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    Würzburg

    Theater "Augenblick": Faszinierend authentisch

    Szene aus "Gebrochenes Eis": Der Soldat (Fabien Riemen) dringt in die Wohnung von Anuschkas Familie ein (Sebastian Röder und Lotte Brückl). Foto: Pat Christ

    Im "Theater Augenblick" der Mainfränkischen Werkstätten machen Menschen mit und ohne Behinderung seit 20 Jahren Theater. Gehaltvoll und professionell. "Wir haben acht Arbeitsplätze für Schauspieler geschaffen", berichtet Stefan Merk, der das "Augenblick" im Herbst 1998 gründete. Seither hat die Bühne eine große Fangemeinde gefunden: "Unsere Veranstaltungen sind immer ausverkauft." Oft muss man sich beeilen, um ein Ticket zu ergattern.

    Zurück in die fremde Heimat

    Das Ensemble mit den beiden "Schauspiel-Azubis" Fabian Dinsing (3. von links) und Laura Juretzka (sitzend). Foto: Pat Christ

    So übertraf die Nachfrage nach Premierenkarten für das Stück "Gebrochenes Eis" im Jahr 2014 sämtliche Erwartungen. "Wir hätten jede Karte zehnmal verkaufen können", so der Theaterleiter damals. Kein Wunder: Das "Agentenmärchen über eine Rückkehr in die fremde Heimat" hat einen autobiographischen Hintergrund. Was die Sache spannend macht. Die in Kasachstan geborene Schauspielerin Anna Weisgerber, die in Kirgisistan aufwuchs, spielt als "Anuschka" in Teilen sich selbst. Ein Jahr vor dem großen Flüchtlingszustrom nach Deutschland griff das Stück mit ihr als Hauptfigur so brisante Themen wie "Flucht", "Menschenrechte" und "Heimat" auf.

    Am 8. Oktober 1998 brachten die Akteure des "Augenblick" ihr erstes Stück "Traumgeschenke" auf die Bühne eines Off-Theaters. Das gilt als Geburtsstunde des inklusiven Kulturprojekts. Zu jener Zeit mussten Schauspieler, Requisiten und sonstiges Equipment noch von Ort zu Ort transportiert werden.

    "Ich spielte damals einen Papagei."

    Das Ensemble trat in der Anfangszeit auf befreundeten Bühnen, Festivals und einmal sogar im Nürnberger Zoo auf. "Ich spielte damals einen Papagei", erinnert sich Peter Englert, Schauspieler der ersten Stunde. Sechs Jahre war die Truppe auf Wanderschaft, bis sie 2004 die heutige Bühne in der Lengfelder Straße "Im Kreuz" erhielt. Die Wiederaufführung der "Traumgeschenke" am 30. November sowie am 1. Dezember erinnert an die Anfangszeit.

    Nie braucht es lange, bis der Funke ins Publikum überspringt. Weil die Theaterstücke so großen Anklang finden, gelang es in all den Jahren, die Löhne für die behinderten Berufsschauspieler zu erwirtschaften. Allerdings braucht es darüber hinaus Geld. Das zu akquirieren, ist ein mühsames Geschäft. Auch darauf möchte Stefan Merk anlässlich des Theaterjubiläums hinweisen. 70 Millionen Euro, sagt er, gibt der Freistaat für institutionelle Theaterförderung aus. Als einziges Theater erhält das "Augenblick" seit vier Jahren 27 000 Euro für die Kosten des nichtbehinderten Personals, für Requisiten, Kostüme und Bühnenbild. Damit fließen bayernweit nur 0,05 Prozent der Mittel in inklusives Theater.

    Im Stück "Eine Frage der Zeit" spielt auch Rainer Appel, ehemaliges Mitglied im Ensemble des Würzburger Mainfranken-Theater, mit. Foto: Pat Christ

    "Wir machen ganz verrückte Sachen."

    Mit einer besseren Finanzierung könnte die Qualität der Produktionen weiter gesteigert werden. Vor allem wäre noch mehr Inklusion möglich. Derzeit ist es schwierig, professionelle Schauspieler ohne Behinderung zu gewinnen. Das liegt an den langen Probezeiten. Bis es zur ersten Vorstellung eines neuen Stücks kommt, vergehen oft zwei bis drei Jahre. "In dieser Zeit machen wir ganz verrückte Sachen", lacht Merk. Er und seine hauptamtliche Kollegin Janine Schellein begeben sich über Improvisationen auf die Suche nach dem, was die Schauspieler gerade bewegt.

    Die Schauspieler (von links) Antje Heinrich, Lotte Brückl, Peter Englert und Georg Greubel bei einer Probe. Foto: Pat Christ

    Theaterstück beschäftigte sich mit Recht auf Leben Behinderter

    Auf diese Weise entstand zum Beispiel ein Stück, das der Frage nach dem Recht auf Leben nachgeht. "Himmel, Hölle und die Lust am Leben" heißt es. 2010 feierte es als sechste "Augenblick"-Produktion Premiere. Sollte man einem behinderten Menschen nicht das Schicksal ersparen, auf die Welt zu kommen? Muss man als Eltern wirklich das Opfer auf sich nehmen, ein behindertes Kind in die Familie zu integrieren? Solche Fragen stellen sich umso drängender, je größer die medizinischen Fortschritte sind, können Behinderungen heute doch sehr früh diagnostiziert werden.

    Der Vater hat das Kind schon vor der Geburt abgelehnt

    Auch die Eltern von Schauspieler Jan Simanzik, der in dem Stück den abgetriebenen Tim spielt, waren real mit diesem Thema konfrontiert. Die Mutter sagte schließlich klar "Ja!" zu ihrem Kind. Der Vater nicht. Er lehnte Jan bereits vor der Geburt ab. Was der junge Mann weiß. Und was ihn bis heute beschäftigt.

    Auf die "Augenblick-"Bühne kommen immer große Gefühle

    Liebe, Traurigkeit, Verzweiflung und pure Lebenslust - es sind immer "große Gefühle", die auf die "Augenblick"-Bühne kommen. Ausgedrückt werden die Emotionen von Darstellerinnen und Darstellern, die das, was sie zeigen, so empfinden. Die acht Männer und Frauen haben, im Unterschied zu Akteuren ohne Handicap, nicht das "Talent", sich völlig zu verstellen, die eigene Persönlichkeit gänzlich ad acta zu legen. Das macht jede Vorstellung faszinierend authentisch.

    Szene aus "Eine Frage der Zeit" mit Antje Heinrich und Peter Englert. Foto: Pat Christ

    Wer Näheres über Idee und Konzept des "Augenblick" erfahren möchte, ist zur Jubiläumsfeier am 14. Dezember um 19 Uhr im Theater (Im Kreuz 1) eingeladen. An diesem Abend wird auch ein Porträtfilm über das "Augenblick" uraufgeführt.

    Szene aus "Gebrochenes Eis": Agent 008 (rechts Alexander Ellebruch) und sein Praktikant (Peter Englert) fliegen Anuschka hinterher. Foto: Pat Christ

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