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    Würzburg / Berlin

    Toxikologe Lohse: "Kleinräumige Fahrverbote bringen nichts"

    Der Würzburger Pharmakologe Professor Martin Lohse, Vizepräsident der Leopoldina, bei der Vorstellung der Stellungnahme "Saubere Luft" vor der Bundespressekonferenz.  Foto: Wolfgang Kumm, dpa

    Wie sinnvoll sind Diesel-Fahrverbote in den Städten? Machen die Stickoxid-Grenzwerte überhaupt Sinn? Im Streit um die Luftschadstoffe und ihre gesundheitlichen Folgen hat die Bundeskanzlerin die Nationale Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) um Hilfe gebeten. In nur vier Wochen hat eine 20-köpfige Arbeitsgruppe der Leopoldina unter der Leitung des Würzburger Pharmakologen und Toxikologen Professor Martin Lohse eine Stellungnahmeerarbeitet. Am Dienstag stellte Lohse, Vizepräsident der Leopoldina, in Berlin vor der Bundespressekonferenz das 50-seitige Grundlagenpapier samt Empfehlungenvor. Zentrale Aussage der Wissenschaftler: Es braucht statt "kurzfristigem Aktionismus" eine breitere Strategie für besser Luft. Und: Deutlich schädlicher für die Gesundheit als Stickstoffdioxid (NO2) ist der Feinstaub.

    Herr Professor Lohse, hat sich die Bundeskanzlerin bei Ihnen schon gemeldet?

    Prof. Martin Lohse: Nicht persönlich. Aber bei der Vorstellung unserer Stellungnahme war jemand vom Kanzleramt da und sagte, die Stellungnahme sei sehr hilfreich. Und sie sei gut gemacht.

    Anfang des Jahres brandete ja eine heftige Debatte um die Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheit auf, angestoßen vom Pneumologen Dieter Köhler. Haben Sie die Wissenschaft, die Forschung infrage gestellt gesehen?

    Lohse: Nein, ich fand das nicht. Wissenschaft lebt vom Widerspruch. Und auch davon, dass dem Widerspruch widersprochen wird. Es war in keiner Weise eine verbotene Debatte. Und Dr. Köhler hat sich zwar in einigem vergaloppiert, aber er hat doch letztlich die Finger in eine Wunde gelegt, die es schon gab. Er hat darauf hingewiesen, dass wir vielleicht so etwas wie eine Stickstoffdioxid-Hysterie entwickelt haben mit den Fahrverboten.

    Das ist ein Kernpunkt der Leopoldina-Stellungnahme: Es geht gar nicht primär um Stickstoffoxide?

    Lohse: Zurzeit werden in der öffentlichen Debatte die Probleme in völlig umgekehrter Reihenfolge wahrgenommen, zumindest als wir sie sehen: Ganz oben steht das Stickstoffdioxid, dann kommt vielleicht der Feinstaub, und die Treibhausgase sind inzwischen fast vergessen. Die Arbeitsgruppe möchte sagen, die Prioritäten müssten genau andersherum gesetzt werden. Ganz oben steht in unseren Augen das Thema Treibhausgase, das wird uns am meisten schaden. Dann kommt der Feinstaub, hinten steht das Stickstoffdioxid. Das wieder zurechtzurücken, ist die Hauptintention der Stellungnahme. Man muss in gewisser Weise Herrn Köhler also dankbar sein, der sagte, dieses Stickstoffdioxid kann doch nicht unser Hauptproblem sein.

    Wieso sind die Prioritäten so verrutscht?

    Lohse: Durch die Fahrverbote und das wiederum durch die Deutsche Umwelthilfe. Beim Stickstoffdioxid reißt man schon eine ganze Weile die Grenzwerte an verschiedenen Stellen. Dann ist juristisch geboten, dass man dann dagegen etwas macht. Das Problem aus wissenschaftlicher Sicht: Das was man macht, bringt es nicht.

    Sprich: Fahrverbote sind unsinnig?

    Lohse: In der Pauschalität würde ich das nicht sagen. Aber vor allem die kleinräumigen Fahrverbote, die letztlich nicht den Verkehr insgesamt reduzieren, sondern allenfalls verlagern, bringen überhaupt nichts. Die Gesundheitsbelastung durch Luftschadstoffe, das ist ganz wesentlich, ist eine chronische, also eine, die sich über die Jahre anhäuft. Und entscheidend dabei ist der Feinstaub, der sich großräumig verteilt. In Stuttgart ist der ganze Talkessel voller Feinstaub, die Straße am berühmten Neckartor ist da gleich belastet wie der Park. Beim Stickstoff ist es anders. Das NO2 ist kurzlebig, es ist kleinräumig zu finden dort, wo es ausgestoßen und dann schnell umgewandelt wird. Am gesundheitlichen Hauptproblem Feinstaub ändert das Fahrverbot auf besonders belasteten Straßen gar nichts.

