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    MOOS

    „Viel mehr als eine Zweck-WG“

    Über kurvige Landstraßen geht es entlang nach Moos im Landkreis Würzburg. Ein bisschen wie ein Hexenhäuschen sieht das Zuhause der „Mooser-WG“ am Abtsrain aus, Weinreben ranken an der Hauswand entlang, ein bunter Briefkasten begrüßt den Besucher am Treppenaufgang. Ewas ab vom Schuss wohnt man hier schon, das aber tut der guten Laune der Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft keinen Abbruch. Man hat das Gefühl, dass die vier Frauen, die hier zusammen leben, sich gesucht und gefunden haben. „Es ist viel mehr als nur eine Zweck-WG. Es sind tiefe Freundschaften entstanden“, sagt Linda Amamra, die hier seit 2013 wohnt.

    Die 24-Jährige studierte in Würzburg Politikwissenschaften und schloss mit dem Bachelor ab. Derzeit macht sie in Erlangen einen Master in Politik. Aus Geroldshausen wegziehen wollte sie aber auf keinen Fall. „Dann nehme ich lieber die Pendelei in Kauf.“ Während Linda, die sich als Gästeführerin in die Stadt Würzburg verliebt hat, politisch aktiv ist und leidenschaftlich gern für die WG kocht, wird die 22-jährige Lisa Willand gerne mal „das Brain“ (das Gehirn) genannt. Sie ist fleißig, strukturiert und „unheimlich diszipliniert“, erklären ihre Mitbewohnerinnen. Kein Wunder, dass die junge Frau Luft- und Raumfahrtinformatik studiert und Pilotin werden möchte.

    Die Vierte im Bunde ist die 24-jährige Sophie Holzhauer, die „Kreative“, die eigentlich immer gut gelaunt ist und „irgendwie immer unter Strom steht“, wie die Frauen liebevoll anmerken. „Sie hat ein besonderes Händchen für Deko und Geschenke, da lassen wir uns immer gerne beraten.“ Die Wohngemeinschaft komplett macht die 61-jährige Petra Dlugosch.

    Freundin und Ersatzmama

    „Sie ist Freundin und auch ein bisschen Ersatzmama zugleich“, sagen die Studentinnen und wissen besonders ihr breit gefächertes Wissen und ihre Ratschläge zu schätzen. Petra gehört das Haus, in dem auch ihre drei Söhne groß geworden sind. Nach ihrer Scheidung und dem Auszug der Söhne bot sich die Gelegenheit für die lang ersehnten „Ersatztöchter“. Denn: Allein zu leben war nichts für die quirlige Brünette, die es mag, „wenn etwas los ist“. Da sei ihr in 2010 die Idee zur WG-Gründung mit jungen Menschen gekommen. Ganz fern lag der Gedanke nicht, leitet die 61-Jährige doch bei der Caritas das Projekt „Mehrgenerationen-Haus“, bei dem es darum geht, ältere und jüngere Menschen zusammenzubringen.

    Fernsehabende auf der Couch, gemeinsames Kochen, Gartenarbeit, aber auch Theaterbesuche, Ausflüge und sogar der ein oder andere gemeinsame Urlaub stehen seither auf dem Plan. „Bei uns wird es nie langweilig“, sagt Linda. „Und wenn wir hier Partys feiern, dann feiert Petra einfach mit.“ Außerdem habe jeder ein offenes Ohr für den anderen, fügt Sophie an. Die 24-Jährige erzählt, dass es noch nicht einmal einen Putzplan gibt, „es klappt eigentlich alles wunderbar so“. Und was das Essen angeht, komme sie sogar in den Genuss exotischer Speisen, da Linda Halb-Algerierin ist, freut sich Petra.

    Gegenseitige Bereicherung

    Derzeit wohnt sogar noch Petras Sohn Franz vorübergehend mit im Haus. Auch der scheint die Idylle nicht zu stören. „Eigentlich streiten wir fast nie, und wenn mal schlechte Stimmung herrscht, wird es ausdiskutiert“, so Linda. Toll findet die 24-Jährige auch, „dass wir uns alle gegenseitig bereichern“. So half Lisa ihr zum Beispiel dabei, die Statistik-Klausur an der Uni gut zu bestehen, Linda wiederum brachte Petra die Politik näher und Ex-Mitbewohnerin Regina (die noch genauso zur 'Familie' gehört), korrigierte Petras Master-Arbeit. Die 61-Jährige nämlich hatte vor einigen Jahren als damals älteste Studentin des Fachs einen Master in Gerontologie gemacht. „Das finden wir super“, sagt Regina.

    Auch wenn es mal schwierig wird, halten die Frauen zusammen. So hat Petra schon die ein oder andere Trennung tröstend begleitet und erst vor einigen Wochen hielten alle zusammen, als WG-Hund Lilli schwer erkrankte. „Es war unglaublich traurig, als sie gestorben ist. Sie war unser aller Hund“, erzählt Linda.

    Das neueste Projekt der WG ist eine Wohnzimmerlesung mit der Schauspielerin Edith Abels rund um Jehuda Amichais Roman „Nicht von jetzt, nicht von hier“.

    Als Vernetzerin bekannt

    Auch Petra, die gerne Menschen miteinander vernetzt, war begeistert. Durch ihre Reisen und ihre offene Art hat die 61-Jährige Freunde in der ganzen Welt, „die meine Mädels auch besuchen können“. Was das Umfeld ihrer Mädchen angeht, weiß sie bestens Bescheid. „Wenn eine mal nicht nach Hause kommt, wird gleich geschaut wo sie sein könnte.“ Auch kennt Petra alle Familienangehörigen ihrer Mitbewohnerinnen.

    Umgekehrt ist einiges los, wenn ihre drei Söhne mit Partnerinnen plus Kinder zu Besuch kommen. „Die Enkelkinder von Petra gehören für uns genauso dazu. Wir gehen mit denen in den Wildpark, helfen beim Anziehen oder Füttern“, sagt Lisa. Manch eine Träne ist schon geflossen, wenn eine Mitbewohnerin dann doch mit dem Freund zusammenzog oder aus beruflichen Gründen woanders landete, erzählt Petra. Doch mit den meisten ist der Kontakt erhalten geblieben. „Wenn ich meine Mutter telefonisch nicht erreiche, rufe ich Petra an“, sagt Regina. Und etwa ein- bis zweimal im Monat besuche sie die WG.

    „Nicht von jetzt, nicht von hier“: Die Wohnzimmerlesung mit der Schauspielerin Edith Abels ist am Samstag, 14. April, um 19 Uhr in der Wohngemeinschaft Zum Abtsrain 2 in Geroldshausen-Moos. Anmeldung bitte unter der E-Mail amamra@julis.de oder Tel. 01 57 85 96 7 879

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