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    Röttingen

    Voller Einsatz für die Frankenfestspiele: das Extra-Ensemble

    Sie tanzt leidenschaftlich gern, er ist auf schräge Rollen abonniert: Nicole Reißmann-Balling und Gerd Zimmermann gehören seit Jahren zum Kern des Extra-Ensembles der Frankenfestspiele Röttingen. Foto: Thomas Obermeier

    Sie sind Teil der großen Festspiel-Familie: Nicole Reißmann-Balling (44) und Gerd Zimmermann (63). Zusammen mit den Profis spielen sie in dieser Saison im Musical "Hello, Dolly". Die beiden gehören seit vielen Jahren dem Extra-Ensemble der Frankenfestpiele Röttingen an. Im Gespräch erzählen sie, was sie daran reizt - und was sie auf und abseits der Bühne schon alles erlebt haben.

    Frage: Sie ergänzen bei den Frankenfestspielen das professionelle Ensemble - wären Sie gern selbst Profis?

    Nicole Reißmann-Balling: Ich glaube, ich bin nicht der Typ Mensch dazu. Ich habe meinen Beruf, mit dem ich Geld verdiene. Als Schauspieler und Sänger muss man schauen, dass man immer Engagements hat, man reist durchs Land. Ich bin Familienmensch, ich bin glücklich hier auf dem Land. Ich möchte wissen, was morgen ist und brauche eine gewisse Sicherheit. Für mich ist das Extra-Ensemble als Hobby toll.

    Gerd Zimmermann: Ich hatte eine Zeit, in der ich in Festzelt-Bands gespielt habe, mit 80 bis 100 Auftritten im Jahr. Da habe ich überlegt, meinen Beruf aufzugeben und Profi zu werden. Aber es hat sich dann nicht ergeben, und man wird auch älter. Als Berufsmusiker hat man oft viel Stress. Es ist besser, dass es nicht so kam.

    Wie lange sind Sie schon bei den Frankenfestspielen dabei?

    Reißmann-Balling: Seit 2005 – damals gab es noch kein Extra-Ensemble. Wir sind als reine Tanz-Ensembles über die Röttinger Ballettschule gekommen und wurden in die einzelnen Stücke eingebaut. 2013 hat Sascha Oliver Bauer die Frankenfestspiele als schauspielerischer Leiter übernommen und ein festes Extra-Ensemble aufgebaut.

    Zimmermann: Seitdem bin ich dabei, seit 2013.

    Mit Profis auf der Bühne zu stehen, reizt sie Jahr für Jahr aufs Neue: Nicole Reißmann-Balling. Foto: Thomas Obermeier
    "Ich bin eine wahnsinnige Rampensau, auch wenn ich privat relativ schüchtern und zurückhaltend bin."
    Gerd Zimmermann, Mitglied des Extra-Ensembles
    Was ist der Reiz am Extra-Ensemble?

    Reißmann-Balling: Der Reiz ist, als Laie mit Profis spielen zu dürfen und von ihnen anerkannt zu werden. Im Gesang, im Schauspiel gefördert zu werden, immer wieder Neues zu lernen. Und tolle Menschen kennenzulernen, es sind hier Freundschaften entstanden, die schon seit Jahren halten.

    Zimmermann: Ich kann hier alle Dinge, die ich ganz gut kann – bis auf Tanzen –, miteinander verbinden. Ich habe früher schon Theater gespielt, außerdem viel in Bands. Ich habe zehn Jahre lang Kabarett gemacht, war zwei Jahre musikalischer Leiter einer Kabarettgruppe. In Röttingen habe ich die ersten kleineren Sprech- und Charakterrollen bekommen.

    Sie bekommen für Ihren Einsatz kaum Geld.

    Reißmann-Balling: Deswegen bin ich auch nicht dabei. Ich wohne in Oellingen, da gibt’s kein Theater. Hier in Röttingen kann ich mein Hobby leben, das ist toll, ich liebe es.

