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    WÜRZBURG

    Türen auf im neuen Technikum

    Faszinierend: rotes Glas

    Was haben die Themen „Energie“, „Umwelt“ und „Gesundheit“ mit Chemie zu tun? Wie wird Glas rot? Und wie sehen Batterien in Zukunft aus? Solche und andere Fragen beantworten Forscher des Würzburger Fraunhofer-Instituts für Silicatforschung (ISC) am kommenden Samstag, 20. September. Von 13 bis 16 Uhr gewähren sie Einblicke in die neuen Labors und in ihre Arbeit. Auch für kleine Besucher wird mit „Chemie für Kinder“ etwas geboten.

    Die aufwendige technische Ausstattung des 2 500 Quadratmeter umfassenden Technikums III „hebt die angewandte Materialforschung auf eine neue Ebene“, schreibt das ISC in seiner Ankündigung. So wurden spezielle Labors geschaffen, die nah an den industriellen Prozessstandards sind und auf eine noch produktionsnähere Materialentwicklung abzielen – zum Beispiel für Beschichtungen, regenerative Medizin und Diagnostik oder Batteriematerialien. Speziell für Entwicklungen im Bereich Medizintechnik und Biomaterialien hat das ISC im neuen Technikum einen Reinraum geschaffen, der sich an den Anforderungen der sogenannten Good Manufacturing Practice, den internationalen Standards zur Qualitätssicherung bei der Herstellung von Pharmazeutika, Medizinprodukten, Lebensmitteln oder auch Kosmetika orientiert. Beim Tag der offenen Tür gibt's Kurzvorträge und Rundgänge dazu.

    Fassade aus geschwungenem Glas

    Besucher können einfach nur die Räumlichkeiten auf sich wirken lassen und mehr erfahren über die Besonderheiten des spektakulären Gebäudes, das das Büro von Stararchitektin Zaha Hadid konzipierte. In einigen Elementen der ohnehin schon beeindruckenden Fassade aus geschwungenem Glas ist eine neuartige Glasbruchsensorik integriert worden – eine Eigenentwicklung des Fraunhofer ISC, die die Wissenschaftler jetzt hier in Langzeittests prüfen. Das Ziel ist ein zuverlässiges Frühwarnsystem für moderne Glasfassaden, das kleinste Risse auch an schwer einsehbaren Stellen schon erkennt, bevor es zu schwerwiegenden Schäden kommen kann.

    Am Tag der offenen Tür können Besuchern auch die einzigartige Sammlung roter Glasminiaturen bestaunen. Schon seit der Antike hat rotes Glas die Menschen fasziniert – so auch den ersten Leiter des Fraunhofer ISC Professor Horst Scholze. In 36 Jahren trug der Glas-Chemiker über 800 Objekte aus rotem Glas zusammen. Dabei gab es für Scholze nur eine Einschränkung: Die einzelnen Stücke durften nicht höher als zehn Zentimeter sein – so passten sie in seine privaten Sammlungs- und Ausstellungsvitrinen. Von 1961 bis 1997 sammelte Scholze gemeinsam mit seiner Frau Gisela während seiner Reisen zu Symposien, Tagungen und Fachgesprächen rund um den Globus Gegenstände aus rotem Glas.

    Miniaturen aus rotem Glas

    Vase, Schale, Kelch, Fläschchen oder Schmuckdose: die Stücke zeigen die vielfältigen Nuancen von roter Farbe: Manganviolett, Rosalin, Rubinrot, Selenrot, Kupferrot oder opakes Rot. Das gemeinsame Interesse für Glas und ihre Arbeit brachte Scholze mit Hans Löber, dem Glas-Physiker und Gründer des Glasmuseums Wertheim zusammen. Nach seinem Tod ging daher der größte Teil der Sammlung als Nachlass an das Glasmuseum Wertheim über, das sie im Jahr 2010 komplett in einer umfassenden Ausstellung zeigte. Nun sind die Objekte aus rotem Glas wieder als Dauerleihgabe ins Fraunhofer ISC heimgekehrt. Ausgewählte Stücke der Sammlung mit Jahrhunderte alten Werken sind am Tag der offenen Tür zu sehen.

    Den Chemiker Scholze faszinierte rotes Glas, weil es anspruchsvoll und kompliziert in der Herstellung ist. Von der Antike bis zum 16. Jahrhundert war es nur möglich, rotes Glas in opaker Form herzustellen. Erst ab dem 16. Jahrhundert gelang es, durchscheinendes Glas mit gleichmäßiger roter Färbung anzufertigen. Transparentes rotes Glas konnte erst im 17. Jahrhundert mit der Entwicklung des Goldpurpurs und eines geeigneten Verfahrens zur Produktion von Goldrubinglas in größeren Mengen produziert werden. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts verdrängten neue „Luxusgläser“ aus Böhmen das Goldrubinglas. Einer Glashütte in Böhmen gelang 1827 die Herstellung von Rosalin und Goldrosé.

    Suche nach Ersatzfarbstoff

    Mit der Wiederentdeckung des Kupferrubinglases begann in den 1820er Jahren die Massenproduktion rubinroter Gläser. Im Jahre 1891 entstanden die ersten mit Selen rubinrot gefärbten Gläser. Heute werden rubinrote Gläser überwiegend in Ländern wie China und Indien angefertigt. Bei der Produktion werden das giftige Cadmium und das teure Selen als „Anlauffarben“ verwendet. Nichttoxische Ersatzfarbstoffe und Beschichtungen sowie die Verringerung des Edel-Metallgehaltes bei der Erzeugung von rotem Glas beschäftigen heute die Forschung – auch im Fraunhofer ISC.

    Willkommen im Technikum III: Das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC am Neunerplatz öffnet am Samstag sein neues Forschungsgebäude für Besucher. KATHRIN HEYER FÜR FRAUNHOFER ISC Foto: Foto:

    saw

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