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    Würzburg

    Stolpersteinverlegung: In Würzburg zu Sklaven degradiert

    Künstler Gunter Demnig verlegte vor der Franz-Oberthür-Schule 21 Stolpersteine und eine Stolperschwelle. Die Stolperstein-Aktion stand diesmal überwiegend im Zeichen von Zwangsarbeitern, die während der Nazi-Diktatur im Gestapo-Notgefängnis in der Friesstraße im Frauenland inhaftiert waren. Foto: Patty Varasano

    An der Ecke Zwerchgraben/Friesstraße stehen im Halbkreis etwa 60 Leute mit ernsten Mienen, die meisten von ihnen Schülerinnen und Schüler von Goethe- und Franz-Oberthür-Schule und vom Matthias-Grünewald-Gymnasium. Weiter hinten in der Friesstraße hört man Kinder fröhlich lärmen. Auf dem Gehsteig an der Oberthür-Schule, hinter den Stehenden, arbeitet jemand mit Hammer und Kelle. Das ist der Künstler Gunter Demnig, der gerade 21 Stolpersteine verlegt.Er ist zum 27. Mal in Würzburg, 563 der messingfarbenen Steine hat er jetzt in Würzburgs Straßen und Gehsteige gesetzt.

    Demnig verlegt die Steine vor dem letzten Wohnort von Mordopfern der Nationalsozialisten, in der Regel vor Wohnhäuser. Da, wo heute die Franz-Oberthür-Schule steht, wohnte niemand. Da vegetierten die Gefangenen der Gestapo im Notgefängnis unter entsetzlichen Bedingungen, hungerten, froren, litten an Krankheiten, wurden gefoltert und exekutiert. Wie viele da von 1942 bis 1945 gefangen waren, wie viele umgebracht und wie viele von hier aus in Vernichtungslager verschleppt wurden, ist, sagt Alexander Kraus, der die Geschichte des Notgefängnisses erforscht,noch nicht geklärt.

    Polens Generalkonsul verkündete seine höchste Anerkennung

    Einer von ihnen war Julian Gron. Greta Habersack, Schülerin der 10b im Wirsberg-Gymnasium, stellte sein Leben vor - da war nicht viel. Knapp 18 Jahre alt, kam er 1940 nach Würzburg. Wie und warum, ob als Zwangs- oder Fremdarbeiter, ist unbekannt. Er verweigerte mehrfach die Arbeit, wurde beim Stehlen erwischt und kam offenbar mit deutschen Frauen zusammen - das genügte, um ihn erst im Notgefängnis einzusperren und, als 22-Jährigen, ins KZ Flossenbürg zu schaffen und hinzurichten.

    Das Notgefängnis am Ort der heutigen Franz-Oberthür-Schule bestand vom 1. September 1942 bis zum 16. März 1945, als es beim Bombenangriff auf Würzburg vollständig abgebrannt ist. Foto: Patty Varasano

    Reden wurden gehalten. Andrzej Osiak, Polens Generalkonsul in München, verkündete seine "höchste Anerkennung". Die Nationalsozialisten hätten Zwangsarbeiter "zu Sklaven, zu menschlichen Werkzeugen degradiert" und so "ihrer Menschlichkeit beraubt". Die Erinnerung an sie zu bewahren, bedeute, ihre Würde hervorzuheben. Die "hier gepflegte Erinnerungskultur" erscheine ihm enorm wichtig, sie helfe beim Begreifen der Geschichte, die die Gegenwart beeinflusse.

    Oberbürgermeister rief auf, die Erinnerung wachzuhalten

    Grünewald-Schüler stellten mit großem Ernst und beeindruckender Intensität die Geschichte von 20 Opfern vor, wie Kraus sie erforscht hat. Von einigen Toten ist so wenig geblieben, dass er nicht weiß, woher sie kamen und was ihnen in Würzburg widerfuhr. Der 21. Stolperstein gilt einem unbekannten Opfer, das die Nazis und ihre Handlanger so zugerichtet hatten, dass man auf dem Foto des Leichnams nicht erkennen kann, welchem Geschlecht es angehört.

    Für diesen Stolperstein hat die Uni Würzburg die Patenschaft übernommen, in deren Anatomisches Institut einige Leichname aus dem Notgefängnis gebracht wurden. Uni-Kanzler Uwe Klug sagte, der Stolperstein mache "aus einem anonymen Opfer einen ganz realen Menschen und sein individuelles Schicksal sicht- und begreifbar". 

    Oberbürgermeister Christian Schuchardt rief auf, die Erinnerung wachzuhalten daran, "wozu Rassismus und politischer Radikalismus führen können". Für ihn seien die Schülerinnen und Schüler das Wichtigste beim Gedenken, damit sie eine Idee von der Notwendigkeit bekämen, "gegen Extremisten anzusprechen, aufzutreten und im Zweifelsfall auch zu kämpfen".

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