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    Winterhausen

    Theaterkritik: Gags über Trump statt politischer Analyse

    Der FBI-Agent Tom Walker (Andreas Petri) versucht den US-Bürger Travis Pine  (Heiko Schnierer) davon zu überzeugen, keine bösen Briefe mehr an den Präsidenten zu schicken.  Foto: Oliver Mack

    Sozialhilfe, gesetzliche Krankenversicherung und Mindestlohn: alles abgeschafft. Die Mittelschicht ist verschwunden, viele Jobs auch. Die Superreichen feiern, Vetternwirtschaft floriert. Dem Rest bleibt nur noch Valium, um all das zu ertragen. Doch wie konnte es so weit kommen? Wie konnten sich die hart erkämpften Errungenschaften der Demokratie so schnell in Luft auflösen? Für den US-Bürger Travis Pine ist das eine klare Sache: Es muss am Präsidenten liegen. 

    Die politische Komödie "Travis Pine – ein Mann des Volkes" von Sam Bobrick, die das Theater Sommerhaus in Winterhausen (Lkr. Würzburg) am Mittwoch erstmals in Deutschland aufführte, prangert reale Missstände an. Dabei kann der Zuschauer des kurzweiligen Zwei-Personen-Stücks unter der Regie von Iwona Jera gelegentlich sogar vergessen, dass es sich um humoristische Übertreibungen handelt, so gewohnt ist man dieser Tage an die grotesken Hiobsbotschaften aus dem Weißen Haus. 

    Auch vor Trump war nicht alles gut 

    Wenn der Protagonist Travis Pine beispielsweise in der Zeitung liest, dass der Präsident Washington D.C. nach sich selbst umbenennen will oder plant, den Grand Canyon an Russland zu verkaufen, ist klar wer wirklich gemeint ist. Der Name Donald Trump kommt den Schauspielern zwar nie über die Lippen, die Anspielungen (Twitter, Mauer, Golf) sind jedoch omnipräsent. Das ist zwar unterhaltsam und sorgt für schnelle Lacher – Trump gibt auch genügend Vorlagen – damit nimmt sich das Stück aber leider auch die Chance, den gesellschaftlichen und politischen Strukturen auf die Spur zu gehen, die eine Wahl des Fernsehstars und Unternehmers erst möglich gemacht haben.

    Für Travis Pine ist der Präsident die Wurzel allen Übels. Von seinem heruntergekommenen Apartment aus schreibt der wütende Idealist dem Staatsoberhaupt beleidigende Briefe, die diesen in eine tiefe Depression stürzen lassen. Aus diesem Grund soll ihn ein FBI-Agent dazu bringen, mit den schroffen Botschaften aufzuhören. Immer wieder hält Pine aber auch patriotische Lobeshymnen auf die USA der Vergangenheit: "Was war das für eine wundervolle Nation früher." Dabei ist das nur die halbe Wahrheit. Früher war eben nicht alles besser. Trump ist nur ein Symptom, nicht die Ursache der Demokratiekrise in den USA.

    Gute Dynamik zwischen den Darstellern und hochwertige Gags

    Heiko Schnierer spielt Travis Pine, den zornigen Moralisten in Bademantel und Pantoffeln, glaubwürdig. Und Andreas Petri gelingt es, den FBI-Agenten Tom Walker als einen derartigen Opportunisten auf die Bühne zu bringen, dass man nur hoffen kann, dass es solche Regierungsbeamte nicht wirklich gibt. Die beiden Darsteller haben eine gute Dynamik, ihr Timing stimmt. Gekonnt und in schnellem Tempo bereiten sie sich gegenseitig Pointen vor.

    Wer Lust hat auf einen Abend mit hochwertigen Gags über den amerikanischen Präsidenten, kommt bei "Travis Pine – ein Mann des Volkes" auf seine Kosten. Eine Antwort auf die Frage, wie es zu solchen beängstigenden, politischen Zuständen kommen konnte, darf man sich aber nicht erwarten.

    Karten und Infos gibt es im Internet unter www.theater-sommerhaus.de oder telefonisch unter (09333) 904986. "Travis Pine – ein Mann des Volkes" läuft das nächste mal am Samstag, 5. Oktober, 20 Uhr, und am Sonntag, 6. Oktober, 15 und 19 Uhr. Außerdem wird das Stück am Dienstag, 15. Oktober, und am Mittwoch, 16. Oktober, jeweils um 20 Uhr gezeigt.

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