Zeit, um über unsere Lebensstile nachzudenken und darüber, wie unsere täglichen Entscheidungen, was Speisen, Konsum, Fahrten, Wasser- und Energieverbrauch sowie die Nutzung von vielen Gütern betrifft, oft unbesonnen und schädlich sind. (…) Entscheiden wir uns zur Veränderung, zur Annahme von einfachen und respektvollen Lebensstilen!“ (Osservatore romano, deutsch, vom 6. September 2019, S. 7)

    Die Lösung kann also nicht allein auf der Umstellung von fossilen auf erneuerbaren Energiequellen bestehen. Mir fehlt da, genauso wie dem Papst, der „neue“ Lebensstil. Energie muss gewonnen werden. Für Elektromobilität werden riesige Mengen von Batterien gebraucht, deren Herstellung ebenfalls die Umwelt belastet. Es braucht einen Verzicht auf Autofahren. Wo lasse ich eine unnötige Fahrt sein? Wo schließen wir uns zu Fahrgemeinschaften zusammen? Wann gebrauche ich die öffentlichen Verkehrsmittel und nehme auch einmal Wartezeiten in Kauf?

    Es ist schön, dass mit dem Volksbegehren die Artenvielfalt wieder in den Blick gekommen ist. Aber das Falsche erkennt man daran, wenn nur die anderen (etwa Landwirte, Kommunen oder die Politik) es machen sollen. Jeder Hausbesitzer und viele Mieter können etwas dafür tun: Blumenbeete statt Rasenflächen oder noch schlimmer die Steinwüsten. Oft werden Bäume gefällt und keine neuen gesetzt, weil einem im Herbst das Laubrechen lästig ist. Gerade Obstbäume sind ein Segen für die Artenvielfalt. Essen wir doch einen nicht gespritzten Apfel, der nicht glänzt und auch noch Runzeln hat. Tun wir dies im Wissen, dass er viel gesünder ist, gerade auch deshalb, weil sich in ihm noch ein Wurm findet.

    Fangen wir doch gemeinsam mit einem neuen Lebensstil an, dem einfachen und respektvollen. Er wird uns sicher etwas von unserer Bequemlichkeit kosten. Aber er lohnt sich!

    Helmut Rügamer, Pfarrer

    Helmut Rügamer

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