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    Würzburg

    Sinn & Religion: Kommt Zeit, kommt Advent

    Pfarrer Matthias Lotz
    Pfarrer Matthias Lotz Foto: Matthias Lotz

    Vor einigen Jahren bin ich im Advent auf ein Bild gestoßen, das mich auf den ersten Blick etwas irritiert hat. Auf dem Foto waren auf einem Weihnachtsmarkt Menschen im Osterhasenkostüm zu sehen. Um den Hals hatten sie sich ein Plakat gehängt mit der Aufschrift: „Kommt Zeit, kommt Advent - Alles hat seine Zeit!“ Es handelte sich um eine Aktion der Initiative „Advent ist im Dezember“ der evangelischen Kirche, die auf provozierende Art darauf aufmerksam machte, dass jedes Fest seine Zeit hat.

    Dass diese Zeit mittlerweile bereits im September beginnt, zumindest wenn es nach den Händlern geht, bereitet nicht nur Christen Unbehagen. Hinter diesem Unwillen steht eine kulturelle Ur-Erfahrung der Menschheit: Feste haben ihre Zeit. Sie gliedern das Jahr, und nichts ist so langweilig wie eine ewige Feier, weil das Jahr dann keine Höhepunkte mehr hat. Es wäre ein wirklicher Verlust, wenn unsere Gesellschaft dieses Gespür für Feste und Zeiten verlieren würde. Ein Stück Lebensqualität und kultureller Prägung steht in Gefahr. Darin zeigt sich so etwas wie ein gemeinsames Anliegen von Christen und Nichtchristen. Denn auch Nichtchristen ist die Zeit vor Weihnachten wichtig. Die Dunkelheit und die Kälte schaffen eine besondere Stimmung und Atmosphäre. Die Zeit gilt als heimelig und gemütlich. Und es ist die Zeit, in der man – tatsächlich – auf das Weihnachtsfest zugeht, auch wenn der christliche Sinn des Festes vielen eher verborgen bleibt.

    Auf absehbare Zeit wird es allerdings  nicht gelingen, diesen Trend aufzuhalten oder ihn vielleicht sogar umzukehren. Dass immer mehr Bundesländer Adventssonntage als verkaufsoffen erklären, ist da gewiss keine Hilfe. Wir sollten das Jammern einstellen (auch Ostern übrigens beginnt in den Geschäften fast immer vor der Passionszeit – und keine Kirche mahnt). Es gibt nur ein Mittel gegen das Verschieben der Zeiten: nicht mitmachen, die Adventszeit erst mit dem ersten Advent zu beginnen; nicht schon im September Lebkuchen kaufen oder am Adventssonntag einen Einkaufsbummel unternehmen. Doch am hilfreichsten ist es noch, wenn der Advent wirklich als Advent gefeiert wird.

    Gelegenheit dazu geben adventliche Konzerte oder auch der Besuch eines anheimelnden Weihnachtsmarktes mit seinem Lichterglanz und den Glühweinständen – warum nicht. Vor allem aber kann die bewusste Pflege von Adventsbräuchen in der Familie den Advent zu einer besonderen Zeit machen, ebenso wie die adventlichen Gottesdienste in den Kirchen, bei denen das morgendliche Dunkel nur vom Schein der Kerzen erhellt wird – eine gute Einstimmung auf das bevorstehende Weihnachtsfest.

    Matthias Lotz ist katholischer Pfarrer in Höchberg

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    Bearbeitet von Lena Berger

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