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    WÜRZBURG

    „Supra“ betreut heroinabhängige Menschen

    Rainer Schohe händigt einer Patientin die tägliche Dosis eines Drogenersatzstoffs aus.
    Rainer Schohe händigt einer Patientin die tägliche Dosis eines Drogenersatzstoffs aus. Foto: Pat Christ

    Wenn Amy (Name geändert) beschreiben soll, wie es kommen kann, dass ein Mensch tief in die Heroinsucht abgleitet, verwendet sie gern das Bild vom eisigen Winter. In einer kalten Welt einsam und unverstanden zu sein, so hatte sich die 26-Jährige sehr oft in ihrem Leben gefühlt. „Die Drogen wirken in dieser Situation wie eine wunderbare warme Dusche“, erklärt die Patientin der Würzburger Substitutionsambulanz Supra. Plötzlich ist alles Leiden vorbei. Zumindest solange der Stoff wirkt.

    Aktuell 120 Patienten aus der Region

    Seit fünf Jahren ist Supra Anlaufstelle für Menschen in der Region Würzburg, die, wie Amy, von Opiaten abhängig sind, davon loskommen möchten, es jedoch aus eigener Kraft nicht schaffen, abstinent zu bleiben. „Im Durchschnitt haben wir 120 Patienten aus Würzburg, Main-Spessart und Kitzingen“, informiert der Würzburger Allgemeinarzt Rainer Schohe, der sich um die Drogenabhängigen kümmert. Viele kommen täglich zu ihm, um sich ihr Substitutionsmittel abzuholen. Dazu gehört auch Amy. Andere sind so gefestigt, dass sie nur alle zwei bis drei Tage auftauchen müssen.

    Supra ist eine in Unterfranken einmalige Einrichtung. Hier arbeitet ein Mediziner Hand in Hand mit Suchtexperten des Würzburger Vereins Condrobs sowie mit Fachleuten der städtischen Drogenberatungsstelle. Alle ziehen an einem Strang, um den Patienten zu helfen, ein drogenfreies Leben zu führen.

    Hilfe bei der Bewältigung des Alltags

    Auch Amy profitiert von der Kooperation. Sie kommt nicht nur täglich in die Ambulanz, um ihren Ersatzstoff einzunehmen. „Zwei Stunden in der Woche erhalte ich außerdem daheim Besuch von einer Mitarbeiterin von Condrobs, die mir hilft, meinen Alltag zu bewältigen“, erzählt die junge Frau, die an einer Borderline-Störung leidet. Die Betreuung durch Condrobs hilft ihr sehr, wobei Amy weiß, dass sie noch mehr Unterstützung bräuchte, um all das zu verarbeiten, was sie Schlimmes in ihrem Leben erfahren hat. Amy möchte deshalb gern in eine traumatherapeutische Einrichtung gehen. Im Moment wartet sie auf einen Platz. Condrobs hilft ihr, die Wartezeit zu überbrücken.

    Die Nachfrage nach dem Supra-Angebot ist groß. Im Sommer 2012, als die Einrichtung an den Start ging, waren es erst 35 Opiatabhängige, die zur Substitutionsbehandlung kamen. Einige dieser ersten Patienten kommen heute immer noch. Dass es die Einrichtung gibt, half ihnen, sich gesundheitlich und sozial zu stabilisieren. Vielen würde man auf der Straße nicht anmerken, dass sie drogenabhängig sind. „60 Prozent unserer Patienten gehen einer Arbeit nach“, sagt Schohe. 15 Prozent kümmern sich um ein Kind: „Sie leisten also Erziehungsarbeit.“

    Dass Männer und Frauen, die lange an der Nadel hingen, ein ganz normales Leben führen, könne man sich „draußen“ oft nicht vorstellen, sagt der Substitutionsarzt: „Wenn ich erzähle, was ich mache, spüre ich, wie die Menschen auf Distanz gehen.“ Bei seinen medizinischen Kollegen seien Drogensüchtige eine meist unbeliebte Klientel. Das macht Schohe Sorgen, denn der 63-Jährige hat vor, im Sommer nächsten Jahres in Ruhestand zu gehen. Die Suche nach einem Nachfolger, befürchtet er, könnte schwierig werden.

    Heroinsüchtige werden wir „Unmenschen“ behandelt

    Was Rainer Schohe erlebt, gehört auch zu den täglichen Erfahrungen von Amy. Deutet sie an, dass sie heroinabhängig war und jetzt substituiert wird, merkt sie, wie die Leute Abstand nehmen. Wie „Unmenschen“ würden Heroinsüchtige behandelt: „Plötzlich hat man Angst, vor uns den Geldbeutel liegen zu lassen.“ Als würden „Junkies“ prinzipiell klauen. Sie selbst habe nie geklaut: „Ich finanzierte meinen Drogenkonsum jahrelang durch Prostitution.“

    Nicht nur der bevorstehende Arztwechsel treibt das Supra-Team um. Immer drängender wird das Problem, dass ältere Substituierte einen Platz für ihren Lebensabend benötigen. Knapp 25 Prozent von Schohes Patienten sind über 45 Jahre alt, einige jenseits der 60. Durch den jahrzehntelangen Drogengebrauch sind die Betroffenen körperlich gealtert. Sie bräuchten einen Platz in einer Einrichtung, erklärt Claudia Nembach von Condrobs: „Doch ein klassisches Altersheim wäre nicht günstig.“ Zu eigen seien die Supra-Klienten. Auch stellt sich die Frage, wie Mitbewohner auf ihre Suchtkarriere reagieren würden: „Die Gefahr drohte, dass sie im Abseits landen.“

    Welche Möglichkeiten es in Würzburg gäbe, ein Angebot für ältere Abhängige von illegalen Drogen zu etablieren, darüber denkt Nembach gerade nach. Zum einen tut sie dies in einer Masterarbeit, an der sie gerade im Rahmen ihrer Ausbildung zur Suchttherapeutin schreibt. Doch es soll nicht beim Papier bleiben. Nembach schwebt vor, das, was es in großen Städten wie Frankfurt oder Hamburg gibt, in den kommenden Jahren auch in einem kleineren Zentrum wie Würzburg zu etablieren.

    Gruppe für Spura-Patienten

    Seit fast drei Jahren bietet die Würzburger Drogenberatungsstelle an jedem Montag eine Gruppe für Patienten der Substitutionsambulanz an. Bis zu 20 Personen nehmen dieses Angebot wahr. „Dadurch erhält zumindest ein kleiner Teil unserer Schwerstabhängigen eine gewisse Struktur“, so Einrichtungsleiter Holger Faust.

    Wünschenswert wäre ein Ausbau der Hilfe, was aber mit den gegenwärtigen personellen Ressourcen nicht möglich sei. Die Drogenberatungsstelle bietet zusätzlich eine offene Sprechstunde an jedem letzten Samstag im Monat für alle berufstätigen Patienten der Substitutionsambulanz an. Auch dieses Angebot werde rege frequentiert.

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