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    Ochsenfurt

    Traumwelten für Ochsenfurts Türme

    Die Ochsenfurter Grundschüler (damals 2., mittlerweile 3. Klasse) haben einen Trickfilm zu den Türmen Ochsenfurts gedreht: Was wäre in den Türmen, wenn es nach den Wünschen der Kinder ginge? Im Bild (v.l. oben im Uhrzeigersinn): Marieke, Magnus, Eva, Silke Grünewald, Luan, Magdalena, Alva. Foto: Catharina Hettiger

    Am heutigen Mittwoch wäre ihr großer Tag gewesen: Die Drittklässler der Grundschule Ochsenfurt hätten ihren Film, die „Ochsenfurter Turmträume“, auf der großen Kinoleinwand sehen können – beim Finale des Kinderfilmfests des Bezirksjungendrings Unterfranken, das in diesem Jahr im Casablanca in Ochsenfurt stattfinden sollte.

    Doch in der vergangenen Woche erreichte die Hobbyfilmer eine schlechte Nachricht: Die Veranstaltung musste abgesagt werden. Sie war kurzfristig nach Ochsenfurt verlegt worden, weswegen laut Veranstalter der Vorlauf gefehlt hatte und sich zu wenig Kinder und Schulklassen angemeldet hatten. Für Silke Grünewald, Lehrerin an der Grundschule Ochsenfurt, unter deren Leitung im Sommer 2018 der Film zusammen mit ihrer damaligen zweiten Klasse entstanden war, kam die Absage überraschend, "die Klasse war sehr traurig und enttäuscht", so Grünewald.

    Als „kleinen Wissensfilm mit Spaß und Fantasie“ bezeichnet eine der mitwirkenden Schülerinnen den neun Minuten langen Stop-Motion-Trickfilm. Die Idee dazu kam Silke Grünewald am Schuljahresende – beim Gedanken daran, dass sie sich bald von ihren Schülern als Klassenlehrerin verabschieden musste. „Es war eine Art Abschiedssentimentalität, ich wollte noch ein Abschlussprojekt mit ihnen machen“, so Grünewald. Die Pädagogin hat Erfahrung mit Trickfilmen; zwei Projekte sind unter ihrer Leitung bereits entstanden.

    Dass die Ochsenfurter Türme im Zentrum des Films stehen sollten, beschlossen Grünewald und ihre Schüler wenige Wochen vor den Sommerferien: Im Rahmen einer Lesenacht ließen sich die Zweitklässler in der Dunkelheit von einer Stadtführerin Ochsenfurt zeigen – und lernten dabei auch einiges über die Türme der Stadt. Das Thema und die Tatsache, dass die Türme leer stehen, ließ die Schüler nicht mehr los: Was könnten die Türme beherbergen – wenn es ausschließlich nach den Wünschen der Kinder ginge?

    Für die Schüler wäre der Klingentorturm der ideale Ort für ein "Mini-Luxushotel für Kinder, mit Schwimmbad und schneller Rutsche". Foto: Film-Screenshot (facebook)

    Streichelzoo und Mini-Luxushotel in den Türmen

    „Vielleicht hat die Stadt Ochsenfurt ja mal so viel Geld, dass sie im Stadtrat gar nicht mehr wissen, was sie damit machen sollen“, eröffnet die Stimme eines Mädchens den Film, und ein Junge ergänzt: „Für den Fall sollten wir vorbereitet sein.“ Was beim Brainstorming der Kinder herauskam, war ebenso vielseitig wie fantasievoll: Vom Süßigkeiten-Paradies mit Eismaschine, über einen Streichelzoo und ein Mini-Luxushotel für Kinder „mit Schwimmbad und schneller Rutsche“, bis hin zum Weihnachtszauberland „mit Lebkuchen und Dauerschnee, der nicht kalt ist“, wurde jedem Turm eine Funktion zugedacht.

    Durch den Film führen ein Junge und ein Mädchen, denen ein Ritter aus dem Mittelalter zur Seite steht. Dieser versorgt die Zuschauer mit historischen Jahreszahlen und Fakten zu den Türmen, während der Junge und das Mädchen die Traumwelten in den einzelnen Türmen präsentieren. Um zu zeigen, wo in Ochsenfurt sich die Kinder und der Ritter gerade befinden, laufen die drei im Film in Form kleiner Legomännchen über einen Stadtplan.

