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    WÜRZBURG

    Spannung bis vier Uhr morgens

    Nachtkino: Etwa 80 Besucher verfolgten die Live-Übertragung des Super Bowls im Cinemaxx, hauptsächlich Mitglieder der Würzburger Football-Mannschaft, zu der Jay Lopez (rechts) und der Asylbewerber Madiama Diop (Mitte) gehören. Foto: Stephan Rinke

    Zugegeben: Ausgelastet war der Hauptsaal des Cinemaxx in der Nacht zum Montag nicht. Rund 80 Zuschauer aber schlugen sich dort die Stunden um die Ohren, um den Super Bowl, das Finale im American Football, live zu verfolgen. Ein Beweis dafür, dass dieser Sport, der den meisten Deutschen noch immer fremd ist, auch hierzulande eine treue Fanbasis hat. Dazu gehören – wen wundert's – US-Amerikaner, die als Soldaten in die Bundesrepublik kamen und hier ihr Glück gefunden haben.

    Die Frucht einer solchen Liebe stand beim Super Bowl für die Seattle Seahawks auf dem Feld: Die Mutter von „Wide Receiver“ – vereinfacht gesagt: Ballfänger – Jermaine Kearse stammt aus Würzburg. Seine Großeltern leben immer noch hier. Kearse' Vater war einst als amerikanischer Soldat nach Deutschland gekommen. Ähnlich klingt die Geschichte von Jay Lopez, der seine heutige Ehefrau in Deutschland kennenlernte, als er in Ansbach stationiert war. Der Sohn zweier Puerto Ricaner blieb– „weil es in Deutschland für meine Familie sicherer ist als in meiner Heimat New York.“

    Den Super Bowl – für die Amerikaner eine Art Nationalfeiertag – würde Jay Lopez aber um nichts in der Welt verpassen. „Ich muss um halb neun mit der Arbeit beginnen, aber das ist völlig egal. Dieses Spiel muss man einfach sehen“, sagt der 33-Jährige im Cinemaxx um zwei Uhr morgens während der Halbzeitpause. Erst zwei Stunden später, um kurz nach vier, ist die Partie zwischen Seattle Seahawks und der New England Patriots vorbei. Wohl auch ein Grund dafür, warum American Football der große Durchbruch in Europa bislang verwehrt blieb. Die Spiele finden wegen der Zeitverschiebung meist tief in der europäischen Nacht statt. Und außerdem verstehen es die Amerikaner, die reine Spielzeit von 60 Minuten auf dreieinhalb Stunden zu strecken. Anders gesagt: Zwischen den Werbeblöcken findet ab und zu mal ein Spielzug statt. Selbst bei einem so spannenden Finale wie dem diesjährigen kühlt so die Stimmung immer wieder ab.

    „Die Show gehört einfach dazu. Die Männer schauen sich den Super Bowl wegen des Sports an, die Frauen wegen der Halbzeitshow“, beschreibt Lopez das Großereignis. „Es ist einfach für jeden etwas dabei.“ Weil Football für ihn so wichtig ist, kann er auch in Würzburg nicht davon lassen: Seit fünf Jahren führt Jay Lopez die Defensivreihe der Würzburger Panthers an, denen gerade der Aufstieg in die Bayernliga gelang. „Einfach toll zu sehen, wie viele Menschen sich für diesen Sport interessieren, obwohl sie nicht damit aufgewachsen sind. Diese Live-Übertragung in einem Kino finde ich grandios“, sagt der in Louisiana geborene Amerikaner, der sich das Spiel mit seiner Mannschaft im Cinemaxx ansah.

    Die Nacht endete für den Panthers-Spieler allerdings mit einer Enttäuschung, denn er hätte lieber die Seahawks auf dem Football-Thron gesehen. Doch eine grobe Fehlentscheidung bei der Auswahl des Spielzugs kurz vor dem Ende brachte Seattle um alle Siegchancen. Endergebnis: 28 zu 24 für die New England Patriots aus Foxborough. Zuvor hatte sich Lopez – „Football ist ein emotionaler Sport. Ich muss mich einfach ausdrücken!“ – einen intensiven verbalen Schlagabtausch mit einem Mitspieler geliefert, dessen Patriots am Ende die Oberhand behielten. Lopez nahm es mit Humor. Nach wie vor sei Football nur ein Spiel. Es gäbe wichtigere Dinge im Leben, wie etwa die wundervolle Unterstützung, die die Panthers im vergangenen Jahr für ihren Mitspieler, den Asylbewerber Madiama Diop, erfahren hatten, als dieser nicht zum Auswärtsspiel mitfahren durfte. „Das Tolle an Deutschland ist, dass trotz der Kritiker viel mehr Menschen für die kulturelle Vielfalt auf die Straße gehen als dagegen. Madiama ist ein guter Freund von mir geworden. Toll, dass wir zusammen so viel erreichen konnten“, sagt Lopez.

    Stephan Rinke

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