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    Thüngersheim

    Thüngersheim: Baugebiet geht vor Artenschutz

    In Thüngersheim wurden für ein Baugebiet wertvolle Obstbäume gefällt - ohne Genehmigung des Landratsamtes. Foto: Bund Naturschutz

    Schon wieder wurden in Thüngersheim Bäume gefällt. Dieses Mal nichtfür die Erweiterung eines Steinbruchs, sondern für ein kleines Baugebiet im Mittelweg. Und dieses Mal liegt keine Genehmigung des Landratsamtes für die Rodung vor. Die untere Naturschutzbehörde hat ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Denn mutmaßlich haben vier private Grundstückseigentümer und die Gemeindeverwaltung gegen das Artenschutzgesetz verstoßen. 

    Lebensraum wichtiger Tierarten zerstört

    "Die Wiese am Mittelweg in Thüngersheim war ein wichtiger Lebensraum für seltene Tierarten", sagt Steffen Jodl, Geschäftsführer der Kreisgruppe Würzburg im Bund Naturschutz (BN). In diesem Jahr, wohl im Februar, sind dort alte Obstbäume und Hecken "ohne Not plattgemacht worden", sagt Jodl. "Gerade in einer Zeit, in der so viel über Artensterben gesprochen wird, sind solche Streuobstwiesen wichtig für zahlreiche Tierarten." Jodl nennt beispielsweise den Wiedehopf, der dort nachgewiesen ist. Auch die Schleiereule würde im Umfeld brüten. Und er geht davon aus, dass andere Tierarten, wie Siebenschläfer und Grünspecht oder die Haselmaus dort ihren Lebensraum hatten.

    "Obstbäume und Hecken wurden ohne Not plattgemacht." 
    Steffen Jodl, BN-Geschäftsführer

    Wie ist es möglich, dass die Bäume einfach so umgeschlagen werden konnten? Bürgermeister Markus Höfling bedauert den Kahlschlag. "Das war suboptimal", sagt er auf Nachfrage dieser Redaktion und spricht von einem "Kommunikationsfehler". Auf der Wiese am Mittelweg sollen zwölf Bauplätze in einem etwa 0,8 Hektar großen Baugebiet entstehen. Die Gemeinde besitzt hier etwa 1800 Quadratmeter, der Rest ist in privater Hand. Zur Vorbereitung auf das Bauleitplanungsverfahren wurde unter anderem im September 2018 aucheine spezielle artenschutzrechliche Prüfung vergeben, teilt Höfling mit. Die Grundstücksbesitzer wussten also davon, dass ihre Flächen Bauland werden sollen.

    Die Gemeindeverwaltung ging nach einem Telefonat mit dem beauftragten Büro davon aus, dass die artenschutzrechtliche Untersuchung schon abgeschlossen sei und gab die Rodung frei, rechtfertigt Höfling die Rodung. "Das war aber ein Fehler", räumt der Bürgermeister ein.  

    Unter den gefällten Bäumen waren auch wichtige Brutstätten

    Steffen Jodl vom Bund Naturschutz will dies nicht so ganz glauben. Er spricht von einer Bauleitplanung in "Wild-West-Manier". Denn in späteren Verfahren wäre der BN auf jeden Fall gehört worden - und die Naturschützer hätten sicherlich erhebliche Einwände gegen ein Baugebiet auf einer wertvollen Obstwiese vorgebracht. "Und jetzt? Was soll ich denn schreiben?" Jodl ist ziemlich sauer. Er ärgert sich, dass bevor das Verfahren abgeschlossen wurde, schon Bäume gefällt wurden. "Ich fühle mich veräppelt", sagt er. "Lebensstätten bedrohter Tierarten wurden ohne Ausgleich, ohne eine Begutachtung zerstört."

    Unter den gefällten Bäumen waren auch Höhlenbäume, wichtige Brutstätten für seltene Tierarten. Foto: Bund Naturschutz

    Der Umweltorganisation liegen Fotos vor, auf denen gefällte Höhlenbäume zu sehen sind. "Damit sind aus unserer Sicht auch  Fortpflanzungs- und Ruhestätten wild lebender Tiere der besonders geschützten Arten zerstört worden", sagt Jodl. Bürgermeister Höfling versichert, dass solche Bäume zumindest nicht auf der gemeindeeigenen Fläche zu finden waren. Zwei Mitarbeiter der Gemeinde hätten das vor Beginn der Fällarbeiten noch einmal überprüft. Er hofft nun, dass die untere Naturschutzbehörde am Landratsamt noch rekonstruieren kann, wo diese Höhlenbäume standen, damit entsprechende Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen umgesetzt werden können. 

    Landratsamt prüft Ordnungswidrigkeit

    Seit März ist der Kreisbehörde bekannt, dass die Obstwiese in Thüngersheim gerodet wurde. Das Amt bestätigt, dass es dafür keine Erlaubnis gab. Es wurde aber auch keine beantragt. Weil Bäume mit Höhlen gefällt wurden, die verschiedenen Tierarten als Fortpflanzungs- oder Ruhestätten dienten, geht die untere Naturschutzbehörde davon aus, dass möglicherweise gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstoßen wurde und hat ein Ordnungswidrigkeiten-Verfahren eingeleitet. Dieses werde etwa in sechs Wochen abgeschlossen sein, teilt die Pressestelle des Landratsamtes mit.  

    Etwa zehn alte Obstbäume, sowie Hecken- und Feldgehölze wurden auf einer Fläche von 700 Quadratmetern entfernt, teilt die Behörde weiter mit. Die gerodete Fläche verteilt sich auf vier Grundstücke, die eine Gesamtfläche von rund 4000 Quadratmetern haben. 

    "Weder die Gemeinde noch die anderen Grundstücksbesitzer haben aus Vorsatz gehandelt." 
    Markus Höfling, Bürgermeister

    Die Eigentümer der betroffenen Grundstücke haben dem Landratsamt gegenüber unterschiedliche Gründe für die Rodung genannt. Einer gab an, dass er die Bäume fällen ließ, weil Windbruch drohte. Er habe darin eine Gefahr für spielende Kinder oder Spaziergänger gesehen, teilt die Behörde mit. Ein anderer habe angegeben, dass er das Obst der offensichtlich krank gewordenen Bäume nicht mehr verwenden könne - und damit eine "ordnungsgemäße Nutzung" nicht mehr möglich sei.  

    Bürgermeister schließt Vorsatz aus

    "Weder die Gemeinde noch die anderen Grundstücksbesitzer haben aus Vorsatz gehandelt, um Fakten zu schaffen", sagt Bürgermeister Höfling. Und BN-Geschäftsführer Steffen Jodl ist froh, dass er solche Fälle wie in Thüngersheim relativ selten erlebt. Er hofft, dass die Naturfrevel in der Gemeinde jetzt erst einmal ein Ende haben. Aufatmen kann die Natur in Thüngersheim aber so schnell nicht. Es wird erwartet, dass die Baustoff-Firma Benkert noch in diesem Herbst weitere Bäume für die Erweiterung ihres Steinbruches fällen wird, nachdem jetzt weitere Aufforstungsflächen genehmigt wurden. 

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