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    Kürnach

    Treffen in Kürnach: Wie Bauern den Politikern den Marsch blasen

    Die unterfränkischen Landwirte der Initiative "Land schafft Verbindung" haben Politiker zur Diskussion nach Kürnach eingeladen. Dabei kam es zu einem hefigen Schlagabtausch.
    Über 400 Landwirte kamen zur Diskussion mit Politikern in die Höllberghalle nach Kürnach. Die Vereinigung "Land schafft Verbindung" hatte zu der Veranstaltung eingeladen. Foto: Thomas Obermeier

    Die Bauern sind sauer. Stinksauer: "Wir fühlen uns wie ein Bulle kurz vor der Schlachtung", beschreibt Claus Hochrein, Sprecher der Initiative "Land schafft Verbindung" die derzeitige Situation der Landwirte. Daher hat die Initiative unter dem Motto: "Wir müssen reden, deshalb bitten wir zu Tisch" Politiker am Donnerstagabend in die Höllberghalle nach Kürnach (Lkr. Würzburg) zur Diskussion eingeladen. Die Halle ist bis auf den letzten Platz besetzt, einige müssen auch stehen. Gekommen sind über 400 Landwirte aus ganz Unterfranken und neun Politiker von CSU, Grüne, FDP und Freie Wähler. Von der ebenfalls eingeladenen SPD kam kein Vertreter.

    Claus Hochrein: "Wir brauchen jetzt Lösungen!"

    "Was uns am meisten unter den Nägeln brennt, ist die Verschärfung der Düngeverordnung 2020", sagte Hochrein, der als Moderator souverän durch den Abend führte. "Wir lehnen den Entwurf komplett ab, weil er in der Praxis nur schwer umsetzbar ist." Mit der neuen Düngeverodnung, die ab Mai 2020 in Kraft treten könnte, soll die EU-Nitratrichtlinie künftig eingehalten werden. Im Juni 2018 hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) Deutschland deshalb verurteilt. Die Initiative zweifelt allerdings an, dass die Nitratwerte im Grundwasser tatsächlich so hoch sind und fordert eine Überprüfung des Messnetzes. Mit Blick auf die Politiker sagt Hochrein: "Wir brauchen jetzt Lösungen, damit wir auch nach 2020 noch wirtschaften können." Tosender Applaus!

    Claus Hochrein, Sprecher der Initiative "Land schafft Verbindung", redete Klartext mit den Politikern beim Diskussionsabend in der Höllberghalle in Kürnach. Foto: Thomas Obermeier

    Anja Weisgerber: "Wir kommen mit Taten."

    Als Erste tritt "die Anja", wie sie hier fast freundschaftlich genannt wird, ans Mikrofon. Gemeint ist die CSU-Bundestagsabgeordneter Weisgerber aus Schwebheim (Lkr. Schweinfurt). "Wir kommen mit Taten", sagt die Umweltpolitikerin. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder habe bei der Klausurtagung in Kloster Seeon eine Überprüfung der geplanten neuen Düngeverodnung zugesichert. "Wir werden das Messnetz neu überprüfen", verkündet sie. Außerdem müsse es mehr Austausch zwischen Bund und Ländern geben. Auch die Verbraucher will Weisgerber zur Kasse bitten: "Wir müssen erreichen, dass die Lebensmittel auch wieder das kosten, was die Wert sind."   

    Diese CSU-Politiker stellten sich der Diskussion mit den Bauern: Paul Lehrieder (Bundestagsabgeordneter), Wilhelm Schneider (Landrat Haßberge) und Anja Weisgerber (Bundestagsabgeordnete).  Foto: Thomas Obermeier

    Immer wieder melden sich auch Landwirte aus dem Publikum zu Wort. Selten stellen sie den Politikern Fragen, vielmehr wollen sie ihrem Ärger Luft machen. Manche tun dies sachlich, andere eher polemisch: "Wir Landwirte sind ökologischer als Greta", ruft einer der Anwesenden ins Mikrofon. Dann wird wieder lautstark gepfiffen und geklatscht. Doch Claus Hochrein hat seine Landwirte im Griff. Und wer zu lange spricht, dem wird schon mal das Mirko einfach abgenommen. Als zweiter Politiker erhält "der Paul" das Wort. Auch der Würzburger CSU-Bundestagsabgeordnete Lehrieder wird in diesem Kreis geduzt.

