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    WÜRZBURG

    Trautenauer Heimatkreis ist 60 Jahre alt

    Monatlich treffen sich ein paar ältere Damen und Herren hoch droben unterm Dach des Stadtarchivs. Denn dann geht der emeritierte Romanistikprofessor Winfried Kreutzer auf „Schatzsuche mit Rübezahl“. Der gebürtige Trautenauer erzählt aus der Geschichte der böhmischen Region, in der Sudetendeutsche siedelten. Diese wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs vertrieben und ließen sich in größerer Zahl in Würzburg nieder. Vor 60 Jahren gründeten sie hier einen Heimatkreis, die Stadt übernahm die Patenschaft. 2008 wurde daraus eine Städtepartnerschaft, diesmal auch mit Zutun der Tschechen.

    Und warum Rübezahl? Weil der bekanntermaßen im Riesengebirge daheim war, in dem auch Trautenau liegt. Aus Anlass des 60. Geburtstags des Heimatkreises wurde die Kreutzersche „Schatzsuche“ als eine größere Gesprächsrunde aufgezogen, mit zwei Professoren, zwei Stadträten und Zeitzeugen. Über zwei Punkte herrschte am Tisch Einigkeit: Der Austausch zwischen dem heutigen Trutnov und Würzburg sollte belebt werden und über Höflichkeitsbesuche politischer Delegationen hinausgehen.

    Neue Satzung erforderlich

    Vor allem aber braucht der Heimatkreis eine neue Satzung, in der keine Entschädigungsforderungen mehr gestellt werden. Der stellvertretende Vorsitzende Wigbert Baumann sagte: „Der Heimatkreis Trautenau stellt sich zur Zeit neu auf. Er befindet sich noch in einem Dilemma, denn auf der einen Seite wird er mit Tradition und Vertreibung in Verbindung gebracht. Andererseits wird er unter den deutsch-internationalen Gesellschaften geführt, was er formal aber noch gar nicht ist.“

    Susanne Eisele, auch in Trautenau geboren, sogar wohnhaft in der Trautenauer Straße in Würzburg, sagt ganz klar: „So lange ein ,Recht auf Entschädigung‘ in der Satzung steht, bin ich nicht bereit, ein Amt im Heimatkreis zu übernehmen.“ Mit mehreren anderen Kreisangehörigen teilt sie die Erfahrung aus zahlreichen Reisen in die alte Heimat: „Die Angst vor Entschädigungsforderungen hat die Tschechen lange Zeit an weiteren Schritten zur Aussöhnung gehindert.“ Franz Kuhn beispielsweise streitet ab, dass es ein historisches Recht auf Familienbesitz geben könne: „In 100 Jahren sind die Grenzen wieder anders gezogen…“

    Die Würzburg-Trautenauer freut es zu sehen, dass die Sorge der Tschechen schwindet. Das Rübezahl-Gespräch im Dezember kommt auf den Fernsehfilm „Töten auf Tschechisch“, der von Mord und Totschlag an Sudetendeutschen handelt. Der lief drüben zur besten Sendezeit, in Deutschland hingegen spät nachts, „damit es nicht heißt, das deutsche Fernsehen habe revanchistische Tendenzen“, so Matthias Stickler, Professor für Neueste Geschichte an der Uni Würzburg.

    Stickler wirbt auch dafür, der tschechischen Flüchtlingspolitik und ihrer Abwehrhaltung mehr Verständnis entgegenzubringen. Nach den Erfahrungen mit zwangsangesiedelten Fremden – in ehemals deutsche Ortschaften wurden in bunter Mischung auch Ungarn und Jugoslawen eingesetzt – könne sich „eine Willkommenskultur schwerer ausbreiten“.

    Und noch ein historisches Streiflicht hatte der Geschichtsprofessor parat: In den sudetendeutschen Landsmannschaften sei es nach dem Krieg zur „unvermutet engen Zusammenarbeit“ zwischen dem rechtskonservativen Witikobund, der sozialdemokratischen Seliger- und der katholischen Ackermanngemeinde gekommen, wobei der Witikobund die Meinungsführerschaft übernommen habe. Die gehe derzeit aber zurück.

    In Würzburg allemal. Der Trautenauer Heimatkreis-Vize ist auch Kreiskassenwart der Linken.

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