    Anhand von Legomännchen, die über den Stadtplan von Ochsenfurt laufen, erfahren die Zuschauer, welcher Turm gerade vorgestellt wird. Foto: Film-Screenshot (facebook)

    Auch im Stadtrat kam der Film gut an

    Den Text zum Film hat Grünewald geschrieben, gesprochen haben ihn die Schüler. „Beim Stop-Motion-Trickfilm können die Kinder viel selber machen“, so die Lehrerin. Ob es um das Malen des Innenlebens der Türme ging, das Bewegen der einzelnen Bilder oder das Vertonen: Fast immer seien – in Kleingruppen untereilt – alle 24 Kinder der damaligen Klasse 2a dabei gewesen, erklärt Grünewald.

    Und das voller Eifer: „Ich hab‘ mich jeden Tag auf die Schule gefreut“, sagt Marieke. Die Turm-Ideen der Kinder könnten viele Probleme lösen, findet Luan: „Wer kein Spielzeug hat, kann es sich kostenlos im Spielzeugturm ausleihen, wer kein eigenes Haustier hat, kann im Streichelzoo Tiere versorgen und Hunde ausführen.“ „Es wäre cool, wenn der Stadtrat wirklich genug Geld für die Pläne hätte“, so Magdalenas Fazit.

    Tatsächlich hat der Film seinen Weg ins Rathaus gefunden: „In der letzten Sitzung vor den Sommerferien 2018 haben sich die Stadträte unser Werk angeschaut“, sagt Grünewald. Dort kam der Film so gut an, dass ihn die Stadt auf ihre offizielle Facebook-Fan-Seite gestellt hat, wo er innerhalb eines Monats bereits über 2200 Mal aufgerufen wurde.

    „An den Film werden sich die Schüler noch lange erinnern – daran, ob der Matheunterricht schön war, wahrscheinlich weniger.“
    Silke Grünewald, Lehrerin an der Grundschule Ochsenfurt

    "Sehr positiv" seien die Reaktionen im Stadtrat auf den Film gewesen, erinnert sich Bürgermeister Peter Juks. Er bedauert, dass die Türme aktuell kaum genutzt werden. Lediglich im Rahmen der Stadtführung "Unterwegs mit dem Türmer" können Interessierte einen Blick in den Oberen Turm, den Klingentorturm und den Taubenturm werfen, erklärt Stadtführer und "Türmer" Bernhard Sohn. Diese Führungen sind keine öffentlichen Führungen, sondern müssen privat gebucht werden.

    Um die Türme für Themen- und Gästeführungen im größeren Stil sowie für andere Zwecke zu aktivieren, seien Brandschutz, mehr Licht, Sauberkeit sowie ein zweiter Rettungsweg Voraussetzung, sagt Bürgermeister Juks. Die Tatsache, dass „Deutschlands kleinste Jugendherberge“ im Klingentorturm im Jahr 2010 schließen musste, reut Juks. Der Standard sei sehr spartanisch gewesen; die Kriterien des Jugendherbergsvereins habe man nicht mehr erfüllen können. Aber: „Man muss nicht Mitglied des Verbands sein, um eine Unterkunft anbieten zu können“, sagt Juks. Und: Es gebe in der immer wieder Anfragen nach einer einfachen Beherbergung, etwa von Pilgern und Wanderern. 

    Auch wenn die „Ochsenfurter Turmträume“ am Mittwoch doch nicht auf der Kinoleinwand laufen – für Silke Grünewald bleibt das Projekt, das nun voraussichtlich beim „Bayerischen Kifinale“ im Juli 2020 in Würzburg zu sehen sein wird, ein voller Erfolg: „Die Kinder haben viel gelernt – vom deutlich Sprechen beim Vorlesen bis hin zu sozialen Kompetenzen, um sich bei ihren Ideen zu einigen.“ Sie ist sich sicher: „An den Film werden sich die Schüler noch lange erinnern – daran, ob der Matheunterricht schön war, wahrscheinlich weniger.“

    Stop-Motion Trickfilm "Ochsenfurter Turmträume"
    Stop-Motion-Trickfilme bestehen aus vielen Einzelbildern, die schnell nacheinander abgespielt werden. Für die Produktion braucht man eine Kamera und ein Aufnahmegerät oder Handy, um den Ton zum Film aufzunehmen. Die „Ochsenfurter Turmträume“ bestehen aus 1117 Einzelbildern – fünf Bildern pro Sekunde. Damit die Bewegungen im Film flüssig aussehen, sollten sich die Bilder jeweils nur um eine Kleinigkeit unterscheiden. Neben genauem Arbeiten und einer ruhigen Hand ist eine sogenannte Trickfilmbox von Nutzen. In ihr kann man die einzelnen Bilder des Films genau arrangieren; die Kamera hat außerdem auf der Box einen festen Platz, so dass man kein Stativ braucht. Die "Ochsenfurt Turmträume" sind auf der Facebook-Fanpage der Stadt Ochsenfurt zu sehen: www.facebook.com/stadtochsenfurt/videos

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