    Zimmermann: Die Pauschale für alle Proben beträgt 250 Euro. Ich hab‘ fast 50 Kilometer einfach nach Röttingen zu fahren, ich lege also drauf, aber darum geht's mir nicht. Ich bin eine wahnsinnige Rampensau, auch wenn ich privat relativ schüchtern und zurückhaltend bin. 2018 hatte ich außerdem schweres Rheuma und habe lange gezweifelt, ob ich dieses Jahr dabei sein kann, weil ich wusste, dass es sehr viele Tanzszenen in „Hello, Dolly“ gibt. Dann hab' ich einen Vertrag gekriegt, in dem stand, dass ich nicht tanzen muss. Das fand ich toll - so eine Wertschätzung zu erfahren. Wenn man trotz einer Behinderung mitmachen darf, und es heißt: „Bitte sing' mit, wir brauchen Deine Stimme“.

    Auf der Bühne ist er in seinem Element: Gerd Zimmermann. Foto: Thomas Obermeier
    Wieviel Zeitaufwand bedeuten die Festspiele für Sie?

    Zimmermann: Das kommt auf den Intendanten beziehungsweise den jeweiligen Regisseur an – es gab schon beträchtliche Unterschiede, was Probenaufwand und Struktur anbelangt. So gut wie dieses Jahr waren die Proben noch nie strukturiert. Für „Hello, Dolly“ haben wir wegen der vielen Tanzszenen schon im Februar angefangen.

    Reißmann-Balling: Für das Musical haben wir schon öfter im Januar oder Februar mit den Choreografien angefangen. Die vergangenen Jahre ging es meist im April oder Mai los. In den sechs Wochen vor der Premiere haben wir sehr viel trainiert und geprobt: donnerstags, freitags und samstags, manchmal fürs Singen auch noch Anfang der Woche - jeweils drei bis vier Stunden.

    "Es gab schon Kostüme, bei denen man überlegt hat, ob man auf die Bühne geht – wenn deine drei Kinder im Publikum sitzen."
    Nicole Reißmann-Balling, Mitglied des Extra-Ensembles
    Wie integriert man so etwas in den Alltag?

    Reißmann-Balling: Es ist ein großer Zeitaufwand, aber man kann ihn einschätzen und einplanen. Ich arbeite in Teilzeit, darf Urlaub nehmen. Mein Mann unterstützt mich sehr; meine zwei großen Kinder auch. Meine Siebenjährige findet es nicht immer toll, wenn die Mama so oft weg ist. Dann laufen die Vorstellungen, und mit der Dernière ist es auch wieder vorbei. Danach kann man jedes Jahr selbst entscheiden, ob man das nochmal möchte oder nicht. Ich komme anscheinend nicht davon los (lacht).

    Zimmermann: Die Organisation der Probentermine geht, ich persönlich ordne alles Röttingen unter.

    Doppelrolle: In "Hello, Dolly" ist Gerd Zimmermann sowohl als Richter als auch als Koch zu sehen. Foto: Gerhard Meißner
    Was ist für Sie als Mitglied des Extra-Ensembles die größte Herausforderung?

    Zimmermann: Die Tanzszenen. Gesanglich bin ich total fit, ich mache seit 40 Jahren Musik, habe zweimal die Woche Chorprobe in zwei verschiedenen Chören. Diesmal hab' ich mir außerdem in meiner Rolle als Richter in „Hello, Dolly“ mit dem Text schwer getan. Er enthält Stichworte für einen der Hauptdarsteller – wenn ich ihn nicht exakt bringe, verpufft der Text des Kollegen, und das ist peinlich.

    Reißmann-Balling: Die Herausforderung ist, meine Rolle perfekt auszufüllen, in das Stück hineinzupassen, bis es auf der Bühne so aussieht, als ob ich genau da hingehöre. Und das Singen muss ich üben, immer wieder. Dass ich dann frei singen kann, wenn ich dazu tanze.

    Welche Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

    Zimmermann: Ich habe 2018 bei "Im weißen Rössl“ einen Bademeister gespielt und ein rosa Polo-Shirt verpasst bekommen, und eine rosa Pfeife. Das war am Anfang ein bisschen peinlich, aber da muss man durch (lacht).