    Was macht den Feinstaub so relevant, so schädlich?

    Lohse: Er ist im mindestens vier- bis achtfach stärker gesundheitsbelastend, vielleicht sogar noch mehr - als Stickstoffdioxid. Beim Stickstoffdioxid sind sich alle einige, dass es in hoher Konzentration einen Asthmaanfall auslösen kann. Der Feinstaub verursacht viel mehr Erkrankungen. Das hängt davon ab, wie fein er ist. Wenn er feiner, kleiner ist als 2,5 Mikrometer, also 2,5 Millionstel Meter, können die Partikel tief in die Lunge eindringen, bis in die Lungenbläschen. Das kann langfristig zu Schädigungen führen, kann Lungenkrebs auslösen oder Entzündungen tief in der Lunge, was wiederum zu Herz- Kreislauferkrankungen führt. Und in jüngster Zeit sind noch eine Reihe weiterer Erkrankungen mit Feinstaub in Verbindung gebracht worden. Also nicht nur Herzinfarkt und Schlaganfall, sondern vielleicht auch Zuckerkrankheit oder Demenz. Das ist alles noch ziemlich unsicher. Dazu kommt noch etwas, was wir noch nicht richtig verstehen, der sogenannte Ultrafeinstaub.

    Noch feinerer Feinstaub?

    Lohse: Noch hundertmal kleiner, Partikel unter 0,1 Mikrometer. Er kann nicht nur in die Lunge eindringen, sondern auch ins Blut.

    Kommt er aus denselben „Quellen“ wie der gröbere Feinstaub?

    Lohse: Zum Teil. Aber was viele nicht gewusst haben und was wir erst im Laufe der Arbeit in voller Bedeutung erkannt haben: Der Ultrafeinstaub bildet sich auch aus Gasen. Insbesondere aus Stickstoffdioxid und Ammoniak. Und Ammoniak ist die einzige Luftbelastung, die über die Jahren überhaupt nicht abnimmt. Insgesamt muss man ja eigentlich erst einmal von einer Erfolgsgeschichte sprechen: dass durch Regulierung und technologischen Fortschritt ganz viele Umweltbelastungen in der Luft abgenommen haben. Staub insgesamt, Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Benzol – das ist alles viel, viel besser geworden. Aber beim Ammoniak, der aus der Landwirtschaft kommt, tut sich überhaupt nichts.

    Das werden jetzt die Bauern aber nicht gerne hören.

    Lohse: Da ist kein Problem nur der Bauern, das ist auch ein Problem der Politik. Der Ammoniak kommt aus den großen Ställen, aus der Gülle, die aufs Feld gespritzt wird. Man muss es den Bauern vergüten, wenn sie ihre Abfälle ordnungsgemäß entsorgen. Die Milch muss dann teurer werden. Das setzt sich nicht von selbst durch, das muss staatlich angelegt und letztlich bezahlt werden.

    Atmosphärenchemiker Jos Lelieveld (von links), Materialwissenschaftler Manfred Hennecke und Pharmakologe Martin Lohse mit der Stellungnahme "Saubere Luft". Die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina empfiehlt eine bundesweite Strategie zur Luftreinhaltung und eine nachhaltige Verkehrswende.  Foto: Wolfgang Kumm, dpa

    Chemiker, Umweltmediziner, Juristen, Klimaforscher, Statistiker, Verkehrsforscher, Verfahrenstechniker - 20 Wissenschaftler aus den unterschiedlichen Bereichen - wie strittig waren die Themen eigentlich innerhalb der Arbeitsgruppe?

    Lohse: Bei den großen Linien hatten wir relativ schnell Konsens: also bei der Priorität der Probleme. Und einig waren wir uns, wenn wir die Luft noch besser bekommen wollen, als sie jetzt ist, braucht man ein integriertes Konzept. Man darf nicht auf einzelne Maßnahmen setzen. Da könnte ich Ihnen ein Beispiel nennen, das mir wichtig ist.

    Bitte!

    Lohse: Zurzeit wird ja viel über die Hardware-Nachrüstung für Autos diskutiert. Nach alldem, was wir von Motorenwissenschaftlern lernen, wird das nur schlecht funktionieren. Und es wird auf jeden Fall eine ganze Menge Sprit kosten, weil die Katalysatoren geheizt werden müssen, also den CO2-Ausstoß vermehren. NO2 runter heißt CO2 rauf. Ist das dann eine gute Maßnahme?

