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    Soziale Medien: Weshalb im Internet so oft gepöbelt wird

    Shitstorm und Pöbeleien sind Alltag im Netz. Die Würzburger Soziologin Elke Wagner untersucht die Kommunikation auf Facebook. (Symbolbild) Foto: Romina Birzer

    Ein rauer Ton herrscht im Internet. Sachliche Argumente und Fakten rücken in den Kommentarspalten sozialer Medien oft in den Hintergrund. Die Würzburger Soziologin Elke Wagner beschäftigt sich in ihrem neuen Buch "Intimisierte Öffentlichkeiten" mit der Kommunikation auf Facebook. Im Interview spricht sie über die Urheber der Pöbeleien, Filterblasen und Demokratie.

    Frage: Frau Wagner, was bringt jemanden dazu, Pöbeleien auf Facebook zu schreiben? 

    Elke Wagner: Dafür gibt es sicherlich politische und ökonomische Hintergründe. Manche Nutzer sind frustriert. Und im Internet schlägt sich das sehr leicht nieder. Das liegt daran, dass Formate wie Facebook sehr leicht zu bedienen sind und die Nutzer auf einer emotionalen Ebene ansprechen, eher nicht in der Sachdimension. Soziale Medien sind Affektmaschinen. Es gibt die berühmte Facebook-Frage: "Was machst du gerade?" Die Leute sind oftmals keine Experten, die zu jeder Minute eine Fachmeinung parat haben. Sie sitzen vor ihrem Smartphone oder ihrem Rechner und schreiben, was sie gerade erlebt haben und was ihnen durch den Kopf geht.

    Die Würzburger Soziologin Elke Wagner. Foto: Elke Wagner
    Haben diese Nutzer keine Angst vor Konsequenzen, wenn  sie solche Postings unter ihrem echten Namen veröffentlichen?

    Wagner: Ganz offensichtlich nicht. Sonst würden bestimmte Phänomene gar nicht so hochkochen. Die Nutzer und Nutzerinnen, die wir befragt haben, waren verwundert darüber, dass ihre einfachen Sätze eine so hohe Reichweite erfahren. Gleichzeitig waren sie sich darüber bewusst, dass sie gläserne Bürger sind und jeder sehen kann, was sie schreiben. Es ist oft nicht so, dass die Leute gar nicht verstehen, was da mit ihnen passiert. Das ist aber die kulturpessimistische Annahme, die in der Soziologie weit verbreitet ist. Den Nutzern wird unterstellt, dass sie machtlos sind gegen Darstellungszwang sozialer Medien. 

    Und das ist nicht der Fall?

    Wagner: Wir haben festgestellt, dass die Nutzerinnen und Nutzer Strategien entwickelt haben, wie sie damit umgehen, dass ihre Postings öffentlich sichtbar sind. Sie setzen Ironie, kryptische Schreibweisen und Emoticons ein, um ihre Meinung zu transportieren. Manche wählen zum Beispiel auch Profilbilder, auf denen sie Sonnenbrille und Mütze tragen, damit sie nicht erkannt werden. 

    Warum nutzen diese Leute dann überhaupt soziale Medien?

    Wagner: Die Leute bekommen durch solche medialen Infrastrukturen die Möglichkeit, sich zu vernetzen, an Informationen zu gelangen und diese zur Verfügung zu stellen. Das ist einfach alltäglich geworden. Viele Menschen informieren sich mittlerweile ausschließlich über Social Media.  

    Welche Rolle spielen dann noch klassische Medien wie Zeitungen?

    Wagner: Hier lässt sich eine Wechselbeziehung beobachten. Im Web 2.0 werden häufig Artikel klassischer Medien geteilt. Umgekehrt greifen diese Medien Inhalte aus dem Internet auf. In der Tagesschau lesen Moderatoren beispielsweise Twitter-Postings vor. Und ein Shitstorm verfestigt sich oftmals erst dann, wenn er auch außerhalb des Netzes wahrgenommen wird. Aus diesem Grund spreche ich auch von Öffentlichkeiten und nicht von Filterblasen. 

    Gibt es Filterblasen etwa nicht?

    Wagner: Doch es gibt sie schon. Nur sind diese Filterblasen nicht so abgeschlossen wie oft behauptet wird. Ansonsten würden sie irgendwann zum Stillstand kommen. Shitstorms wären sonst nicht erklärbar. Die verschiedenen Blasen stehen in Beziehung zueinander und verstärken sich gegenseitig. Es sind oftmals immer noch dieselben Bezugsprobleme, über die diskutiert wird. Nur werden diese Probleme eben mit Gleichgesinnten verhandelt, und zwar schneller und emotionaler als früher. Das seltsam anmutende Verhältnis von geschlossenen Gruppen und vernetzten Welten versuche ich mit dem Begriff "Intimisierte Öffentlichkeiten" zu beschreiben.

    Intimität und Öffentlichkeit. Widerspricht sich das nicht? 

    Wagner: Es geht darum, sich diesem merkwürdigen Mischverhältnis von Geschlossenheit und Offenheit zu nähern. Ich bin auf dieses Phänomen aufmerksam geworden, als Leute angefangen haben, unliebsame Kommentare auf Facebook zu verbergen, ohne die entsprechenden Kontakte zu löschen. Das ist soziologisch hoch spannend. Es ist die Frage: Wie gehe ich mit einem Kommentar um, der mir nicht passt, ohne mich mühsamen Gesprächen darüber aussetzen zu müssen, dass man den Kontakt abgebrochen hat?

    Im Netz spielt der Austausch von Argumenten oft keine Rolle. Aber wo gibt es noch einen sachlichen Diskurs? 

    Wagner: Ich würde sagen, dass eine bürgerliche Öffentlichkeit, die sich am Austausch des besseren Arguments orientiert, schon noch existiert. In Bundestagsdebatten geht es zum Beispiel um Sachargumente. Aber die Frage ist berechtigt. Der Internet-Diskurs unterscheidet sich in seiner Struktur oftmals von einer klassischen Argumentation. Es reicht schon aus, etwas erlebt zu haben. Die eigene Wahrnehmung wird dabei immer wichtiger. Um ein banales Beispiel zu wählen: Nach einem Feuer sind Sätze wie "Ich war im brennenden Haus" gleichberechtigt mit der Einschätzung eines Sachverständigen, der erklärt, warum das Haus gebrannt hat.  

    Früher hat man sich mehr Demokratie durch das Internet erhofft. Heute profitieren antidemokratische Kräfte von sozialen Medien.

    Wagner: Das Internet hat tatsächlich mehr Demokratie mit sich gebracht. In dem Sinne, dass die eigene Wahrnehmung nun gleichberechtigt ist zum besseren Argument. Das hat aber Folgen, die man aus normativen Gründen nicht immer für gut heißen kann. Soziale Medien machen den Frust in der Gesellschaft sichtbar. Sie befördern auch politische Strukturen, die sich in populistischen Strömungen niederschlagen können. Damit meine ich: Sie sind nicht die Ursache dafür, aber ein Verstärker.

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