    Als Bademeister "Im weißen Rössl": Gerd Zimmermann (im Hintergrund mit Fernglas). Foto: Gerhard Meißner

    Reißmann-Balling: Es gab schon Kostüme, bei denen man überlegt hat, ob man auf die Bühne geht – wenn deine drei Kinder im Publikum sitzen (lacht). Besonders in Erinnerung geblieben ist mir unter anderem „Sunset Boulevard“, da hatte ich eine eigene kleine Rolle. Bei „Der Graf von Monte Cristo“ durfte ich mit Menschen auf der Bühne stehen, die ich in Stuttgart schon im Musical gesehen hatte. Und dann die Premiere von „Jesus Christ“ im strömenden Regen: Es hätte stimmungsmäßig nichts Passenderes geben können, auch wenn alle tropfnass waren.

    An der Seite von Hauptdarstellerin Daniela Ziegler (Zweite v.l.): Nicole Reißmann-Balling (rechts) bei "Sunset Boulevard". Foto: Gerhard Meißner
    Begegnet man sich mit den Profis auf Augenhöhe?

    Reißmann-Balling: In den Anfangszeiten mit dem Ballett gab es schon Hierarchien, da hat man nicht unbedingt mit uns gesprochen. Die vergangenen Jahre war es immer ein Miteinander. Es ist oft vom Regisseur abhängig, ein Stück weit auch vom einzelnen Menschen. Und: Die Solisten, die nach Röttingen kommen, müssen ihr Stück auf die Bühne bringen, da ist manchmal kein Raum für anderes. In diesem Jahr haben wir eine tolle Gemeinschaft, wir treffen uns nach den Vorstellungen, trinken was zusammen.

    Zimmermann: Durch verschiedene Fahrgemeinschaften zu den Proben ist es in diesem Jahr für mich nicht einfach, nach den Auftritten noch wegzugehen. Früher waren wir oft in der Heckenwirtschaft zusammengesessen, ich hab' mir Autogramme geben lassen, mancher Schauspieler hat sein halbes Leben erzählt - das waren teils wunderschöne Abende.

    Besonderer Moment: Nicole Reißmann-Balling (Mitte) mit eigener kleiner Rolle in "Sunset Boulevard". Foto: Gerhard Meißner
    Haben Sie ein Wunschstück, eine Traumrolle?

    Zimmermann: Ich spiele gern schräge und witzige Rollen, das liegt mir am meisten. Ich würde gerne mal ein Solo singen, ich würde mir das zutrauen. Es wird nie klappen, das ist mir schon klar, aber es ist ein Traum.

    Reißmann-Balling: Mein Lieblingsmusical ist „Tanz der Vampire“, das wird's nie in Röttingen geben, aber da würde ich gern mal tanzen. Immerhin durfte ich bei den Frankenfestspielen schon mal „Vampirette“ sein, bei „Dracula“.

    Was bedeuten die Frankenfestspiele für Sie?

    Reißmann-Balling: Sie sind der Zauber des Sommers, ein wunderschönes, tolles Hobby, das ich gerne weiterleben möchte.

    Zimmermann: Für mich sind sie der Höhepunkt des Jahres.

    Nicole Reißmann-Balling (unten rechts) als "Vampirette" bei der Generalprobe zu "Dracula". Foto: Gerhard Meißner
    Extra-Ensemble bei den Frankenfestpielen Röttingen
    Das Extra-Ensemble mit Laiendarstellern aus der Umgebung versteht sich als Ergänzung zum professionellen Ensemble der Frankenfestspiele Röttingen. In fast jedem musikalischen Bühnenwerk wird eine Gruppe gebraucht, die eine „Menge“ darstellt. Diese kann aus einem anonymen Block oder aus differenziert dargestellten Charakteren bestehen. Mitglieder des Extra-Ensembles sollten gesangliches und/oder tänzerisches Talent mitbringen und gern vor Publikum auftreten. Vor jeder neuen Spielzeit können sich Interessierte bewerben.
    Weitere Infos zu den Frankenfestspielen Röttingen: www.frankenfestspiele.de

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