    Sind die aktuellen Grenzwerte sinnvoll?

    Lohse: Juristisch sind wir da ziemlich gefesselt. Sie sind, wie sie sind – daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Beim Stickstoffdioxid sagen wir, dass der Grenzwert nicht abgesenkt werden muss, weil unsere Prioritäten anders liegen. Beim Feinstaub sind wir uns einig, dass wir runter wollen. Aber wir sind uns nicht sicher, ob es das klügste ist, dabei über Grenzwerte zu gehen. Was passiert, wenn man den Grenzwert reißt? Schlachtet man dann die Kühe, weil so viel Ammoniak in die Luft geht? Der Feinstaub kommt aus den Pelletheizungen, die man lange ökologisch so toll fand. Der Feinstaub kommt aus der Industrie. Und bei den neuesten Autos kommt der Feinstaub kaum noch aus dem Auspuff. Sondern vom Bremsabrieb, von den Reifen.

    Sie fordern in Ihrer Stellungnahme „zusätzliche Anstrengungen“: Was sollen die konkret sein?

    Lohse: Bei der Luftreinhaltung muss man erst einmal darüber nachdenken, an welche Quellen man vorrangig ran will. Auch unter Kosten-Nutzen-Erwägungen. Die NO2-Beseitigung mit Katalysatoren wird Milliarden kosten. Diese Milliarden könnten man aber vielleicht lieber in Ammoniakfilter in den deutschen Ställen stecken, das könnte viel mehr bringen. Und wenn es wegen der Feinstaub-Gase wirklich keine gute Idee ist, Gülle in diesen Mengen auf die Äcker zu spritzen, dann muss man andere Lösungen für die Entsorgung finden.

    Was heißt das für den Verkehr?

    Lohse: Beim emissionsarmen Verkehr sind noch ganz enorme Anstrengungen nötig. Und emissionsarm heißt: bezogen auf das Kohlendioxid. Wir können nicht sehen, dass uns die nötige Senkung mit der heutigen Technologie gelingt. Immer größer, immer schwerer: Wir haben ganz langfristig auf die falschen Fahrzeuge gesetzt. Und wir sehen auch das Verbraucherverhalten nur in eine Richtung gehen: Es wird immer mehr gefahren, die Leute fahren gerne SUVs, die viel CO2 freisetzen. Die Fahrzeuge, die auf der Straße sind, müssen emissionsarm werden – ob Elektro- oder Wasserstoffantrieb, da wollten wir uns nicht festlegen.

    Ihre Erwartung an die Politik?

    Lohse: Dass sie drei Dinge tut: Erstens nachdrücklich an einem Konzept für die Verkehrswende zu arbeiten. Zweitens ein integriertes Luftreinhaltungskonzept zu erarbeiten und umzusetzen, damit man die wesentlichen Schadstoffquellen beseitigt und nicht irgendwelche. Und drittens zu sagen: Kleinräumig begrenzte Fahrverbote machen im Großen und Ganzen keinen Sinn.

    Professor Martin Lohse und die Nationale Akademie
    Die Leopoldina ist eine der ältesten Wissenschaftsakademien der Welt. 1652 in Schweinfurt gegründet, ist sie der freien Wissenschaft und dem Gemeinwohl verpflichtet. Mit ihren 1600 Mitgliedern vereint die Akademie, die ihren Sitz in Halle hat, Wissenschaftler aus Deutschland und anderen Ländern.  Als Nationale Akademie Deutschlands vertritt die Leopoldina seit 2008 die deutsche Wissenschaft in internationalen Gremien und nimmt zu politischen und gesellschaftlichen Fragen unabhängig Stellung. Präsident der Leopoldina ist der ehemalige Würzburger Mikrobiologe Professor Jörg Hacker.
    Professor Martin Lohse, Gründungsleiter des Rudolf Virchow-Zentrums für Experimentelle Biomedizin an der Universität Würzburg, ist Vizepräsident der Leopoldina. Der 62-jährige Humanmediziner, Pharmakologe und Toxikologe mit Schwerpunkt Herz-Kreislaufforschung  ist seit  2016 Vorstandsvorsitzender des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft und leitet seit 2017 auch das Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIG). Er lebt und arbeitet weiterhin auch in Würzburg. An der Nationalakademie leitete Lohse jetzt die Expertengruppe, die die Stellungnahme "Saubere Luft - Stickstoffoxide und Feinstaub in der Atemluft: Grundlagen und Empfehlungen" erarbeitete.

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