    Neun Politiker aus Unterfranken stellten sich der Diskussion mit den Bauern am Donnerstagabend in der Höllberghalle in Kürnach.  Foto: Thomas Obermeier

    Paul Lehrieder will sich für die Herbstdüngung stark machen

    "Wir wollen uns stark machen, dass die Herbstdüngung auch weiter möglich ist", sagt Lehrieder. Für diese Aussage gibt es langanhaltenden Applaus. Die Herbstdüngung wäre in Nitrat belasteten Gebieten verboten, wozu Unterfranken nahezu komplett zählt. "Wir Landwirte wären gezwungen, große Lagerräume für Gülle zu bauen", erklärt Hochrein. Unter diesen Bedingung wäre erfolgreiches Wirtschaften nicht mehr möglich. "Wir müssen von unserer Arbeit im Stall auch leben können!" Von den Politikern erwarte die Initiative Taten. 

    Als die Landtagsabgeordnete Barbara Becker (ebenfalls CSU) verkündet, dass für etwa 6,6 Millionen Euro neue Stellen an den Wasserwirtschaftsämtern geschaffen würden, für Mitarbeiter, die dann das neue Nitrat-Messnetz kontrollieren sollen, platzt Claus Hochrhein der Kragen: "Wir brauchen keine neuen Messstellen! Und wir haben genug Leute in der Verwaltung. Das Geld könnte wesentlich besser angelegt werden!", ruft er empört. "Wir wollen euch helfen und nicht behindern", verteidigt sich Becker.

    Buh-Rufe für den Grünen Paul Knoblach

    Schwer am Rednerpult hat es der Grünen-Landtagsabgeordnete Paul Knoblach. Das von den Grünen vorangetriebene Volksbegehren "Rettet die Bienen" war vielen Landwirten negativ aufgestoßen. Woher die hohen Nitratwerte im Wasser kommen, obwohl Unterfranken kein viehstarker Landstrich ist, kann auch Knoblach nicht beantworten, obwohl er selbst Landwirt ist. "Die Kuh steht auf dem Eis und muss runter", sagt der Grünen-Abgeordnete und verlässt das Rednerpult unter Buh-Rufen. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Karsten Klein aus Aschaffenburg zeigte sich solidarisch mit den Landwirten: "Der Erhalt der Schöpfung treibt uns alle um." Anschließend wird er mit den Worten: "Wir machen hier keinen Wahlkampf" von Hochrein vom Mikrofon geschoben.

    Paul Knoblach, Landtagsabgeordneter der Grünen, erntete auch Buh-Rufe von den Landwirten. Foto: Thomas Obermeier

    Von allen Politikern fordert Claus Hochrein mehr Verlässlichkeit: "Ihr denkt nur in Wahlperioden, wir denken für unser ganzes Leben", wirft der Sprecher der Initiative "Land schafft Verbindung" den Mandatsträgern vor. Die Politiker drückten den Bauern eine nach der anderen Verordnung auf und diese seien nicht mehr in der Lage, diese umzusetzen. "Ihr müsst uns jetzt helfen, sonst seid ihr fehl am Platz!" Einige Landwirte drohen den Politikern damit, diese auch nicht mehr zu wählen. Mit Pfiffen und tosendem Applaus endet die Veranstaltung.

    Land schafft Verbindung
    Der Initiative "Land schafft Verbindung" haben sich seit Ende letzten Jahres Zehntausende Landwirte aus ganz Deutschland angeschlossen, um mehr Mitsprache in der Agrarpolitik zu fordern. "Wir sind kein Verein, sondern eine freie Basisbewegung", sagt Dominik Herrmann, Pressesprecher der Initiative für Unterfranken.
    Auch in der Region gab es schon Protestaktionen: So legten etwa 1000 Bauern im Oktober 2019 mit ihren Traktoren die komplette Würzburger Innenstadt lahm. Am Freitag, 17. Januar, fahren Traktoren vom Landkreis Kitzingen aus auf der B8 nach Nürnberg, um auch dort gegen die geplante Düngeverordnung zu protestieren.

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